Architektur in Ostfildern Aus dem Schweizer Haus wird eine Besenwirtschaft

Das Schweizer Haus der Domäne Weil lässt die Familie Clauss aus Ostfildern restaurieren. Mit Architekten und Experten aus dem Netzwerk der IBA wird aus dem privaten Vorhaben ein Modellprojekt. Foto: Ines Rudel

Die Familie Clauss aus Ostfildern baut das historische Schweizer Haus der Domäne Weil um. Dabei wird sie von Architekten aus dem Netzwerk der Internationalen Bauausstellung unterstützt.

Der neue Raum für die Besenwirtschaft im sogenannten Schweizer Haus der Domäne Weil ist bereits fertig. Wanderer und Gäste aus Ostfildern, Esslingen und der Region bekommen in dem holzgetäfelten Raum in der warmen Jahreszeit Biowein des jungen Wengerters Paul Clauss und schwäbische Spezialitäten. Die Familie hat das Gelände und das 200 Jahre alte Haus in Erbpacht erworben. „Wir wollten aus der historischen Bausubstanz etwas machen“, sagt Christof Clauss. Dabei wird die Familie vom Netzwerk der Internationalen Bauaustellung 2027 unterstützt.

 

„Diese Impulse von außen sind für uns unverzichtbar“, findet der Landwirt, der den Gästen bei Wein und Spezialitäten vom Biohof „die historischen Räume nahe bringen möchte“. Außerdem möchte er in dem historischen Gebäude Ausstellungen über ökologische Landwirtschaft zeigen. Mit der Projektleiterin Tina Muhr von Team der IBA’27 in Stuttgart ist die Familie Clauss seitdem im regen Austausch. Dass die Restaurierung des Schweizer Hauses Teil des internationalen Netzwerks ist, macht Clauss stolz. Mit Dennis Müller, Partner bei Von M Architektur in Stuttgart, betreut ein Experte für nachhaltige Baumaterialien und Restaurierung das Projekt. Für den Professor, der an der Hochschule in Düsseldorf Baukonstruktion und Entwerfen lehrt, ist das Projekt nicht zuletzt wegen seiner künftigen Nutzung spannend. „Am Anfang der Arbeit eines Architekten steht ein Ort im Bezug zum Menschen und dessen Bedürfnissen“, bringt er sein Konzept auf den Punkt. Mit möglichst einfachen Baumaterialien die historisch wertvolle Substanz nachhaltig zu sichern, macht für Müller den Reiz des Projekts auf der Domäne Weil aus. Dabei stehen für ihn nicht ästhetische Kriterien, sondern die Nutzer im Fokus.

Im oberen Stockwerk plant der junge Weingärtner Paul Clauss seine Wohnräume. Auf der Baustelle ist im Moment nur die grobe Raumaufteilung zu erkennen. Durch die Fenster hat er einen wunderschönen Blick aufs Neckartal. Künftig wird der Weinbauer wenige Schritte entfernt von den Weinbergen leben, die er an der Champagnestraße am Aufstieg zur Parksiedlung angelegt hat.

„Das Konzept sieht vor, möglichst einfach und reduziert den Bestand zu ertüchtigen und zu ergänzen, um eine neue Nutzung des Gebäudes zu ermöglichen und den Charme der alten Bausubstanz dabei zu erhalten“, fasst Tina Muhr die Pläne zusammen. Dabei arbeite man mit Handwerkern aus der Region, „die sich im Umgang mit der wertvollen Bausubstanz auskennen.“ Dass die Ertüchtigung solcher Gebäude für die privaten Investoren „immer auch eine Kostenfrage ist“, gibt Tina Muhr zu bedenken.

Von der Hofkammer in Erbpacht erworben

2017 hat die Familie Clauss das 50 Hektar große Grundstück mit dem Schweizer Haus und weiteren landwirtschaftlichen Gebäuden von der Hofkammer in Erbpacht erworben. Die Familie betreibt in Esslingen und in Ostfildern Landwirtschaft in der 14. Generation. Das Gebäude wurde vor 200 Jahren als Teil der landwirtschaftlichen Lehranstalt für die Landwirte und beherbergte die Musteranstalt für Milch-und Viehwirtschaft. Die Außenmauern des Gebäudes sind gut erhalten, ebenso wie das historische Balkendach.

Diese wertvollen Zeugnisse der Vergangenheit zu erhalten und zu dokumentieren, ist für den promovierten Bauhistoriker Timm Radt spannend. Der Experte kümmert sich im Team der Von-M-Architekten um Projekte, in denen mit alter Bausubstanz gearbeitet wird. Er hat die Eigenheiten des Schweizer Hauses sorgsam dokumentiert, um bei der Restaurierung möglichst nah an der Baugeschichte zu bleiben. Faszinierend findet Radt, dass an dem Gebäude mit gerundeten Stützbalken gearbeitet worden ist. Das sei etwas Besonderes.

Was hat das private Bauvorhaben der Familie Clauss für das Netzwerk der IBA so spannend gemacht? „Das stärkt die regionale Identität und setzt ein wichtiges Zeichen für Bestandserhalt und nachhaltige Entwicklung im Raum Stuttgart“, bringt Tina Muhr die Vorzüge auf den Punkt. Zwar zählt die Domäne Weil nicht zu den offiziellen Projekten der Bauausstellung. Im Netzwerk betreut das IBA-Team zukunftsweisende Projekte auf einer niederschwelligeren Ebene. Tina Muhr kann sich gut vorstellen, das Lokal der Domäne Weil mit seinem großen Veranstaltungsraum auch in die Festivals einzubinden.

Stefan Rothe, der den Fachbereich Baurecht und Planung bei der Stadt Ostfildern leitet, begleitet das Projekt. Der Erhalt der alten Bausubstanz sei „städtebaulich wertvoll für unsere Stadt“. Das will er unterstützen. Die Zusammenarbeit mit dem IBA-Netzwerk sei auch für die Stadt ein Gewinn. Auch bei den Genehmigungsverfahren half die Stadt. „Es war nicht einfach“, erinnert der ehemalige Erste Bürgermeister Rainer Lechner. Er ist auch Kreisrat und weiß, „wie schwierig es ist, Naturschutz und Bauen unter einen Hut zu bringen.“ Die Domäne Weil für die Menschen in der Stadt wieder erlebbar zu machen, ist für Rainer Lechner eine große Chance.

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