Offene Küche, Galerie und bodentiefe Fenster: Nicht nur Innenarchitekten können sich an der Wohnung von Uwe Skrzypek-Muth wahrscheinlich kaum sattsehen. Foto: Simon Granville
Der Oberbürgermeister von Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) hat sich in ein altes Anwesen im Zentrum verguckt und es zu einem Juwel umgestaltet – mit mehreren Clous.
Christian Kempf
09.01.2026 - 11:00 Uhr
Uwe Skrzypek-Muth hat eine Ausbildung zum Modellbauer in der Tasche, anschließend Fahrzeugbau studiert und war jahrelang bei Mercedes in einer Leitungsfunktion im Designbereich. Die kreativ-schöngeistige Ader des Vaihinger Oberbürgermeisters schlägt auch heute noch durch. Der 55-Jährige ist bekannt dafür, stets adrett gekleidet zu sein.
Sein Büro im Rathaus ist nur dem Schein nach bunt durchgewürfelt eingerichtet. In Wahrheit erzeugen die in einem warmen Hellgrau gestrichenen Wände, die verschiedenfarbigen Stühle um den dunklen Holztisch und die gemütliche Polstergarnitur daneben im Zusammenspiel mit dem heimeligen Licht eine stimmig komponierte Wohnzimmeratmosphäre.
Das i-Tüpfelchen ist jedoch sein Zuhause, das Skrzypek-Muth vor einiger Zeit mit seiner Frau Nathalie bezogen hat. Er hat eine alte Scheune zu einem architektonischen Wohnhighlight verwandelt.
Scheune während Sonntagsspaziergang entdeckt
Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. An dem markanten Anwesen in der Oberamteigasse 3 mitten in Vaihingen hatte der Zahn der Zeit genagt. Die früher im Erdgeschoss angesiedelte Zoohandlung war ausgezogen. Stattdessen wurde in der ehemaligen Scheune unter anderem Sperrmüll gelagert, der Boden bestand in Teilen aus Lehm.
Als „kurz vorm Zerfall“ hat Skrzypek-Muth den einstmaligen Zustand in Erinnerung. Bei einem Sonntagsspaziergang mit seiner Gattin erkannte er allerdings das Potenzial des Gebäudes. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Diese Perle müsste auch mal jemand polieren“, erklärt Uwe Skrzypek-Muth.
Kurze Wege im Alter
Die Tür zur Terrasse lässt sich zusammenschieben, wodurch die Grenzen zwischen innen und außen aufgehoben werden. Foto: Simon Granville
Dieser jemand sollte der gebürtige Ostwestfale selbst sein, der sich quasi in das Anwesen in der Altstadt schockverliebt hatte und es sich unbedingt sichern wollte. „Ich möchte grundsätzlich ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wir würdevoll alt werden können. Und meine persönliche Antwort mit Mitte 50 darauf ist dieses Haus. Barrierefrei, mitten in der Stadt und mit kurzen Wegen“, erklärt der Oberbürgermeister, der beim Kauf des Grundstücks noch nicht im Amt war. „Außerdem bin ich der Meinung, dass Innenstädte nur attraktiv bleiben, wenn dort auch jemand lebt“, fügt er hinzu.
Also klemmte sich Skrzypek-Muth dahinter, das Objekt seiner Träume zu erwerben. Eine Erbengemeinschaft als Eigentümer habe seinen Abwerbeversuchen nicht sofort nachgegeben, aber letztlich doch eingewilligt. Die fast noch härtere Nuss musste er jedoch danach knacken und sich mit der Kommune auf ein Konzept für das brachliegende Gebäude verständigen. „Ich hatte das Gefühl, das ist gar nicht erwünscht. Ich kam mir sehr schnell vor wie ein Störenfried“, erinnert sich der OB zurück.
Übrigens war dieser Eindruck auch ein Grund für ihn, sich später um das Amt des Oberbürgermeisters von Vaihingen zu bewerben. Skrzypek-Muth wollte einen anderen Spirit, eine andere Idee von Verwaltung in die Amtsstuben tragen. „Mir wurde immer nur gesagt, was nicht geht. Mein Leitmotiv einer Ermöglichungskultur innerhalb der Verwaltung ist dabei ein Stück weit entstanden“, sagt er. Ihm gelang 2022 tatsächlich der Sprung auf den Chefsessel im Rathaus. Und grünes Licht für seine Pläne zur Umgestaltung der Scheune hatte er letztlich schon davor erhalten.
Vor allem wegen der Oberbürgermeisterkampagne dauerte es letztendlich fünf Jahre, ehe Uwe Skrzypek-Muth und seine Frau Nathalie ihr neues Heim beziehen konnten – das alteingesessene Vaihinger nicht mehr wiedererkennen werden. Skrzypek-Muth ließ die Backstein- und Naturstein-Grundsubstanz unangetastet, das Gebäude ansonsten entkernen und den gesamten Dachstuhl abtragen. Aufs zweite Obergeschoss wurde ein Neubau aufgesetzt, der verbliebene historische Teil umgestaltet. In dem Haus in der Oberamteigasse vermischen sich nun auf spektakuläre Weise alte und moderne Stilmittel.
„Außerdem bin ich der Meinung, dass Innenstädte nur attraktiv bleiben, wenn dort auch jemand lebt.“
Uwe Skrzypek-Muth, zu seiner Motivation für den Umbau
An dem Gebäude vermengen sich alte Substanz und moderne Architektur. Foto: Simon Granville
Besonders eindrücklich ist das im Treppenhaus zu erkennen. Hier treffen die charakteristischen rötlichen Backsteine auf einen schicken anthrazitfarbenen Aufzug, über den sich die Wohnung von Skrzypek-Muth sowie ein separates Mini-Appartement barrierefrei erreichen lassen. Letzteres nutzten er und seine Frau „jetzt als Gästezimmer“. „Wenn wir aber mal eine Pflegekraft bräuchten, könnte sie hier einziehen“, erklärt der Hausherr.
Das prägnante einstige Scheunentor wurde entsorgt, aber der hohe, sich über zwei Geschosse erstreckende Durchlass wurde beibehalten. Darunter kann man nun parken.
Im Erdgeschoss, wo derzeit noch gearbeitet wird, könnten ein Büro oder ein Laden etabliert werden, wahlweise könnte dort auch gewohnt werden. Darüber befindet sich eine Wohnung, die vermietet werden soll.
Maisonette-Wohnung mit offener Küche
Der 55-Jährige und seine Frau leben unterm ausgebauten Dach. „Das ist unser Tiny-Haus über den Dächern von Vaihingen, stilistisch ist das sozusagen die Moderne obendrauf“, sagt der Oberbürgermeister schmunzelnd über die 140 Quadratmeter große Maisonette-Wohnung. Das schlauchförmige Wohn- und Esszimmer geht in eine offene Küche über. Die Fenster sind bodentief. Eine schmale Holztreppe führt zur Galerie, wo sich Skrzypek-Muth zum Beispiel eine Kuschelecke für die Enkelkinder vorstellen könnte.
Das Bad ist so konzipiert, dass es im Alter auch mit dem Rollator erreichbar ist. Nur das Schlafzimmer hatte nach dem Geschmack von Nathalie Skrzypek-Muth einen klitzekleinen Makel: Es hat kein Fenster in der Wand. Lediglich eines, das ganz weit oben im Dach montiert wurde. Ihr Mann hat deshalb eigens einen schräg gestellten Spiegel an die Wand geschraubt, damit die Gattin vom Bett aus zumindest einen Blick gen Himmel werfen kann.
Ein vielleicht noch größerer Clou ist aber die halbüberdachte Terrasse. Die Tür zum Wohnbereich hin kann man zusammenschieben und somit innen und außen verbinden. Ein kleiner Schatz ist auch der Gewölbekeller, auf den Skrzypek-Muth eher zufällig gestoßen ist. In den 1960er-Jahren sei der Zugang zubetoniert worden. Der OB entdeckte aber die Treppen dorthin und legte den Zugang wieder frei.
Uwe Skrzypek-Muth und der Designer in ihm haben es also in kreativer Zusammenarbeit mit seinem Architekten wahrgemacht und die Perle in der Altstadt poliert.
Moderne Heiztechnik
Nachhaltigkeit Beheizt wird das Gebäude in der Oberamteigasse 3 über Solarthermie. Auf dem Dach sind Solarmodule verschraubt, die Strom erzeugen und das Wasser für die Fußbodenheizung erhitzen. Ein 22-kW-Batteriespeicher sorgt dafür, dass auch in sonnenarmen Phasen nachhaltiger Strom bereitsteht. Der Wasserpuffer fasst 1500 Liter. Bei Bedarf wird eine Gastherme zugeschaltet.
Geschichte Das Haus sei 1750 erstmals erwähnt worden, sagt Uwe Skrzypek-Muth. Aus dieser Zeit seien aber nur die Fundamente, der Gewölbekeller und die Natursteinmauern erhalten geblieben, der Rest des Vorgängergebäudes ist 1903 abgebrannt. Auf der Basis wurde die Scheune errichtet. Das Gebäude ist in der Stadt auch als „Judenstall“ bekannt. Der Name gehe auf Viehhändler aus Freudental zurück, die dort für den Vaihinger Viehmarkt einen Stall innerhalb der Stadt betrieben haben sollen.