Architektur: Neue Therme Lindau Badelandschaft am Bodensee

Das Naturschauspiel ist zum Greifen nah: Blick in in die Therme Lindau. Foto: David Matthiessen

4a Architekten haben die neue Therme Lindau gebaut. Wie hat das Stuttgarter Büro das traumhaft am Bodenseeufer gelegene Bad inszeniert?

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Lindau - Ein architektonisch gelungenes Bad öffne die Poren des Körpers wie der Seele. Das soll der italienische Architekt Matteo Thun einmal gesagt haben. Was es dafür braucht, wissen auch 4a Architekten aus Stuttgart besser als viele andere Büros. Transparenz und Leichtigkeit, ausgesuchte Materialien und Farbakzente sind die Hauptmerkmale ihrer Bäderarchitekturen, die vielfach eine passgenaue Antwort auf den jeweiligen Ort darstellen.

 

Traumhaftes See-Alpen-Panorama

Ihr jüngster Badetempel könnte schöner kaum liegen: Anstelle des früheren maroden Strandbads Eichwald erstreckt sich nun die Therme Lindau am Ufer. Der Bodensee, die Berge, dazu der Eichwald auf der Nordflanke des Baus – allein der Ort birgt jede Menge Seelenreinigungs-Potenzial. Und genau deshalb war der Thermenneubau auch hoch umstritten. Das 45-Millionen-Euro-Projekt, das eine Private-public-Partnership von Stadt und Investor (der auch Betreiber ist) in dreijähriger Bauzeit hervorbrachte, wurde durch die Lage im Landschaftsschutzgebiet zum Politikum; 2017 fiel ein Bürgerentscheid für den Bau.

Klang-Wasser-Bilder an der Wand

Wer sich von Straße und Parkplatz nähert, erkennt zunächst nur schwer, dass das lang gestreckte Volumen Labsal für Körper und Geist bereithält. Die Therme gibt sich mit ihrer weitgehend geschlossenen Nordseite zugeknöpft. Das über zwei Geschosse aufragende Entree ist zwar großzügig verglast, es könnte mit seiner imposant den Luftraum durchschneidenden Betontreppe aber auch gut der repräsentative Eingang zu einem Firmensitz sein. Drei großformatige, von der Farbe Blau dominierte Kunstwerke an der Wand lassen immerhin das anklingen, worum es geht: Alexander Lauterwasser visualisiert in seinen Fotografien die Wirkung von Klang auf Wasser.

Ziemlich viel Baumasse

Die Architekten sehen ihr Gebäude „wie eine Steinscholle zurückhaltend im Grünen“ liegen, heißt es in der Entwurfsbeschreibung; ihr Vokabular entlehnen sie dem umgebenden Naturraum. So sollen die zwei Ebenen des Neubaus an Gesteinsschichten gemahnen – transparente Glasfronten zum See hin und mit von vorvergrautem Tannenholz verkleidete Fassadenbänder liegen flach übereinander. Diese Landschaftsmetaphorik vermittelt sich jedoch kaum, vor allem die angestrebte Zurückhaltung klappt nur bedingt. Ein aus einer Vielzahl an Pools und Grotten, Spa-Räumen, einem Dutzend Saunen sowie einem Fitnessstudio und mehreren Restaurants zusammengesetztes Wohlfühl-Konglomerat und 13 000 Quadratmeter Nutzfläche gehen eben nicht so einfach in der Landschaft auf. Immerhin mildert landseitig das Blattwerk der Bäume, die der Flachbau in der Höhe nicht übertrumpfen durfte, die Wucht der Baumasse – von der Altstadtinsel aus gesehen liegt diese aber offen zutage.

Der Infinity-Effekt muss sein

Hat man die Empfangszone und den Umkleidebereich im Obergeschoss passiert und ist wieder nach unten in die Badezone gestiegen, lösen sich solche Irritationen in sprudelnd-gurgelndem, weich-wellendem, wolkig-dampfenden Wohlgefallen auf: Hier regiert das Wasser in unterschiedlichsten Präsentationsformen und Aggregatszuständen. Geschosshohes Glas entlang der Südfront holt das der Therme vorgelagerte Naturschauspiel ganz nah heran, lässt das Wasserblau von Becken und See immer wieder optisch zusammenfließen. Der Infinity-Effekt ist bei der Lage einfach ein Muss.

Famose Panoramaterrasse

Sinnfällig wird das von den Architekten angestrebte Spiel mit Naturelementen vor allem bei ihrer Inszenierung der Badeebene im Erdgeschoss: Sichtbetonwände, zum Teil leicht geneigt und mit Leuchtbändern von der Decke abgesetzt, formen sich zu skulpturalen Volumina, die an abstrahierte Felsblöcke denken lassen. So entstehen schützende Inseln, Passagen und Nischen für die Thermen-, Sole-, Quell- und Sprudelbecken, für die Dampfbäder und Saunen. Für die Sportschwimmer liegt ein Fünfzig-Meter-Olympiaschwimmbecken im Freien; zum Wellnessangebot drinnen gehören auch eine Theatersauna mit Soundinszenierung und eine Kerzensauna – für alle, denen Schwitzen allein nicht genug Erlebnis ist. In der Ebene darüber, zu der Lufträume immer wieder Sichtbezüge herstellen, finden sich weitere Relaxzonen sowie zwei Restaurants, die sich eine famose Panoramaterrasse teilen.

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In die Vielzahl der Raumeindrücke bringen die Architekten Ruhe, indem sie sich auf wenige Materialien beschränken: vor allem Beton, dessen Purismus mit dem Wasser harmoniert, Feinsteinzeug für die Böden und viel Holz. Farbe setzen sie in Lindau nur spärlich ein, etwa bei der in frischen Grüntönen gepixelten Decke des Familien- und Sportbads. Das Eichengrün kann so über die hier aufgebrochene Nordfassade abstrahiert ins Gebäude hineinwachsen.

Die Orientierung klappt gut

Eine Therme dieser Größenordnung ist eine komplexe Angelegenheit – die erfahrenen Bäder-Architekten verstehen es, Funktionen und Wegeführung nachvollziehbar zu strukturieren. Keine leichte Aufgabe, denn Familienbad, Strandbad, Therme und Sauna sind getrennt buchbar, dies galt es zu berücksichtigen. Jeder entspannungssuchende Badegast weiß: Nichts verstopft die Poren von Körper und Seele mehr als Irrwege und Orientierungspannen im Wasserparadies.

4a Architekten in der Cannstatter Hallstraße

Büro
4a Architekten sind vor allem mit Sport-, Freizeit- und Bäderbauten bekannt geworden; sie entwarfen unter anderem die Bodenseetherme in Konstanz und das F3 in Fellbach. Zuletzt haben die Planerinnen und Planer aus der Cannstatter Hallstraße das Mineralbad Berg in Stuttgart und das Freibad in Sigmaringen saniert. Das Büro wird von Matthias Burkart, Andreas Ditschuneit, Ernst Ulrich Tillmanns und Martin Reimer geführt.

Therme
Die Therme Lindau, im Osten Lindaus gelegen, ist Ende Juni eröffnet worden. Weitere Informationen: www.therme-lindau.com

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