Architektur-Sensation Stuttgarter Architekten bauen spektakuläres Öko-Feuerwehrhaus

Über den Feuerwehrautos liegt das Parkdeck: das neue Feuerwehrhaus Straubenhardt Foto: Brigida González für wulf architekten

Das ist einmalig in Deutschland: Straubenhardt bei Pforzheim verfügt über ein Feuerwehrhaus, das von Wulf Architekten aus Stuttgart nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip erbaut wurde. Sämtliche Baumaterialien sind kompostier- oder wiederverwertbar.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Herrliche Landschaft, sechs liebenswerte Dörfer – so stellt sich die Gemeinde Straubenhardt auf ihrer Homepage vor. Rund 11 500 Einwohner zählen die Ortsteile am nördlichen Schwarzwaldrand; man ist stolz auf fünfzig Kilometer Wanderwege und dass Karlsruhe und Stuttgart gut erreichbar seien.

 

Von der Wiege zur Wiege

Nicht unwahrscheinlich, dass so manche(r) Straubenhardt bislang dennoch links liegen ließ. Seit kurzem aber hat die Gemeinde im Südwesten von Pforzheim etwas, was sonst keine andere Kommune in Deutschland ihr eigen nennen kann: ein Feuerwehrhaus, das nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip erbaut wurde. Cradle to cradle, kurz C2C, bedeutet „von der Wiege zur Wiege“ und steht für jene schon in den Neunzigern unter anderem von dem Umweltchemiker Michael Braungart entwickelte Nachhaltigkeits-Philosophie, die auf eine konsequente Kreislaufwirtschaft abzielt.

Bei einem Gebäude bedeutet das: Sollte es einmal rückgebaut werden, sind alle verwendeten Materialien und Produkte frei von Giftstoffen und ohne Rückstände kompostierbar oder wiederverwertbar. Das hilft nicht nur, den enormen Müllberg zu verkleinern, der beim Bauen anfällt. Weil so Material gespart werden kann, reduzieren sich automatisch auch die bei dessen Herstellung anfallenden CO2-Emissionen.

Pionierbau der C2C-Architektur in Deutschland

Das neue Feuerwehrhaus für rund 230 Feuerwehrangehörige, das jetzt an der Langenalber Straße die Blicke auf sich zieht, ist das Pionierprojekt von Straubenhardt, das sich als C2C-Modellgemeinde dem Cradle-to-Cradle-Prinzip auch weit über das Bauen hinaus verschrieben hat. Bürgermeister Helge Viehweg sieht dadurch seine Gemeinde im Wettstreit der Kommunen um Einwohner, Gewerbe und Finanzkraft klar im Vorteil. Den vor kurzem offiziell übergebenen Neubau hält er für das „schönste Feuerwehrhaus Europas“. Das mag Geschmackssache sein. Fakt ist, dass sich Straubenhardt zur Speerspitze der C2C-Architektur in Deutschland zählen kann. Zwischen Kiel und Konstanz gibt es derzeit gerade mal eine Handvoll fertiggestellter komplett kreislauffähiger Bauten. Nachbarländer wie die Niederlande können weitaus mehr Anschauungsmaterial bieten.

Die, was Material und Bauten betrifft, in die Jahre gekommenen Feuerwehrabteilungen der sechs Ortsteile auf einen Standort zu kondensieren: Schon die Prämisse des Neubaus basiert auf dem Gedanken der Materialeinsparung und Ressourcenschonung. Das Büro Wulf Architekten, das sich 2017 mit seinem Entwurf bei einem Auswahlverfahren durchsetzte, hat das Pionierhafte der Aufgabe gereizt; es ist der erste Cradle-to-Cradle-Bau des namhaften Stuttgarter Büros.

Und mittendrin wird geparkt

Möglichst wenig Boden versiegeln – sowohl Komposition als auch Platzierung des an einem sanften Hang gelegenen Gebäudes tragen dieser Absicht Rechnung. So sind die verschiedenen Funktionsebenen horizontal geschichtet; dieser flächenökonomische Sandwich-Aufbau ist von außen klar ablesbar: unten Beton, in der Mitte Holz, oben Metall.

Die Halle für die Löschfahrzeuge sowie alle feuerwehrtechnischen Funktionen haben Wulf Architekten ins massive Sockelgeschoss gepackt, das wegen der Gefahr von drückendem Wasser im Hang aus CO2-intensivem Beton konstruiert wurde. Originell: Das Dach des Erdgeschosses deklarierten die Planer kurzerhand zum Parkdeck und nutzen dabei die Topografie geschickt aus. Dieses offene Zwischengeschoss, auf das von der Straßenebene an der nordwestlichen Schmalseite eine Rampe führt, bildet eine Freiluftzone mitten im Gebäude.

Metallhaut für das oberste Geschoss

Das Deck ist multifunktional, es kann auch als Übungsfläche oder für Veranstaltungen genutzt werden. Die kräftigen V-Stützen aus unbehandeltem Massivholz, zwischen denen Autos parken, tragen das darüberliegende Geschoss. Dieses ist im westlichen Teil von einem großzügigen Luftraum durchbrochen, wodurch es gelingt, in die umliegenden Gemeinschafts-, Schulungs- und Jugendräume und die Küche viel Licht zu bringen. Weißes, gitterförmiges Streckmetall ummantelt das obere Geschoss, umschließt es wie eine homogene und doch durchlässige Haut. Diese Transparenz ergibt einen reizvollen Kontrast zum soliden Sockel.

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Sämtliche verbauten Materialien sind zerlegbar, chemisch unbehandelt und schadstofffrei. Auf Klebstoffe, Anstriche oder Putze wurde verzichtet; Holzbau-Elemente sind verschraubt, nicht vernagelt oder verklebt. Auch Beton und Stahlsorten sind sortenrein und recycelbar. Technik wurde so installiert, dass sie leicht instandgesetzt und ausgetauscht werden kann. Möglichst einfach und natürlich bauen – die Architekten haben es verstanden, dieses Credo mit ihrer Material- und Formensprache zu harmonisieren und einen charakterstarken Solitär geschaffen.

Ein Bau wird zum Rohstoff-Depot

Insgesamt wurden 248 Materialien und 79 Bauteile auf Materialgesundheit, sortenreine Trennbarkeit, den Energiebedarf und die CO2-Emissionen bei Herstellung und Transport geprüft. Damit einher ging eine penible Dokumentation in Form eines digitalen „Gebäuderessourcenpasses“. Sollte das Gebäude eines Tages nicht mehr benötigt und rück- oder umgebaut werden, fällt nicht etwa wertloser Bauschutt an, vielmehr kann es im Sinne des sogenannten Urban Mining als Rohstoffdepot dienen.

Das Dach ist natürlich begrünt

An Teilen der Betonfassade und den Turmwänden aus Stahlgitter soll sich traubenloser wilder Wein hochranken, das Dach ist selbstredend begrünt. Sogar beim Garderoben-Design setzt sich die Recycling-Maxime durch: Für die Kleideraufhängung wurden ausgediente Lösch-Schläuche hergenommen.

Von der Wiege zur Wiege

Cradle-to-Cradle
Das Konzept steht für eine Wirtschaft ohne Müll. Produkte sollen sich nahtlos in einen biologischen oder technischen Kreislauf einfügen. Im biologischen Kreislauf zirkulieren Materialien wie Lebensmittel, Verpackungen oder eben Baustoffe, die sich schadstofffrei kompostieren lassen. Im technischen Kreislauf bewegen sich Stoffe, die so entwickelt worden sind, dass sie in den industriellen Kreislauf zurückgelangen können.

Architekturbüro
Wulf Architekten, 1987 von Tobias Wulf gegründet und inzwischen von mehreren Partner geführt, sind in Stuttgart, Berlin und Basel ansässig. Das Büro hat vielfach preisgekrönte Bauten hervorgebracht. Das Credo der Architekten: einfache Lösungen für komplexe Bauaufgaben und ein schonender Umgang mit Ressourcen. Wulf Architekten wollen das in Straubenhardt gewonnene C2C-Knowhow ausbauen und bei anderen Projekten einspeisen. Im rezyklierbaren Bauen liege die Zukunft, sagen die Planer.

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