Die Architektenschaft beklagt hohe Anforderungen und langwierige Genehmigungsprozeduren. Foto: matho - stock.adobe.com/Stock Adobe
Die Geschäftslage von Architekturbüros hat sich wegen der Baukrise laut einer Umfrage der Bundesarchitektenkammer spürbar verschlechtert – auch in Stuttgart und in der Region. Zwei Architekten machen sich Sorgen und äußern konstruktive Kritik.
Eine jüngst veröffentlichte repräsentative Umfrage der Bundesarchitektenkammer (BAK) liefert Zahlen zum allgemein gefühlten Unbehagen: So beurteilten 35 Prozent der Büroinhaber ihre Geschäftslage zu Jahresbeginn 2024 als befriedigend, 28 Prozent als schlecht. Mitte 2023 hatten nur 13 Prozent von einer schlechten Lage gesprochen und 32 Prozent von einer befriedigenden. Der Anteil jener Architektinnen und Architekten, die ihre wirtschaftliche Lage als gut bezeichnen, ging innerhalb von sechs Monaten um ein Drittel zurück.
Langwierige Genehmigungsprozesse
Mehr als die Hälfte aller selbstständigen Architektinnen und Architekten erklärte, dass sich die Situation ihres Büros in den vergangenen Monaten verschlechtert oder erheblich verschlechtert hat. Als Gründe werden gestiegene Materialkosten, hohe Zinsen und besonders langwierige Genehmigungsprozesse genannt.
In diesem Zusammenhang verweist BAK-Kammerpräsidentin Andrea Gebhart auf die Reduzierung von Normen und Standards als Beitrag zur Senkung der Baukosten.
Bernd Liebel, renommierter Planer, Gründer und Inhaber eines Architekturbüros in Aalen mit zurzeit 27 Angestellten äußert auf Anfrage unserer Zeitung eine ähnliche Kritik am bürokratischen Aufwand als einer maßgeblichen Ursache für die Krisenstimmung in seiner Branche. „Generell dauern Entscheidungsprozesse länger, es wird mehr im Kreis herum geplant, bis Entscheidungen getroffen werden“, analysiert Bernd Liebel, der sich vor mehr als 20 Jahren in Aalen selbstständig gemacht hat und mittlerweile viele Auszeichnungen für seine Bauten erhalten hat.
Bernd Liebels größte Sorge für die nahe Zukunft besteht darin, dass der bürokratische Aufwand noch weiter anwächst, ständig neue Auflagen hinzukommen, die alle zu Kostensteigerungen führen können. „Es mag sein, dass jede einzelne Auflage für sich genommen sinnvoll ist, doch in der Summe sind sie jedoch zu viel.“ Und genau das widerspreche Liebels Ansicht dem Anspruch, künftig möglichst einfach und kostengünstig zu bauen.
Auch für Jan Endemann vom bekannten Stuttgarter Büro Endemann Architekten sind die langwierigen Genehmigungsprozesse ein zunehmendes Ärgernis. Doch Endemann, der in der hiesigen Architektenkammer engagiert, warnt nicht nur vor der schleppenden Bürokratie als größten Hemmschuh für die Planungsbüros. „Mir macht die größten Sorgen, dass in einer Krisensituation die ‚Gunst der Stunde‘ genutzt wird, um Nachhaltigkeitsstandards zu hinterfragen und auszuhebeln. Hauptsächlich aus der Politik, um jahrzehntelange Untätigkeit zu kompensieren“, moniert Jan Endemann. Es sei auch nicht hilfreich, nun wieder den Bau von Neubausiedlungen auf der grünen Wiese zu fordern, wie es Bundeskanzler Olaf Scholz vor einiger Zeit vorgeschlagen hat.
Der Stuttgarter Architekt Jan Endemann warnt vor einer Vernachlässigung der ökologischen Ziele infolge der Baukrise. Foto: JE/Endemann Architekten
„Wir brauchen vor allem im Wohnungsbau eine öffentliche Hand, die ihre Aufgaben, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, ernst nimmt. Sei es durch geeignete Fördermaßnahmen oder eigene Bautätigkeit durch kommunale Träger oder gemeinwohlorientierte Akteure, etwa Genossenschaften“, findet Jan Endemann und weist auf das große Potential von Umwidmungen und Umbau im Bestand hin. „Dabei muss auf eine verträgliche und nachhaltige Bauweise geachtet werden. Es stehen überall noch große Konversionsreserven zur Verfügung, die zu aktivieren aber ein wenig herausfordernder ist, als auf der grünen Wiese zu bauen. Der Städtebau der 70er Jahre kann und darf nicht unser Leitbild sein.“
Jan Endemanns Antwort auf die Herausforderungen der Zeit sind wesentlich differenzierter als es die Umfrage der Bundesarchitektenkammer abbildet. Hier drückten vergleichsweise viele ihren Unmut über immer neue ökologische Standards aus. Genauer waren es 41 Prozent der Architekten, die in steigenden Baukosten aufgrund hoher Nachhaltigkeitsstandards ein Problem sehen.