Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart Sinn für schöne Räume

Firmenzentrale der Drogeriekette dm in Karlsruhe Foto: Roland Halbe

LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart zählen zu den besten Architekturbüros des Landes. Sinnliche, den Ort bereichernde Bauten sind ihr Markenzeichen. Ein Band dokumentiert, was seit 2013 unter ihrer Ägide entstanden ist.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Ein schöner Raum möge Freude bereiten, beim ersten Betrachten ebenso wie nach vielen Jahren der Nutzung. Ganz im Sinne des Renaissance-Architekten und Gelehrten Leon Battista Alberti haben Lederer Ragnarsdóttir Oei das Bestreben ihrer Architektur schon bei der Bürogründung formuliert – 1979 war das. „Schön soll es sein“ – einen Satz wie diesen hört man von den Stuttgarter Architekten immer wieder, wenn man mit ihnen durch eines ihrer Gebäude geht.

 

Bauten seit 2013

Zum Erreichen dieses Ziels „Maß, Proportion, Stofflichkeit und Licht in Übereinstimmung bringen“: Dies hat das von Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei geführte Architekturbüro freilich auch bei jenen Bauten verstanden, die seit 2013 entstanden sind. Weshalb der erste bis 2012 reichende Band ihrer Werkmonografie nun um einen zweiten ergänzt worden ist. Der erste, der vergriffen war, wurde gleichzeitig noch einmal neu aufgelegt.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das neue Münchner Volkstheater von LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei

In ihrer Einführung bringen Lederer Ragnarsdóttir Oei ihre Arbeitsweise und ihre Grundsätze auf den Punkt. So beschreiben sie etwa die fruchtbare Wechselwirkung von Detail und Gesamteindruck, die sich wie ein roter Faden durch ihr vielfältiges gestalterisches Oeuvre zieht. Handläufe, Leuchten, Deckensegel – dass Details in ihrer Arbeit einem „eminent wichtigen Platz“ einnehmen, lässt sich an allen ihren Projekten erfahren.

Erst die Stadt, dann das Haus

Vom Detail zum Raumerleben, vom Bauwerk zur umgebenden Stadt oder Landschaft – dieser Dreiklang ist für die Arbeit von Lederer Ragnarsdóttir Oei seit jeher zentral. Ihre Bauten stehen nie autistisch für sich, sondern treten in den Dialog mit der Umgebung, greifen deren Geschichte auf und spinnen sie bereichernd fort. Die Maxime „Erst die Stadt, dann das Haus“ haben sie stets beherzigt.

So lässt sich tatsächlich jedes der 23 in dem Buch dokumentierten vollendeten Projekte als Beleg für diese Herangehensweise hernehmen: der stadtreparierende Umbau des Wilhelmspalais am Stuttgarter Charlottenplatz zum Stadtmuseum ebenso wie das sich belebend ins Schlachthofviertel einfügende Münchner Volkstheater oder der Sparkassen-Bau in Ulm, den expressiv gefaltete Fensterbänder vor der Austauschbarkeit gesichtsloser Bürobauten bewahren.

Ein entschiedenes Sowohl-als-auch

Um Schubladen und Stiletiketten haben sie sich nie geschert, wie die frühere Architekturkritikerin unserer Zeitung, Amber Sayah, in ihrem Vorwort „Stadtbaukunst oder: Die Liebe zum öffentlichen Raum“ bemerkt, in Zeiten einer an Schärfe zunehmenden Identitätsdebatte sei das wohl eher kein Heimvorteil. „Ihre Architektur ist vielmehr entschlossen sowohl als auch: sowohl an der ganzen Palette historischer Vorbilder interessiert als auch aus einem eigenen, eigenwilligen (...) Formenrepertoire schöpfend“.

Frei von modischen Anwandlungen

Lagepläne, Planzeichnungen, edle Schwarz-Weiß-Fotografien – auch bei der Buchgestaltung lassen sich Lederer Ragnarsdóttir Oei, genau wie schon im ersten Band, von modischen Anwandlungen nicht beirren. Von ihnen mit Hingabe gestaltete, in ihren Bauten wiederkehrende Details wie Wasserspeier, Türdrücker, unterleuchtete Handläufe von Treppengeländern sowie Wand- und Hängeleuchten erhalten ein eigenes Kapitel, ebenso die Architekturminiaturen der Remstal-Gartenschau 2019, genannt „16 Stationen“, die Jórunn Ragnarsdóttir kuratierte.

Enttäuschungen

Ein in die Zukunft blickendes Kapitel, das zwölf in der Planungsphase befindliche Projekte vorstellt, rundet den Band ab. Dass auch Ärgernisse und Enttäuschungen Bestandteil der Architekturschaffenden sind, verhehlen sie nicht. Für eine Grundschule in Mannheim haben sie einen Schulgarten auf dem Dach vorher gesehen. Aus Kostengründen und wegen des Betreuungsaufwandes werde der Vorschlag aber nicht vollständig umgesetzt. Bei einer Stadtteilschule in Hamburg-Altona ist die Ausführungsplanung, anders als bei ihren übrigen Projekten, an ein anderes Büro gegangen, weil die Schulbaubehörde Kosten sparen wollte. Nun müsse man mit ansehen, wie ihr Entwurf qualitative Einbußen erfahre, schreiben sie – „ein Trauerspiel“.

Auf zu neuen Ufern – in Berlin

Das Buch markiert einen Wendepunkt im Schaffen von Arno Lederer und Jórunn Ragnarsdóttir, die auch privat ein Gespann sind. Nach vierzig Berufsjahren verspürten sie eine Ermattung „angesichts der Flut von DIN-Vorschriften und eines auf das Machbare fixierten Wettbewerbswesens, dessen Interesse an neuen Konzepten gegen Null tendiert“, so Sayah. Weil sie in der „Zwangsjacke konventioneller Strukturen“ nicht weiterarbeiten wollten, haben sie sich eine eigene neue Struktur geschaffen: Das bisherige Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei heißt nunmehr LRO – Marc Oei führt es mit weiteren Gesellschaftern. Dieser Stuttgarter Adresse bleiben sie in einer „ständigen Arbeitsgemeinschaft“ verbunden. In Berlin brechen sie mit der Bürogründung Lederer Ragnarsdóttir, bei der auch ihr Sohn Sölvi Lederer beteiligt ist, zu neuen Ufern auf.

Neuerscheinung

Monografie
Lederer Ragnarsdóttir Oei GmbH & Co KG (Hg.): Lederer Ragnarsdóttir Oei 2. Jovis Verlag, Berlin. 264 Seiten, 48 Euro.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Architektur Stuttgart