Das Haus wird zum Exponat
Bei dem neuen Museumsschmuckstück bringen Von M Alt und Neu mit Fingerspitzengefühl zusammen. Im Altbau, in dem der 1770 geborene Sohn eines Klosterhofmeisters seine ersten Lebensjahre verbrachte, fördern sie die wechselvolle Bauhistorie zutage, indem sie beispielsweise barocke Fenster akribisch restaurieren ließen. Genauso machen sie mit an der Wand belassenen Tapetenresten die Zeitschicht des 20. Jahrhunderts sichtbar. „Das Haus wird selbst zum Exponat“, so Siegert, Jahrgang 1972.
Die neu hinzugekommenen Bauten – ein Technikgebäude an der Straßenfront, ein die Kubatur der rückwärtigen Scheune fortschreibender Treppenhaus-Turm sowie ein Mehrzweckraum – kennzeichnen sie durch die Materialien Stahl und Beton klar als zeitgenössisch. Der flache Veranstaltungs- und Ausstellungskubus öffnet sich mit einer verglasten Front zum historisch gepflasterten Hof – Alt und Neu bilden ein kontrastreiches, atmosphärisches Ensemble.
Für die Kassenzone in der ehemaligen Scheune entwarf das Büro, das in seinem zwanzigköpfigen Team Architekten und Innenarchitekten vereint, ein filigranes Möbelsystem. Von M konzipierten die mit Rücksicht auf den Bestand von der Wand abgesetzten Info-Stelen genauso wie die pultartigen Stahlblech-Aufsteller, die als Wegweiser dienen; und auch die eigentliche Ausstellungsinszenierung ist nach ihren Entwürfen entstanden.
Jede Aufgabe ist ein Prototyp
So verbindet das Lauffener Projekt konzeptionelles Denken, Gestaltungswillen bis in die kleinste Fuge und Detailliebe und steht somit exemplarisch für das, was sich hinter dem Büronamen verbirgt: „Von M leitet sich ab aus ,Visual Orchestra Noble Minded‘, übersetzt in etwa das visuelle Orchester mit dem edelmütigen Gedanken“, erklärt Matthias Siegert.
Mit der sorgfältigen gestalterischen Orchestrierung gingen in Lauffen außergewöhnliche bautechnische Herausforderungen einher: Ein historischer Gewölbekeller musste hochwasserfest gemacht, eine denkmalgeschützte Klostermauer aus dem 13. Jahrhundert aufwendig unterfangen werden. Doch genau wegen solchen komplexen Projekte sei er Architekt geworden, sagt Dennis Mueller, Jahrgang 1976, der Siegert schon seit dem Studium kennt. 2008 stieg er in dessen vier Jahre zuvor gegründetes Büro als Partner ein. „Wir sind sehr unterschiedliche Typen, haben aber die gleiche Schlagzahl bei Anspruch und Energie“, sagt Mueller.
Der ausgeprägte Qualitätsanspruch ist denn wohl auch der gemeinsame Nenner der sehr unterschiedlichen Projekte, die das im Stuttgarter Westen ansässige Büro bislang im Portfolio hat: Das Spektrum reicht von der Sanierung einer Kirche in Kehl über einen Neubau für die Wohnbaugesellschaft GWG Tübingen bis zu einem Forschungsgebäude für Wasser- und Energiemanagement für die Hochschule Hof. „Egal, ob wir eine Ausstellung konzipieren oder einen Hochbau entwickeln, wir stellen uns immer die gleichen Fragen“, sagt Mueller. „Was braucht der Bauherr? Was gibt der Ort vor?“ Nachhaltigkeit sei ihnen wichtig, weshalb Holz ein bevorzugter Baustoff sei, genauso Innovation – die meist mit den „sinnvollsten Lösungen“ einherginge. Jede Aufgabe sei ein Prototyp; einen auf Anhieb erkennbaren Von-M-Stil wollten sie geflissentlich vermeiden, ebenso die Spezialisierung auf eine Bauaufgabe, so Mueller: „Wir haben zu viel Spaß an neuen Sachen.“
Ein Hotel, das dem Stadtraum guttut
So verbindet das Hölderlinhaus auf den ersten Blick scheinbar wenig mit dem Hotelbau, den Von M im Zentrum von Ludwigsburg jüngst fertigstellten – beide Projekte sind jedoch von der gleichen formalen und inhaltlichen Präzision getragen. Das Hotel, gegenüber einer Parkhauseinfahrt auf der Rückseite des Marstall-Einkaufscenters aus den Siebzigern gelegen, umgeben von Wohnhäusern aus Barock und Gründerzeit sowie von Nachkriegsbauten, tritt als ganzheitlich komponierter Solitär selbstbewusst in Erscheinung und wertet so das wenig attraktive Umfeld auf.
Was den unwissenden Passanten überraschen dürfte: Der CO2-neutrale Bau wurde weitgehend aus Holzmodulen gefertigt. Holz als tragender Baustoff war der Wunsch des Bauherrn, sollte aber nicht sichtbar sein. Putz und ein rotes Ziegeldach, das sich der Auftraggeber ebenso vorstellte, kam für die Architekten indes nicht infrage. Stattdessen überzogen sie das Hotel mit einer fast blendend hellen Haut aus Eternitschindeln. Sicht- und fühlbar wird das Naturmaterial jedoch in den 55 Zimmern, wo der Gast komplett von weiß lasierter Fichte umhüllt wird.
Beim diesjährigen Hugo-Häring-Auszeichnungsverfahren des Bundes Deutscher Architekten war der Jury die das Hotel prägende Verbindung von „Zweckmäßigkeit und hohem ästhetischem Anspruch“ eine Ehrung wert. „Hohe Qualität gibt es nicht im Handumdrehen“, sagt Dennis Mueller. Er lehrt an zwei Tagen pro Woche Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule Düsseldorf. Seinen Studenten wolle er das Bewusstsein vermitteln, dass man mit Architektur etwas bewirken könne. „Wir brauchen Leute, die für die Baukultur kämpfen.“
Architektur und Ausstellungsinszenierung
Büro
Das Stuttgarter Büro Von M verantwortet Projekte in Hochbau, Innenarchitektur sowie Ausstellungs- und Rauminszenierungen, etwa für Messen. Es ist vielfach ausgezeichnet worden, so etwa für einen Kindergarten sowie ein Familienzentrum in Ludwigsburg-Poppenweiler sowie für das Museum Luthers Sterbehaus in der Lutherstadt Eisleben.
Hölderlinhaus
Das historische Haus wurde 1750 vom Großvater Friedrich Hölderlins erbaut. Die Ausstellung beschäftigt sich in vier Räumen vor allem mit der Persönlichkeit Hölderlins, mit seiner Weltsicht, seiner Autorenschaft, seiner Familie. In der historischen Scheune hängen leuchtende Wortkombinationen des Dichters wie Mobiles im Luftraum.