Architekturgeschichte in Stuttgart Niedergang einer Prachtstraße

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Vom eindrucksvollen Boulevard ist wenig geblieben: Fünf Studentinnen der Universität Stuttgart haben die Häuserfassaden der alten Neckarstraße um das Jahr 1914 rekonstruiert. Vielen tut der Vergleich mit heute weh.

Auf dem rund zehn Meter langen Schaubild sind etwa 80 Häuserfassaden der alten Neckarstraße zu sehen. Foto: Achim Zweygarth
Auf dem rund zehn Meter langen Schaubild sind etwa 80 Häuserfassaden der alten Neckarstraße zu sehen. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Fast ein ganzes Semester lang haben sich fünf Architekturstudentinnen der Universität Stuttgart im Stadtarchiv vergraben und dort Berge von Bauakten gewälzt – das Ergebnis ist überaus bemerkenswert: Auf einer zehn Meter langen historischen Karte der alten Neckarstraße, die früher vom Charlottenplatz bis zum Neckartor reichte, haben Hanna Arens, Susanne Tietz, Silke Mittnacht, Sara Petrova und Mariella Schlüter die Fassaden von rund 80 Gebäuden eingezeichnet, wie diese vor 100 Jahren aussahen.

So haben die Studentinnen ein vollständiges Bild des einstigen Boulevards rekonstruiert, was so bisher nicht existierte. Zu jedem Haus gibt es zudem ein Dossier. Roland Müller, der Leiter des Stadtarchivs, war jetzt bei der Präsentation an der Universität so begeistert, dass er gleich die Hand hob: „Wenn die Studentinnen zustimmen, möchten wir das Schaubild in unser Archiv übernehmen.“

Auf diesem Bild ist die alte Südfront des Charlottenplatzes zu sehen. Vier der sechs Häuser verschwanden erst 1962. Foto: Zweygarth

Oben Kulturmeile, unten gehobene Wohnstraße

Schon um 1914 war die obere Neckarstraße, also die heutige Konrad-Adenauer-Straße, eine Kulturmeile mit vielen öffentlichen Gebäuden wie dem Hoftheater und der alten Landesbibliothek, aber auch der Carlsschule und der Münze. Und die untere Neckarstraße, also die heutige Willy-Brandt-Straße, entwickelte sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zur gehobenen Wohnstraße, in der viele Professoren, Ärzte und Architekten wohnten.

Ihre stattlichen Wohnhäuser waren von unterschiedlicher architektonischer Qualität, glichen aber häufig Palais und kleinen Stadtschlössern. Sogar eine öffentliche Toilette in Form eines Schlösschens gab es. Zwischen den Häusern stand übrigens die städtebaulich repräsentative Wulle-Brauerei, ungefähr dort, wo heute das Hotel Le Méridien ist.

Nur ganz wenige Gebäude haben den Krieg, vor allem aber die Bauwut der Nachkriegszeit überlebt. Waisenhaus, Wilhelmspalais, Opernhaus und Alte Staatsgalerie – diese vier stehen noch an der Konrad-Adenauer-Straße. Weiter unten haben genau zwei Bürgerhäuser, jene links neben dem Wagenburgtunnel, die Zeiten überdauert. Alle 70 weiteren sind abgerissen worden, viele erst in den 1960-er Jahren, die letzten übrigens in einer klammheimlichen Hauruck-Aktion im Jahr 2004, als das Land Platz für das neue Innenministerium an der Willy-Brandt-Straße benötigte. Klaus Jan Philipp, Professor am Institut für Architekturgeschichte, übte jetzt Kritik an der damaligen Abrisspraxis: Viele Häuser hätten den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden, hätten dann aber der rigorosen Verkehrspolitik der Stadt weichen müssen. Auch Uwe Stuckenbrock, der mehr als 30 Jahre lang Stadtplaner im Rathaus war, sagte: „Die Neckarstraße war einmal ein Lebensraum mit prominenter Nutzung. Es schmerzt, wenn man sieht, was daraus geworden ist.“

Architekten fordern Mut zur Stadtreparatur

Unversehens erhielt das historische Projekt im Rahmen des Masterstudienganges Architektur und Stadtplanung so einen politischen Kontext. Architekt Arno Lederer wollte die alte Neckarstraße zwar nicht schönreden – sie sei ein „Gebiss mit Zahnlücken“ gewesen, weil zwischen den Häusern immer Durchblicke in den Schlossgarten möglich waren –, aber heute habe die Straße gar kein Gebiss mehr, so Lederer. Er verwies auf Frankfurt, wo das riesige Technische Rathaus abgerissen und ein historisches Quartier in moderner Form neu aufgebaut wird: „Frankfurt bekommt es hin, warum gelingt es in Stuttgart nicht?“, fragte Arno Lederer. Man müsse eben den großen Willen haben, trotz erheblicher Hindernisse die Stadtreparatur anzupacken.

Auch Uwe Stuckenbrock ist der Meinung, dass man aus dem Schaubild viele Anregungen für die Gegenwart ziehen könne. Eine platte Rekonstruktion der alten Häuser wolle zwar niemand: „Aber ein prächtiger Boulevard, durchaus mit Verkehr, wie die Champs-Elysées in Paris, das wäre nicht schlecht in Stuttgart.“

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