Architekturgespräch mit Werner Sobek Stuttgart könnte zukunftsweisend sein

Von  

In der Reihe „Wie bauen Architekten unsere Zukunft“ im Haus der Geschichte hat der Stuttgarter Bauingenieur Werner Sobek über seine Projekte gesprochen.

Werner Sobek – hier im Experimentalhaus B10 in der Weißenhofsiedlung Foto: Jan Reich
Werner Sobek – hier im Experimentalhaus B10 in der Weißenhofsiedlung Foto: Jan Reich

Stuttgart - Frage: Was hat Bangkok, was Berlin nicht hat? Antwort: Einen funktionierenden Großflughafen. Gewiss, er hat eine Kleinigkeit gekostet, nämlich 3,8 Milliarden Dollar, aber anders als sein Gegenstück an der Spree wurde er „geplant, gebaut, eröffnet“. Der das sagt, muss es wissen, denn er war in der thailändischen Metropole für die Tragwerksplanung verantwortlich: der Stuttgarter Bauingenieur und Architekt Werner Sobek. Am Sonntag gab er im Haus der Geschichte in der Reihe „Wie bauen Architekten unsere Zukunft?“ vor brechend vollem Saal Auskunft über sein Leben und seine Arbeit.

Was ist so faszinierend an Sobeks öffentlichen Auftritten, dass die Massen strömen, wenn der Professor irgendwo spricht? Der Glamourfaktor von Ingenieuren tendiert in aller Regel gegen null, und auch der Stuttgarter macht da rein äußerlich keine Ausnahme. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, randlose Brille – nach Typus und Gewandung könnte er auch Pfarrer sein oder Dekan. Was Sobek vom Ingenieur-Normalo unterscheidet, ist das ungemein Horizonterweiternde seiner Vorträge, das weit über das Fach­liche hinausgeht. Den Schwaben – korrigiere: den weltweit tätigen Kosmopoliten aus Schwaben – treiben mehr und mehr ­gesamtgesellschaftliche Fragen um. Über die ingenieurtechnischen Themen hinaus, wie man Brücken vor dem Einsturz, Türme vor dem Umkippen und Flughäfen vor der Uneröffenbarkeit bewahrt, geht es für ihn ­vor allem darum, was seine Profession zur Lösung globaler Probleme wie Klimakata­strophe und Bevölkerungs­explosion beitragen kann.

Simples Rechenbeispiel: in den kommenden Jahren drängen weltweit zwei Milliarden junge Menschen auf den Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Ressourcenschonende Energieerzeugung, effiziente Energieverwendung, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft bei gleichzeitiger Verminderung der Emissionen sind da eine globale Überlebensnotwendigkeit. Dicke Styroporpanzer können nicht das Mittel zum Zweck sein, wie auch die deutsche Politik zu begreifen beginne, denn mehr als „ästhetischer Vandalismus“ und ein „gigantischer Sondermüllberg“ kämen dabei nicht heraus.

Prinzip „Schwesterlichkeit“

Woran in den Sobek-Büros mit ihren 220 Mitarbeitern geforscht wird, sind darum leichtere Baustoffe, Material sparende Konstruktionsweisen und nicht zuletzt Experimentalhäuser wie der B10 genannte Pavillon in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Der Winzling erzeugt nicht nur mehr Energie, als er selbst verbraucht, sondern versorgt mit dem Überschuss seine Nachbarhäuser – nach dem von Sobek so getauften Prinzip der „Schwesterlichkeit“. Überdies ist das Häuslein mit dem Wetterdienst vernetzt und kann dadurch im Voraus berechnen, wie viel Energie es selbst benötigt und wie viel es abgeben kann.

Es bräuchte mehr solcher Initiativen und Forschungsprojekte, meint Werner Sobek, doch Banken, Politik und Gesellschaft wollten heute keine Risiken mehr eingehen. Das bleibt nicht ohne Folgen: Seit 1972 habe es kein einziges Start-up-Unternehmen in Baden-Württemberg mehr zum Weltmarktführer gebracht – zu seinem „Entsetzen“, wie er sagt.

Auf seiner Tour d’horizon streifte der Stuttgarter auch Stuttgart, man hätte sich aber gewünscht, dass die Moderatorin Susanne Offenbach länger bei diesem Thema verweilt wäre. Ein gutes Zeugnis stellt Sobek der Stadt bei aller Zurückhaltung nicht aus. „Es gibt kein Bild der Stadt“, keinen Zukunftsentwurf. Und wenn, dann müsste es um Dinge wie Emissionsfreiheit, soziale Mischung, Kindgerechtigkeit, Automobilfreiheit gehen. „Wir haben drei Hochschulen und das weltweit höchste bauingenieurtechnische Potenzial in Stuttgart – wir könnten es jederzeit schaffen, eine beispielhafte Stadt zu bauen.“ Ohne Risiko­bereitschaft und Mut zum Scheitern – siehe oben – geht es aber nicht.