Erinnert sich eigentlich noch jemand an Anton Hofreiters Spitze gegen neu gebaute Einfamilienhäuser? Vor zwei Jahren begrüßte der damalige Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion in einem „Spiegel“-Interview ausdrücklich die Entscheidung eines Hamburger Bezirks, wonach keine Einfamilienhäuser in Bebauungsplänen mehr vorgesehen sind. „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr“, sagte Anton Hofreiter.
Familienfeindliche Verbotspolitik?
Die politischen Reaktionen auf Hofreiters Kritik fielen entsprechend harsch aus. Die CDU beklagte unter anderem eine familienfeindliche und ideologische Verbotspolitik auf dem Rücken junger Familien, während etwa der bau- und wohnungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Daniel Föst, zu dem Schluss kam, dass die Grünen „den Menschen den Traum vom Eigenheim madig machen wollen“.
Einfamilienhaus dominiert
Tatsächlich wird dieser Traum trotz aller Polemiken weiterhin geträumt in diesem Land. Nicht selten kommt nach dem Traum die Umsetzung: Einfamilienhäuser haben zweifellos einen beachtlichen Anteil am Wohnungsbestand und sind fester Bestandteil unserer gebauten Umwelt und Wohnkultur. Ein Blick in die Statistiken offenbart, wie sehr das Eigenheim unser Bild vom Wohnen prägt: 16 Millionen Einfamilienhäuser gibt es in Deutschland, das sind zwei von drei Wohngebäuden!
Anton Hofreiter selbst ist in einem frei stehenden Haus mit Garten aufgewachsen. Selbiges zu besitzen – für viele Menschen ist das noch immer ein Lebensziel, eine Vorstellung, die infolge der Verwerfungen auf dem Immobilienmarkt allerdings zunehmend utopisch scheint. Und neben den steigenden Kosten für Darlehen, Grundstücke in guten Lagen, Baumaterial und Handwerker drücken auch die Folgen des Klimawandels aufs Gemüt der potenziellen Bauherrschaften.
Doch heißt das wirklich, dass das Einfamilienhaus ein architektonisches Auslaufmodell ist? Vor diesem Hintergrund verfolgte der jüngst ausgelobte Gestaltungspreis der Wüstenrot-Stiftung das Ziel, beispielhafte Einfamilienhäuser aufzuspüren, die eine zukunftsfähige Form repräsentieren und damit den hohen Anforderungen und Maßstäben unserer Zeit entsprechen.
Der renommierte Wettbewerb fungiert seit 1994 als Impulsgeber in Sachen Bauen und Wohnen. „Unser Anliegen ist es, das Transformationspotenzial anzuregen“, erklärt Anja Reichert-Schick, Leiterin des Themengebiets Zukunftsfragen bei der Wüstenrot-Stiftung.
Anja Reichert-Schick war mit einem Expertenteam für die Vorauswahl für die Jury verantwortlich, was sich als anstrengendes Vergnügen herausstellte, schließlich gab es 189 Einsendungen von Architektenbüros und Bauherrschaften aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu sichten. Ein gutes Dutzend kam auf die Short List, darunter auch Umbauten, Neubauten sowie Mehrgenerationenhäuser. Auch ein Projekt des Stuttgarter Architekturbüros Amunt war dabei: ein aufgeständertes Holzhaus in Menzenschwand.
Einen Schluss kann man schon mal ziehen: Das Einfamilienhaus ist nicht passé, im Gegenteil. „Es gab eine große Vielfalt an Ideen. Wir sind überrascht, wie nachhaltig alle denken. Und dass sich die Bauherrschaften eine derartige Bescheidenheit auferlegt haben“, erklärt Anja Reichert-Schick. „Für viele Architekten stellt sich die Frage: Wie kann man noch mit gutem Gewissen bauen?“ Wie es eventuell künftig weitergehen könnte, das wird an allen Projekten deutlich, die in die engere Wahl gekommen sind.
Handtuchgroßes Grundstück
Die drei beispielhaften Preisträger finden sich sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Sie vereinen viele zukunftsfähige Prinzipien, die exemplarisch übertragbar seien, wie die Jury befand. Der Architekt Wolfgang Zeh etwa zeigt, wie in einer extremen Baulücke inmitten von Köln eine eindrucksvolle Nachverdichtung gelingen kann.
Die Grundstücksfläche, eine einzige Herausforderung: Zehn mal dreieinhalb Meter in einer denkmalgeschützten Häuserzeile aus der Gründerzeit im Stadtteil Ehrenfeld. Bei dieser handtuchmäßigen Häuserbreite zählt jeder Quadratzentimeter. Doch das Ergebnis überzeugt: In Köln steht nun ein mit vielen Preisen ausgezeichnetes superschickes Slim-Fit-Gebäude mit sechs Stockwerken und einer coolen Terrasse.
Lost Places als Baugrundstücke
Doch auch auf dem Land finden sich sogenannte Unorte, vernachlässigte Grundstücke, die so wirken, als wären sie unbebaubar. Mit dem Umbau einer alten Wählvermittlungsstelle in Bad Hindelang zum Wohnhaus haben die Architekten von Kofink Schels nicht nur ein ökologisches Gebäude geschaffen, sondern auch eine Brücke zur lokalen Architekturtradition geschlagen. Das heruntergekommene Gebäude ist heute eine gelungene Interpretation des Allgäuer Bauernhauses, wobei das Baumaterial – vorwiegend Holz – von einer lokalen Schreinerei kam. So wurde ein bestehendes Gebäude nicht abgerissen, sondern möglichst sparsam saniert.
Wohnen in Gemeinschaft
Und neben der Frage nach den ökologischen Kriterien suchen Architekten verstärkt nach Möglichkeiten des gemeinschaftlichen Wohnens, auch und gerade in Dörfern, wo der Traum vom großzügigen Haus für eine Familie spätestens dann zum Albtraum wird, wenn die Kinder ausgezogen sind und die Alten einsam und hilfsbedürftig werden. Das Mehrgenerationenprojekt „Alle unter einem Dach“ im oberbayerischen Münsing zeigt, dass es anders gehen kann: Unter zwei lang gezogenen Satteldächern kamen gleich zwei Dutzend Baufamilien zum Zug.
Unterschiedlich große Haus- und Wohneinheiten verschränken sich zu zwei kompakten Baukörpern, die ansprechende Holzbauweise passt wunderbar ins Landschaftsbild, die Gebäude erinnern von Weitem eher an große Scheunen. Das Wohnen in Gemeinschaft ohne den Verzicht auf individuellen Lebensraum – das ist eine immense Herausforderung für die Architektenbüros. Die Gesellschaft altert und benötigt neue Konzepte für ein würdiges Leben auch jenseits der Großstadtgrenzen.
„D a s Einfamilienhaus gibt es nicht“, betont René Hartmann von der Wüstenrot-Stiftung. „In den Städten dominieren mittlerweile die Themen Nachverdichtung und Umbau.“ Und auf dem Land müsse oft noch die mangelhafte Infrastruktur bei der Planung mitberücksichtigt werden, das zumindest zeigen in gelungener Weise die übrigen Projekte, die neben den Preisträgern entweder ausgezeichnet oder lobend erwähnt wurden. Da geht was.
Doch damit die Kreativität der Bauwilligen nicht versiegt, müsse sich auch die Politik noch bewegen. „Geltende Baunormen müssen geändert werden. Und es sollte wesentlich mehr im Bestand gebaut werden“, fordert René Hartmann. Nur so hat das nachhaltige Einfamilienhaus eine Zukunft.