Architekturtrend Der Mix macht’s

In den Büros werden Arbeitslosengeld-Anträge bearbeitet, oben reifen im Dachgewächshaus Erdbeeren: Dieser Hybridbau steht in Oberhausen. Foto: Hiepler, Brunier/DAM

Hybride Bauten sind im Kommen: Büro trifft Landschaft, Wohnen paart sich mit Sport und Shopping. Was steckt hinter der Mixed-Use-Architektur?

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Den wildesten Mix hat Kopenhagen zu bieten. CopenHill heißt das Gebäude, das wagemutig Funktionen zusammenbringt, die gegensätzlicher nicht sein können, in einer konsumorientierten Freizeitgesellschaft – aber doch nur die zwei Seiten einer Medaille sind. In dem vom Architekturbüro BIG – Bjarke Ingels Group (Kopenhagen/New York) geplanten Bau wird Müll verbrannt und Strom gewonnen. Das Dach ist mit grünen Plastikmatten belegt. Auf dem künstlichen Berg kann man sommers wandern und winters Ski- und Snowboardfahren, mitten in der dänischen Metropole.

 

Die Elphi hat mehr als nur Konzertsäle

Das CopenHill mit seinem schrägen Nutzungsmix ist kein Sonderfall. Hybride Bauten, Häuser, die verschiedene Funktionen erfüllen, liegen im Trend. In der Hamburger Elbphilharmonie sind nicht nur Konzertsäle und eine grandiose Aussichtsplattform untergebracht, der spektakuläre Umbau des Kaispeichers beherbergt auch 44 Wohnungen, ein Hotel, ein Parkhaus und ein Museum.

Hybrid-Hochhäuser in den Metropolen

In den Großstädten wächst zudem eine neue Generation von Hochhäusern in den Himmel empor, die nicht mehr nur reine Büro-Türme oder vertikale Wohnsiedlungen sind. Projekte wie der Frankfurter Omniturm, ebenfalls vom Büro BIG, schichten Büros, Wohnungen, Restaurants und Bars, aber auch Eventflächen und Geschäfte übereinander. Städte wie New York oder Singapur haben schon eine ganze Reihe solcher Hybrid-Hochhäuser vorzuweisen, jetzt zieht Deutschland nach.

Beim DAM-Preis des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt siegte in diesem Jahr ein famoses Mixed-Use-Gebäude, unter den Finalisten bei dem Architekturauszeichnungsverfahren war ein weiterer bemerkenswerter Hybrid vertreten.

Beispiel Oberhausen: Jobcenter und Dachgewächshaus

So wartet Oberhausen mit einer einzigartigen Kombination auf: ein backsteinernes Verwaltungsgebäude, das von einem gläsernen Dachgewächshaus gekrönt wird. In den Büroetagen hat das Jobcenter Oberhausen seinen Sitz, während also unten ALG II-Anträge ausgefüllt werden, reifen oben Erdbeeren, sprießen Kräuter. Büro trifft Landschaft. Eine dritte Funktion kommt bei dem DAM-Preis-Finalist noch hinzu: der Innenhof ist ein öffentlich zugänglicher „vertikaler Garten“ in Form eines Stahlgerüsts aus Treppen und Plattformen, das von Reben, Hopfen und Kletterhortensien umwuchert wird. Arbeit, Erholung, Lebensmittelproduktion an einem Ort.

Beispiel München: sporteln, arbeiten, entspannen

Beim Werk 12 in München, dem DAM-Preis-Sieger, haben die Architekten von MVRDV und N-V-O Nuyken von Oefele fünf luftige verglaste Geschosse übereinandergestapelt und mit Balkonen und Treppen umgarnt, auf der Fassade prangen Comic-Lautmalereien: AAHH, OH, WOW. In einem Fitnessstudio wird gesportelt und geschwommen, dazu kommen Büros und Gastronomie. Die „Offenheit und Wandelbarkeit“ des Bauwerks erachtete die DAM-Preis-Jury als „visionär“ und zukunftsweisend für Architektur und Städtebau.

Getrennte Funktionen

Denn mit solchen hybriden Bauten reagiert die Architektur auf den Wandel der urbanen Zentren. Die moderne Nachkriegsstadt dividierte die Funktionen auseinander – in der City Handel und Kommerz, dazu die öffentlichen Plätze und die Bürobauten für die White-Collar-Worker. Schmutzige Fabriken, lautes Gewerbe schob man an die Ränder, schön säuberlich getrennt von den ruhigen, grünen Vorort-Wohnsiedlungen – und alles bequem verbunden durch Straßenschneisen für die Autos.

Die Stadt ächzt und stöhnt

Globalisierung, Digitalisierung sowie eine sich verändernde Mobilität sind weltweit die Motoren des Wandels der Citys. Die Pandemie hat das Veränderungstempo auf Speed hochgeschaltet – und spitzt so die Krise der Städte zu. Der Online-Handel lässt die Ladenvielfalt sterben, das Homeoffice leert die Bürowaben. Klimafreundlichere Mobilitätskonzepte machen zudem die Auto-Adern in den Zentren zumindest in Teilen überflüssig, die Klimakrise verlangt aber auch nach mehr kühlendem Grün in den immer dichter bebauten Städten.

Die gute, alte Stadt hat also viel zu schultern, sie ächzt und stöhnt, und um zu überleben, muss sie möglichst flexibel sein und resilient sein, also widerstandsfähig. Trendforscher sagen: urbane Resilienz mache Städte krisensicher, die Stadt von morgen sei „dynamisch und adaptiv“, so das Frankfurter Zukunftsinstitut.

Hybride stärken die Widerstandsfähigkeit

Hierbei können hybride Bauten helfen, denn ihre Wandlungsfähigkeit ist ihnen von Beginn an eingeschrieben. Beim Werk 12, das aus mehreren doppelgeschossigen Plattformen besteht, kann die Bespielung der Flächen wechseln, ohne dass teure Umbauten nötig sind. Auch der Hybrid in Oberhausen ist so variabel geplant, dass er später auch Wohnungen und Gewerbe beherbergen könnte. Und Dächer ließen sich vielleicht nicht nur für Gewächshäuser nutzen, sondern auch für Kindergärten und Schulen, sagen die Architekten von Kuehn Malvezzi. Ihr Mischnutzungskonzept in Oberhausen sehen sie auch als Baustein zur Schaffung neuer „sozialer Zusammenhänge“ in den Städten.

Hotel trifft auf Co-Working

Genau darin liegt ein weiteres Plus von Hybriden. Auch Projekte wie das LIST in Hannover bringen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die sich in der traditionellen Stadt sonst vielleicht eher aus dem Weg gehen. Unten ein Super- und Drogeriemarkt, darüber zwei Etagen Co-Working, ganz oben ein Hotel – so sieht der Mix bei dem vom Büro Léonwohlhage geplanten Gebäude aus. Ein origineller Multifunktionskomplex im Kopenhagener Stadtteil Sundbyoster von Dorte Mandrup Arkitekter paart Supermarkt, Sporthalle und Wohnungen, das spart in der dichten Stadt Platz. Neue Haustypen wie etwa das Integrative Bauprojekt am Berliner Blumengroßmarkt (IBeB) rücken zudem Wohnen, Arbeiten, Kultur und Gewerbe enger zusammen – eine Kombination, die sich in Zeiten, in denen Leben, Arbeiten und Wohnen immer mehr ineinanderfließen, als vorteilhaft erweist.

Neue Vielfalt für Konsum-Kolosse

Der Trend zu „hybrid Spaces“ hat längst auch die Kaufhäuser erfasst. Die allein dem Kommerz verschriebenen Paläste und die Shopping Center sind angeschlagen. Bei den wie gestrandete Tanker in den Innenstädten oder an ihren Rändern liegenden Kolosse kann Vielfalt wie eine Vitalisierungsspritze wirken. So werden in den Malls Läden immer häufiger mit Büros, Dienstleistung sowie Gastronomie gemixt. „Der neue Abwechslungsreichtum und kleinteiligere, hybride Nutzungen können zur Wiederbelebung der Innenstädte beitragen“, schreiben die Architekten des Berliner Büros Graft.

Seniorinnen wohnen im ehemaligen Kaufhaus

Im nordrhein-westfälischen Eschweiler bietet das ehemalige Kaufhaus Breuer nur noch im Erdgeschoss Einzelhandel. Es gibt ein Bürogeschoss, darüber wohnen auf zwei Etagen ältere Menschen barrierefrei, von der gemeinschaftlichen Dachterrasse genießen sie einen herrlichen Blick über die Innenstadt. So sind die Seniorinnen und Senioren mittendrin. Ein Mix, der Stadt und Menschen guttut.

Info-Element:

Oberhausen Im Gewächshaus des Hybridbaus forscht das Fraunhofer-Institut zu gebäudeintegrierter Lebensmittelproduktion, außerdem nutzt ein Gartenbau-Unternehmen die Fläche gärtnerisch. Den Bau hat das Büro Kuehn Malvezzi Architekten gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten von Atelier Le Balto realisiert.

Publikation Das Oberhausener Projekt wie auch der DAM-Preis-Sieger in München sowie 23 weitere herausragende Bauten stellen das „Deutsche Architektur Jahrbuch 2021“ (DOM Publishers, 256 Seiten, 38 Euro) sowie die Ausstellung „DAM Preis 2021“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (bis 13. Juni) vor. Das Museum ist derzeit aufgrund des Lockdown geschlossen, Veranstaltungen und Führungen finden jedoch digital statt. Internet: www.dam-online.de. uh

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