Architekturwettbewerb Königin-Katharina-Stift Der architektonische Charme der Neuen Stuttgarter Schule

Bekommt einen voraussichtlich 50 Millionen Euro teuren ergänzenden Schulnachbarn: Das Stuttgarter Königin-Katharina-Stift. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein Stuttgarter Architekturbüro gewinnt den ersten Preis für den Erweiterungsbau des Königin-Katharina-Stifts. Worin das Besondere des Entwurfes besteht und wie er mit der herausfordernden städtebaulichen Situation im Oberen Schlossgarten umgeht.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Der Lern- und Lebensort Schule muss heutzutage vieles leisten. Die Schule soll einerseits Spaß machen, zum Entdecken der Welt animieren und ein gleichberechtigtes Miteinander einüben – dies auch vor dem Hintergrund zunehmender Heterogenität der Schülerschaft. Leider scheitert die moderne Architektur nicht selten an diesen hehren Ansprüchen, weil sie bei der technologischen Hochrüstung der Schulgebäude mitmacht anstatt sich am pädagogisch Notwendigen zu orientieren. Beispiele dafür lassen sich in der neuen Schullandschaft einige finden.

 

Planerische Herkulesaufgabe für die Stuttgarter Schule

Noch anspruchsvoller mutet die Bauaufgabe an, wenn einem alten Schulgebäude ein Erweiterungsbau zur Seite gestellt werden soll. Neben den pädagogischen Erfordernissen muss ein derartiges Projekt schließlich auch noch architektonisch überzeugen, die Umgebung aufwerten sowie den bestehenden Altbau als Baudenkmal würdigen. Zudem soll der ökologische Fußabdruck beim Bauen bitteschön möglichst klein bleiben. Kurzum: Der Neubau wird zu einer planerischen Herkulesaufgabe.

Trotzdem ist es vorläufig vollbracht, zumindest auf dem Papier: Der Wettbewerb zum Neubau beim altehrwürdigen, im Jahr 1903 von Emil Mayer an der Schillerstraße errichteten Gymnasium Königin-Katharina-Stift wurde nun tatsächlich entschieden. Eine Jury mit Vertretern der Stadtverwaltung, des Gemeinderats und der Schule hat den Entwurf des Stuttgarter Büros Kohlmayer Oberst Architekten mit der Planungsgemeinschaft für Landschaftsarchitektur Markus Herthneck auf den ersten Platz gesetzt.

Der Gebhard-Müller-Platz ist einer der neuralgischsten Orte in der Stuttgart. Der schulische Altbau ist weithin sichtbar und verkehrs- und baustellenumtost wie kaum ein zweites Gebäude in der City.

Gleichzeitig erscheint der eigentlich so prachtvolle Gründerzeitriegel selbst von seiner nord-östlichen Schokoladenseite aus betrachtet mittlerweile fast schon verloren, umzingelt und überfordert von Zufahrten, Bundesstraßen, Radwegen, Stegen, Menschen – und nicht zuletzt von der eigenen Historie.

Umzug oder Abriss standen zur Debatte

Wichtig ist die Erweiterung, weil im Zuge der Opernsanierung der Musiksaal und die Turnhalle des „Katzenstifts“ – so nennen die Stuttgarter liebevoll dieses tradierte Gymnasium – abgerissen und die Nutzungen auf die Parkseite verlagert werden. Vor diesem Hintergrund wurde jahrelang mitunter heftig diskutiert, ob die Schule besser weichen soll.

Kein Geringerer als der inzwischen verstorbene Stuttgarter Ausnahme-Architekt Arno Lederer plädierte entweder für den Umzug des „Katzenstifts“ auf das Gelände der ehemaligen Neckarrealschule oder sogar: für den Komplett-Abriss. Lederers Alternative: Auf dem Schulareal sollte die neue Oper entstehen. Und falls man das Schulgebäude doch erhalten wollte, könnte es ja als Opernfoyer dienen, meinte er.

Doch spätestens mit der Auslobung dieses Wettbewerbs war es dann auch vorbei mit allen Planspielen. Bürgermeisterin Isabel Fezer erklärte bei der Vorstellung des Siegerentwurfs die leidige Abriss-Debatte endgültig für beendet.

Vor lauter Kränen und S-21-Baustelle ist das Stuttgarter Gymnasium zueilen kaum mehr zu sehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In diesem Sinne hat der Gewinnerbeitrag von Kohlmayer Oberst Architekten auch etwas von einer Wiedergutmachungsgeste. Der mehrgeschossige Neubau soll den alten Schulbau keineswegs in den Schatten stellen, er hat lediglich die Funktion eines Ergänzungsbaus. Und genau dieser respektvolle Umgang mit dem Bestand spiegelt sich beispielsweise in der sensiblen Ausgestaltung der Höhenbezüge – neue und alte Architektur konkurrieren nicht, sie korrespondieren.

Ein Vorteil gegenüber den anderen Wettbewerbsbeiträgen ist möglicherweise, dass die – stützenfreie – Sporthalle das Obergeschoss bildet, eine transparente und illuminierte Haube, die – wenn auch nur schemenhaft – Schülerinnen und Schüler in Bewegung zeigt. Eine Schule, die nicht stehen bleibt – was für eine schöne und eindrückliche Metapher! Andere Büros schlugen weniger effektvoll eine unterirdische Sporthalle vor, doch das hätte eventuell Konflikte mit dem Grundwassermanagement ergeben.

Das Erdgeschoss ist bei Kohlmayer Oberst Architekten, sollte den Plänen gemäß gebaut werden, eine atmende Zone. Es soll sowohl eine Verbindung zum Altbau schaffen, dann auch einen multifunktionalen Raum bieten und eine breite Öffnung zum Bereich rund um den Eckensee bieten.

So entsteht eine signifikante Durchlässigkeit, die Schule öffnet sich zum öffentlichen Raum, zum Park, dessen Aufenthaltsqualität in der Vergangenheit stark gelitten hat, auch wenn sich eine gefühlte Unsicherheit in den Anlagen kriminalstatistisch nicht eindeutig belegen lässt. Das Königin-Katharina-Stift samt Neubau will dennoch keine Trutzburg sein, sondern eine Schule, die die Welt herein- und ihre Schüler herauslässt.

Insgesamt überzeugen das Vorhaben und das Votum der Jury. Dieser wichtige Stadtbaustein könnte diesen wichtigen Ort aufwerten und hoffentlich befrieden. Der Bau kostet rund 50 Millionen Euro, 2030 soll Einzug sein. Schön wäre es. Nicht alles wird dann wahrscheinlich so aussehen, wie es die Modelle und Zeichnungen heute noch suggerieren. Von den Baukosten zu schweigen.

Die Grundbedürfnisse junger Menschen – das Lernen, die Bewegung, die Erholung, das Spiel – ändern sich ständig und müssen in unterschiedlichen Raumtypen eine zeitgemäße Entsprechung finden. Die klügste Schularchitektur nützt ja nichts, wenn sie nicht genau auf das pädagogische Konzept der einzelnen Institution zugeschnitten ist. Am Ende kann allerdings auch diese so mutige, weil dialogische und dabei völlig unprätentiöse Architektur nicht zaubern, wird auch dieser Schulneubau nicht alle gesellschaftlichen Konflikte in einer aufgerauten Stadt wie Stuttgart in Nichts auflösen können.

Wettbewerbs-Sieger

Preisträger
Der erste Preis geht an Kohlmayer Oberst Architekten aus Stuttgart (mit 16:3 Stimmen). Den zweite Preis erhielten Schaudt Architekten GmbH aus Konstanz (mit 16:3 Stimmen). Der dritte Preis wurde einstimmt an Wulf Architekten aus Stuttgart vergeben.

Anerkennungen
Drei Anerkennungen wurden vergeben an Anerkennung: dasch zürn + partner, Stuttgart. Löhle Neubauer Architekte, Augsburg. BURUCKERBARNIKOL Architekten, Dresden.

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