Archive in Stuttgart Ein perfektes High aus Sound und Licht

Die Band Archive erzeugt im LKA Longhorn eine düstere, aber auch schöne Stimmung. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Das britische Bandkollektiv Archive hat am Mittwochabend im LKA Longhorn das Weltende besungen – und das Leben gefeiert.

Es war nicht unbedingt alles besser, als die britische Band Archive um die Gründer Darius Keeler und Danny Griffith zuletzt vor fast auf den Tag genau vier Jahren in Stuttgart aufgetreten ist. Damals stand der Brexit unmittelbar bevor, die Coronapandemie und die sich daran anschließenden Krisen waren da allerdings noch nicht einmal zu erahnen.

 

Seitdem ist viel geschehen: Keeler und Griffith (beide am Keyboard) haben mit Dave Penn, Pollard Berrier (beide Gesang und Gitarre), der Sängerin Lisa Mottram und weiteren Bandmitgliedern im April vergangenen Jahres das neue Album „Call To Arms And Angels“ herausgebracht, das unter widrigen Bedingungen während der Pandemie entstanden war. Wenige Wochen vor Erscheinen des Albums überfiel Russland die Ukraine. Und Darius Keeler musste sich wegen einer Krebserkrankung einer Chemotherapie unterziehen, die geplante Tour um ein Jahr verschoben werden.

Befreiungsschlag von den Tiefschlägen der vergangenen Jahre

Der fantastische, gut zweistündige Auftritt der 1994 in London gegründeten Band am Mittwochabend im LKA Longhorn wirkt dann trotz der meist düsteren Inhalte der Songs wie ein Befreiungsschlag von den Tiefschlägen der vergangenen Jahre. Es spielt keine Rolle, dass die Halle mit 800 Fans relativ locker besetzt ist. Der Auftakt mit dem fiesen, hämisch von Pollard Berrier skandierten „Mr. Daisy“ und dem somnambul treibenden „Bullets“ zieht sofort in den Bann. „God, I’m Sick of You“, singt Dave Penn mit zermürbtem Timbre im nahtlos auf „Bullets“ folgenden Stück „Vice“ – es klingt wie ein hilflos wütender Kommentar zu den sich auftürmenden Krisen, die Archive immer wieder in ihren Kompositionen verarbeitet haben. Dass der Weltekel, der Ennui, die Wut und Verzweiflung aber nicht überhandnehmen, liegt an der Kunst des Kollektivs, Songs wie sich allmählich formierende Wolkenungetüme zu bauen, die sich in einer Klimax wie ein reinigendes Gewitter entladen.

So erzeugt selbst ein böser Song wie „Controlling Crowds“ über Massenüberwachung mit seinen repetitiven Beschwörungsformeln und dem massiv drängenden Rhythmus musikalische Euphorie. Verstärkt wird die hypnotische Wirkung durch den Einsatz sich bewegender farbiger Lichtflächen, in denen die Musiker fast vollständig verschwinden. Irgendwann ist alles nur noch ein perfektes High aus Sound und Licht. „The skies are collapsing onto us“, mahnt eine Zeile. So schrecklich die Angst vorm Weltende auch ist – kaum eine Band besingt sie so betörend schön wie Archive.

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