ARD-„Charité“, 3. Staffel Mediziner direkt an der Mauer

Ingeborg Rapoport (Nina Kunzendorf) mit kleinem Patienten. Foto: ARD/Stanislav Honzik

Die neue Staffel der ARD-Erfolgsserie „Charité“ läuft vom 12. Januar an im TV. Was macht die dritte Staffel der Krankenhausserie so interessant?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Nein, „Charité“ ist wirklich nicht „Babylon Berlin“. Alles, womit die ARD-Erfolgsserie über Kriminalfälle in der Weimarer Republik gerade auch beim jüngeren Publikum Punkte macht – die Vielschichtigkeit der Story, die spannenden Charaktere mit all ihren Abgründen, das unmittelbare Verstricken mit der Zeitgeschichte, dazu der Spannungsaufbau in jeder einzelnen Folge –, all das hat „Charité“ auch in der dritten Staffel wirklich nur in sehr niedriger Dosierung zu bieten.

 

Eigentlich ist „Charité“ eine ganz normale Arztserie, so wie auch „In aller Freundschaft“, der ARD-Dienstagabend-Dauerbrenner aus der Leipziger „Sachsenklinik“. Hier wie dort gibt es engagierte, aufstrebende junge Ärztinnen und Schwestern, die sich im Kampf gegen alte Platzhirsche noch ihren Platz erkämpfen müssen. Es gibt ausreichend junge Assistenz- und jung gebliebene Oberärzte, in die man sich verlieben kann. Es gibt eine bullerige, im Grunde ihres Herzens aber natürlich grundgute Oberschwester, die auf Station ein scharfes Regiment führt. Es gibt die heldenhaften Chefärzte, die den Fortschritt der Medizin vorantreiben, aber natürlich alle auch ihre Fehler haben. Und es gibt in jeder Folge mindestens drei Notfall-Patienten, die dringend gerettet werden müssen.

Der Blick zurück

Was „Charité“ trotzdem besonders macht, schon bei Staffel 1 und 2 ein Millionenpublikum bescherte, dazu internationalen Erfolg und sogar eine Nominierung beim Internationalen Emmy-TV-Preis, ist das historische Setting. Man erlebt eine Medizin, die noch so ganz anders ist als jene, die wir heute wie selbstverständlich genießen. Vieles heute Selbstverständliche erscheint in neuem Licht. Das ist spannend – und manchmal auch gruselig.

Die erste Staffel (gesendet 2017) spielte am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Berliner Krankenhaus wurde damals zum Zentrum der Medizin nicht nur der Metropole Berlin, sondern weit darüber hinaus. Rudolph Virchow, Paul Ehrlich und Robert Koch rangen um den medizinischen Fortschritt und künftige Nobelpreise. Die zweite Staffel (2019) führte in die Zeit des Zweiten Weltkriegs; Ferdinand Sauerbruch führte das OP-Besteck.

Auch in DDR-Zeiten ein weltweit angesehener Ort der Medizin

Staffel drei erzählt nun DDR-Geschichte. Die sechs neuen Folgen spielen in Sommer und Herbst 1961 – und da die kleine „Charité“-Krankenhausstadt ja tatsächlich genau an der Grenze zwischen den Berliner Bezirken Mitte und Tiergarten liegt, wird schon in der zweiten Folge der Gartenzaun zur Spree hin, durch den zuvor die Krankenschwestern abends gern noch mal zum Amüsieren in Richtung Kurfürstendamm zogen, zur Sektorengrenze mit Schießbefehl.

Die große Stärke der neuen „Charité“-Runde ist, dass sie DDR-Geschichte erzählt. Auch 30 Jahre nach der Vereinigung ist die Historie des ostdeutschen Teils des Landes vielen ja weitgehend unbekannt. Klar, der Mauerbau 1961 ist präsent in der historischen Erzählung. Auch, dass in den Jahren zuvor gerade die Abwanderung vieler Ärzte und Pflegekräfte in den wirtschaftlich und politisch attraktiveren Westen der kommunistischen Ost-Führung stark zu schaffen machte.

Auffällige Mediziner und Medizinerinnen

Doch auch in DDR-Zeiten war die Charité ein weltweit angesehener Ort der Medizin. Es gab zum Beispiel die Kinderärztin Ingeborg Rapoport, die als Jüdin vor den Nazis in die USA geflüchtet war, dort nach Kriegsende aber Opfer der McCarthy-Kommunistenhatz wurde und ganz bewusst 1952 mit ihrer Familie nach Ost-Berlin zog. Sie hat erfolgreich an der vielfach beispielhaften Prävention in der DDR-Kindermedizin mitgewirkt.

Es gab Otto Prokop, einen der bis heute ganz großen Namen der Rechtsmedizin. Der Charmeur lehrte erst an der Universität Bonn, folgte aber 1957 einem Ruf an die Humboldt-Uni in Ost-Berlin. Als österreichischer Staatsbürger hätte er nach 1961 jederzeit die DDR verlassen können, wusste aber die Ausstattung seines Institutes und die Unterstützung der Behörden sehr zu schätzen – so sehr, dass er sich sogar von der Stasi in die geheime Obduktion der Maueropfer einspannen ließ.

Und da ist Helmut Kraatz, einer der führenden Gynäkologen seiner Zeit, weltweit angesehen auch als Gesundheitspolitiker; einerseits mit NS-Partei-Vergangenheit, andererseits ein Pionier auch in den Problemen der Intersexualität, ganz in der Tradition der Weimarer Republik. In seiner Privatklinik half er Patienten, die körperlich das falsche Geschlecht aufwiesen, oder sogar beide Geschlechter – und das zu einer Zeit, da „im Westen“ solche Themen in der Medizin schon moralisch, aber auch juristisch sanktioniert waren.

Die Infektionsschrecken der damaligen Zeit

Überhaupt, „der Westen“: Gleich in der ersten Episode lernt der Zuschauer, dass im Sommer 1961 in West-Berlin offenbar in Kindergärten und Schulen die Kinderlähmung grassierte, eine wahrer Infektions-Schrecken der damaligen Zeit. Dank neuartiger Polio-Zwangsimpfung in der gesamten Bevölkerung war die Krankheit in der DDR bereits komplett überwunden. Als ein junger schwerkranker Patient aus Schöneberg auf dem Behandlungstisch von Ingeborg Rapoport landet, muss der Hausmeister darum ein Gerät wieder herbeischaffen, das längst in den Keller verbannt worden war: die „Eiserne Lunge“.

Ganz schön aktuell, diese Themen aus der schlechten, alten DDR-Zeit. Und dank der wirklich vorzüglichen Besetzung – in der dritten „Charité“-Staffel sind Nina Kunzendorf, Uwe Ochsenknecht, Philipp Hochmair und die wunderbare Nina Gummich am Start – folgt man als Zuschauer dem Geschehen mit Interesse. Selbst dann, wenn dieses Geschehen stets im Rahmen des ohnehin Erwarteten bleibt, eben ganz anders als bei „Babylon Berlin“.

Ach ja, man wird auch wieder demütig: Was für ein Segen, dass heutzutage dank des Lübecker Unternehmens Draeger auf den Intensivstationen keine „Eisernen Lungen“ mehr zum Einsatz kommen!

Die neue Charité-Staffel im TV

Sendung
Es gibt sechs neue „Charité“-Episoden; sie sind von diesem Dienstag, 12. Januar an jeweils im Doppelpack zu sehen: ARD, 20.15 Uhr.

Geschichte
Im Abspann des Films ist sehr zu Recht zu lesen: „Diese Produktion ist keine Dokumentation. Sie ist eine fiktionale Unterhaltungsserie auf der Grundlage eines historischen Stoffes“. Wer mehr erfahren will, ist mit der Doku „Die Charité – Ein Krankenhaus im Kalten Krieg“ gut bedient: ARD, 21.50 Uhr.
Natürlich ist alles von sofort an auch komplett in der ARD-Mediathek
abrufbar.

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