ARD-Doku: „Kinder des Krieges“ Zwischen Tod und Trümmern

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In einer bewegenden Dokumentation lässt die ARD jene Generation zu Wort kommen, die sich oft erst heute, im hohen Alter ihren dunklen Erinnerungen stellt: die „Kinder des Krieges“.

Am Ende: Ein US-Soldat versorgt 1945 einen jugendlichen deutschen Kämpfer. Foto: MDR Mitteldeutscher Rundfunk
Am Ende: Ein US-Soldat versorgt 1945 einen jugendlichen deutschen Kämpfer. Foto: MDR Mitteldeutscher Rundfunk

Stuttgart - Am 8. Mai jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland – ein Jubiläum, das in dieser Woche von vielen Fernsehsendern mit besonderen Spielfilmen und Dokumentationen gewürdigt wird. Dabei setzt das Erste seinen Schwerpunkt gleich an diesem Montag mit einem ganz besonderen Projekt: „Kinder des Krieges“ lässt in persönlichen Erinnerungen eine lange Reihe jener Menschen zu Wort kommen, die das Jahr 1945 eben als Kinder oder Jugendliche erlebt haben. Daraus ergibt sich eine Rückschau von großer Wucht, deren Emotionalität sich der Zuschauer an vielen Stellen kaum entziehen kann.

Es sind die heute 80- bis 90-Jährigen, die man in diesem Sinne als „Kinder des Krieges“ verstehen kann – eine Generation, der man im Nachhinein anders als ihren Müttern und Vätern sicher keine Mitschuld am Aufkommen des Naziterrors mehr zuweisen kann, und die dennoch in den Jahrzehnten des Aufbaus oft seltsam wortkarg über ihre Jugenderlebnisse blieben. Bereits um die Jahrtausendwende hat die Kölner Journalistin Susanne Bode eine Reihe wichtiger Bücher über diese „vergessene Generation“ verfasst und darauf verwiesen, dass bei diesem „Schweigen der Kriegskinder“ oft eine Mischung aus verdrängten traumatischen Erinnerungen, aber auch von unbewussten Schuldgefühlen eine Rolle spiele.

Es geht kreuz und quer durch Deutschland

Der Dokumentarfilmer Jan L. Lorenzen hat nun 2020 für ein Gemeinschaftsprojekt aller ARD-Sender Dutzende der noch lebenden Kriegskinder aus ganz Deutschland vor die Kamera geholt und sie dort schlicht erzählen lassen. Das daraus entstandene Material stellt die ARD in einem Multimediaprojekt im Netz zur Verfügung; die einzelnen ARD-Sender gestalten daraus eigene regionale Schwerpunkte. Doch die Spitze der Arbeit macht zweifellos die 90-minütige Dokumentation aus, die an diesem Montag im Hauptprogramm gesendet wird – zur besten Sendezeit, hoffentlich, wenn nicht wieder irgendein nur mäßig informativer Corona-„Brennpunkt“ dazwischen kommt.

Es geht einmal kreuz und quer durch Deutschland, von Bremerhaven bis zum Schliersee, von Zweibrücken in der Pfalz bis Auschwitz im besetzten Polen. Und wer immer dachte, nach den großen Schreckenszeiten sei doch das Jahr 1945 immerhin ein Einschnitt der Hoffnung, eben eine „Stunde null“ gewesen, der wird durch dieses vielstimmige Konzert der Augenzeugen eines Schlechteren belehrt: denn gerade in den letzten Monaten des Krieges fordern der Terror der Nazis und die Luftangriffe der Alliierten mehr Opfer und Tote denn je; das sichere Ende scheint den Vernichtungskampf zum geradezu bizarren Vernichtungskrampf zu steigern.

Zeitdokumente ordnen die Erinnerungen ein

Und auch nach dem 8. Mai bleibt Deutschland geprägt von Verlassenen, Vertriebenen, Flüchtenden, Geschundenen, tief Traumatisierten – aber auch von Wendehälsen, Schwindlern und Vertuschern. Ja, der 8. Mai war bestimmt der „Tag der Befreiung“, wie es der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner grundlegenden Rede zum 40. Jahrestag 1985 beschrieben hat. Aber er war ganz sicher keine „Stunde null“.

Sollte nun jemand Sorgen haben, dass durch die Reihung der vielen Interviews mit ihren unterschiedlichen Perspektiven – hier das Kind in der zerstörten Kölner Altstadt, dort das Kind im KZ Buchenwald – womöglich ungewollt eine Relativierung der NS-Verbrechen verbunden sein könnte, wird durch Jan N. Lorenzens Collagetechnik schnell eines Besseren belehrt. So ordnet er mittels Zeitdokumenten viele Schilderungen in historische Zusammenhänge ein, ohne die subjektive Aussagekraft der Zeitzeugen zu relativieren.

Ein Kindheitstraum wird wahr

Und auch das vieles entscheidende letzte Wort hat er ganz sicher nicht zufällig ausgewählt: Gisela Jäckel ist noch einmal zu erleben. Sie hat nur mit sehr knapper Not das Kriegsende 1945 überlebt. Sie und ihre Schwester galten als „Halbjüdinnen“, ihre Mutter war bereits im KZ Auschwitz umgekommen. Als die Amerikaner ihre Stadt befreit hatten, fand sich auf dem Rathaus der zum Glück nicht mehr ausgeführte Deportationsbefehl der Nazis für die Tochter.

Und worüber erzählt diese vielfach bedrohte Frau zum Schluss mit leuchtenden Augen? Wie lange nach dem Krieg doch noch ein Kindertraum wahr wurde. Sie hatte stets Verkäuferin werden wollen. Und schaffte es später in ihrem Ort bis zur Leiterin einer Eduscho-Filiale. Diese Worte und ihr Blick wirken lange nach.

An diesem Montag, ARD,
20.15 Uhr



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