ARD-Doku über Frederic von Anhalt Hochstapelei will gelernt sein

Von Ulla Hanselmann 

Frederic von Anhalt – das ist der schrille Ehemann von Zsa Zsa Gabor, bekannt aus den Boulevardmedien. Doch wer ist der „Prinz Hollywood“ wirklich? Ein sehenswerter ARD-Dokumentarfilm versucht eine Antwort.

Es gibt kaum einen  Star, der sich nicht mit dem ehemaligen Weinbauernbuben aus dem Hunsrück ablichten ließe: Meryl Streep an der Seite des Prinzen. Foto: SWR
Es gibt kaum einen Star, der sich nicht mit dem ehemaligen Weinbauernbuben aus dem Hunsrück ablichten ließe: Meryl Streep an der Seite des Prinzen. Foto: SWR

Stuttgart - Mit bürgerlichem Namen heißt er Hans-Robert Lichtenberg. Die Welt des Jetsets und des Boulevards kennt ihn als Prinz Frederic von Anhalt, den achten Ehemann der Hollywooddiva Zsa Zsa Gabor. Den Namen hat er sich mit einer gekauften Adoption, vermittelt vom Titelhändler Hans-Hermann Weyer, erschummelt, bezahlt hat er dafür nichts. Noch heute sitzt ihm die Schadenfreude im Gesicht, wenn er erzählt, wie er, der Weinbauernbub aus dem Hunsrück, damals den geldgeilen „Consul Weyer Graf zu Yorck“ mit einer simplen Finte ausgetrickst hat.

Der Name war sein Startkapital für die neue Existenz in der Glamourwelt von Hollywood. Doch ohne das Übermaß an Dreistigkeit und Großspurigkeit, die ihm wohl schon als Dorfjunge zu eigen war, wie ein Schulfreund bestätigt, hätte es nicht funktioniert. „Keine Angst haben, das ist wichtig“, sagt der 73-Jährige, den die Filmemacherin Nicola Graef in ihrer Dokumentation „Prinz Hollywood“ für die ARD porträtiert. Angst zu haben, das hatte ihn der Vater mit seinen willkürlichen Prügeleien abtrainiert. Liebe von den Eltern habe er nie erfahren, erzählt er. Und die Liebe zu seiner Frau, die er 1986 heiratete, habe Zeit gebraucht, um zu wachsen. Verliebt? „Nee!“. Aber: „Sie hat mir die Welt zu Füßen gelegt.“

Blick in die Innenwelt eines Menschen

„Mich interessiert der Blick in die Innenwelt eines Menschen. Das, was ihn wirklich ausmacht, das, was die Außenwelt nicht zu sehen bekommt“, beschreibt die Regisseurin und Produzentin Nicola Graef ihr Berufscredo. An diesem Pseudo-Prinzen aber, der sie zu Beginn ihres Films im schwarzen Adidas-Trainingsanzug in seinem Landrover durch Los Angeles zu seinem herrschaftlichen Anwesen in Bel Air kutschiert, beißt sie sich im Lauf der 82 Filmminuten die Zähne aus.

Dabei gibt es auf den ersten Blick durchaus viel Persönliches und Unerwartetes zu hören und zu sehen. Etwa wenn der Adelstitel- und Goldarmbandträger im Unterhemd in der Erde wühlt und schweißtreibende Gartenarbeit verrichtet oder Thanksgiving-Truthähne an Bedürftige in Los Angeles verteilt. Vor allem aber, wenn eine Seite von ihm gezeigt wird, die der von den Boulevardmedien Umschwärmte ansonsten kaum nach außen kehrt. Seit 14 Jahren pflegt er die inzwischen 99-jährige Gabor, die 2002 durch einen Unfall zum Pflegefall wurde. Nacht für Nacht übernimmt er die Schicht an ihrem Bett, dreht sie alle zwei Stunden, füttert sie und redet ihr fürsorglich zu. Bis ans Krankenbett darf die Kamera vordringen, aber nur so weit, dass die ehemalige Schauspielerin selbst nicht ins Bild kommt. Dann hebt der Ehemann abwehrend die Hand hoch, und ein Paravent wird schnell schützend vors Bett gezogen.

Seit 14 Jahren pflegt er die 99-jährige Zsa Zsa Gabor

„Eine todkranke Frau und den Roten Teppich, das sind die zwei Dinge, die ich habe“, beschreibt Frederic von Anhalt sein bizarres Doppelleben. Man sieht ihn, wie er auf Partys und Preisverleihungen für die Fotografen posiert oder an seinem eigenen Geburtstag die neureichen Gäste empfängt; Fotografien von einst zeigen ihn mit Ronald Reagan und der Präsidentengattin Nancy. Später wird er sagen: „Freundschaft gibt es hier in Amerika überhaupt nicht.“ Ein einziger Freund kann für ihn sprechen und seinen wahren Charakter loben: der Nachrichtensprecher Frank Mottek.

Ob er denn einsam sei, fragt Graef den Prinzen. „Einsamkeit ist eine Krankheit, das gibt es gar nicht“, wehrt er ehrlich entrüstet ab und pafft allein auf der Terrasse seinen Zigarrenrauch der untergehenden Hollywood-Sonne entgegen. Ja, Graefs Bilder sprechen für sich: Die Schonungslosigkeit, mit der sie die Armseligkeit und Hohlheit des zur Schau gestellten Reichtums offenbaren, schmerzt. Ins Herz dieses zwischen Exzentriker und Proll schillernden Menschen, ins Innerste dringt die Dokumentarfilmerin dennoch nicht vor. Denn Prinz Hollywood ist nun mal Prinz Hollywood, weshalb er auch in Graefs Fall die Kamera für seine Zwecke zu nutzen weiß. Sein Leben ist ein einziger Beweis, dass er die Kunst der Inszenierung und des Bluffs sowie die Regeln der medialen Erregungskultur beherrscht: Bei einer TV-Reality-Show pinkelte er einer anderen Kandidatin ins Badewasser. Und seiner Frau, die wegen Polizistenbeleidigung in den achtziger Jahren vor Gericht stand, riet er, der Publicity zuliebe drei Tage ins Gefängnis zu gehen.

Die Kunst der Inszenierung beherrscht er meisterlich

„Immer das Gesicht zeigen, das ist wichtig in Hollywood“ sagt er, wenn er bei den Golden Globes die Promis mit den richtig großen Namen beherzt am Arm packt, um sich mit ihnen ablichten zu lassen: Heidi Klum, Harrison Ford, Sylvester Stallone. So erweist sich Frederic von Anhalt im Laufe dieses sehenswerten, weil nachdenklich stimmenden Porträts als einer, der das Spiel zwar durchschaut, aber nach seinen Regeln spielt, weil er unbedingt gewinnen will. „Ich verarsche mich selbst hier, aber das ist ja okay, solange ich Spaß dabei habe“, sagt er. Als einer, der Opfer und zugleich Täter einer sensationslüsternen Gesellschaft ist, kann man ihn weder bedauern noch bewundern. Respekt verlangt etwas anderes ab: wie er sich als junger Mensch ein aberwitziges Lebensziel gesetzt und tatsächlich auch erreicht hat.