ARD-Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“ Der Polizist und seine tote Schwester

Matthias Brandt spielt den Großstadtpolizisten, der seiner eigenen Schwester nicht helfen kann. Foto: NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 30 Bilder
Matthias Brandt spielt den Großstadtpolizisten, der seiner eigenen Schwester nicht helfen kann. Foto: NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction

Der ARD-Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“ erzählt, wie eine polizeiliche Ermittlung in die Irre geht. Matthias Brandt spielt den Hamburger Polizeipräsidenten, der anfangs ohnmächtig zuschauen muss, wie Provinzkollegen in Niedersachsen scheitern. Die dortige Polizei ist vom Verschwinden seiner Schwester völlig überfordert.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Im Wald bei Weeseburg wird ein Pärchen ermordet. Dann noch eines. Dann verschwindet eine Frau aus Weeseburg. Das ist schon ordentlich viel Stoff für einen Krimi. Aber reicht der auch für einen Dreiteiler? Ja, würden die einschlägigen Drehbuchdoktoren sagen: wenn man die polizeiliche Untersuchung dynamisch genug gestaltet, wenn man genügend Action, Aufregung und wildes Gerenne auf Irrwegen hineinbringt.

Die Qual der Angehörigen

Der Drehbuchautor Stefan Kolditz und der Regisseur Sven Bohse haben für „Das Geheimnis des Totenwaldes“ dreimal eineinhalb Stunden zur Verfügung. Aber sie gehen einen anderen Weg als den der Drehbuchratgeber, einen riskanteren. Sie erzählen nicht aus Ermittlerperspektive von der Anspannung der Tätersuche, nicht aus Mörderperspektive vom Adrenalinrausch der Tat, nicht aus Sicht der Opfer vom intensivsten Schrecken. Sie nehmen diese Perspektiven nur für kurze Zeit ein. Kolditz und Bohse erzählen mit Bravour, Empathie und großer Glaubhaftigkeit von der Qual der Angehörigen, von der Hölle des Wartenmüssens, vom Zermürbtwerden durch Ungewissheit. „Das Geheimnis des Totenwaldes“ ist, nahe am Ende des Fernsehjahres, eine seiner Sternstunden.

Eine Eifersuchtstat? Als die Polizei in Niedersachsen zum Fundort zweier Leichen gerufen wird, scheint eines der üblichen Mordmotive aus den Wutwinkeln der Normalität denkbar. Während Polizisten und Kriminaltechniker noch auf den Waldboden starren, wird ein paar hundert Meter weiter ein anderes Pärchen umgebracht. Das ist keine gewagte Zuspitzung einer nach starken Symbolen für polizeiliche Ohnmacht suchenden Dramaturgie, es folgt den Fakten eines realen Falls.

Die Polizei kommt nicht voran

Der Ort Weeseburg ist erfunden, die Namen der Beteiligten wurden verändert, aber im Wesentlichen folgt der Dreiteiler den Göhrde-Morden von 1989. Die leichten Änderungen sollen keine Möglichkeiten zur großzügigen Reizstreuung schaffen. Kolditz („Unsere Mütter, unsere Väter“) und Bohse („Ku’damm 56“) gehen den Umweg über die Fiktionalisierung, um zur Wahrhaftigkeit zu finden. Vielleicht weil sie nicht das Gefühl haben, bloß Pauspapier für Originale zu sein, schaffen die Schauspieler besonders lebendige, glaubhafte, fein schattierte Figuren.

Offensichtlich ist ein Serienkiller unterwegs. „Das Geheimnis des Totenwaldes“ aber steigt auf die Ermittlungen dazu nicht groß ein, die führen auch zu keinem Ziel. Die Polizei kommt nicht voran und findet sich ab. Wichtig ist ihr, dass nichts Weiteres passiert. Aber es passiert eben doch etwas, nur dass die Polizei sich weigert, einen Zusammenhang herzustellen.

Großstadtcop ohne Zuständigkeit

Barbara Neder (Silke Bodenbender) ist die Frau eines Unternehmers in Weeseburg. Die Ehe ist am Ende, es geht um die Modalitäten der Trennung. Robert Neder (Nicholas Ofczarek) und Barbara treffen sich zu einer Aussprache, die Frau bleibt danach verschwunden. Die Polizei legt sich auf Robert als Mörder fest, dem leider nichts zu beweisen sei. Am Ort redet man, und dass der verfemte Robert nun darauf beharrt, das eigentliche Opfer zu sein, lässt ihn nicht sympathischer wirken.

Barbara Neders Fall könnte in irgendeinem Aktenschrank vergessen werden. Aber Neder hat Verwandtschaft vom Fach: Ihr Bruder Thomas Bethge (Matthias Brandt) ist Polizeipräsident in Hamburg. Er hakt bei den Kollegen immer wieder nach. Das reicht, damit die Akte nicht verstaubt, reicht aber nicht, um ernsthafte Ermittlungen in Gang zu bringen. Der Großstadtpolizist hat in der Provinz nichts zu sagen, er ist dort auch nur Privatmann. Der Wille der Zuständigen, doch etwas zu tun, wird in der Ermittlerin Anne Bach (Karoline Schuch) konzentriert, die Kontakt zu Bethge hält. Von ihrem Engagement sticht die Lauheit von Staatsanwaltschaft und Kripo gruselig ab.

Eine Maschine im Leerlauf

Der exzellente Brandt zeigt Bethge als korrekten, strengen Mann, dessen Sachlichkeit man als gut verkleidete Arroganz missverstehen kann. Als Polizist ist er im Fall seiner Schwester eine angekettete, im Leerlauf die eigenen Schrauben lose rüttelnde Maschine. Aber er hat zu viel Respekt vor Regeln und Gesetzen, um übergriffig zu werden, vielleicht zu viel Respekt, um sehen zu können, wie schlecht vor Ort ermittelt wird. Nach seiner Pensionierung aber trommelt er eine inoffizielle Sonderkommission zusammen.

„Das Geheimnis des Totenwaldes“ lässt nicht die Aktionen, sondern den Stillstand spannend werden. Der Dreiteiler vermittelt uns, wie viel schwerer es ist, etwas passiv aushalten zu müssen als etwas aktiv anzugehen. Die Bilder von Kameramann Michael Schreiter und die wunderbare Ausstattung rufen eine gar nicht so ferne und doch ganz andere Zeit auf, in der Neders Fall nicht der Stoff von zig True-Crime-Podcasts wird, eine Zeit, in der es einem passieren kann, dass man mit dem Privaten tatsächlich fast alleine bleibt.

Im Sumpf der Kleinlichkeiten

Aber so wenig, wie sich in diese präzisen Bilder Nostalgie hineinschleicht oder gar die helle Schaulust an den bereits kurios gewordenen Designs und Alltagstechnologien von gestern, so wenig arbeiten Kolditz und Bohse mit dem großen Reiz von Feindbildern. Bethge und Bach laufen zwar an Polizei und Staatsanwaltschaft auf. Inkompetenz, Eitelkeiten, Bequemlichkeit hebeln die Polizeiarbeit aus. Aber die Beteiligten werden nicht mit aller Gewalt zu besonderen Schreckfiguren voller Bosheit ausgebaut.

„Das Geheimnis des Totenwaldes“ ist der bewusste Gegenkrimi zum Standardbild hingebungsvoller, besessener, am Ende erfolgreicher Polizisten, die von einem hohen Ethos getrieben werden. Dieser Film ist so gruselig, weil er vermittelt, wie eine Ermittlung in einem Sumpf aus banalen Fehleinschätzungen, alltäglichen Kleinigkeiten und ein wenig Amtsschimmelei versacken kann. Jemand verschwindet, und die Polizei überlegt, welchen von zwei Stempeln sie auf die Akte drücken soll: „Wird schon nix sein“ oder „Man kann sie nicht alle kriegen“. Dieser Krimi geht auch den Abgebrühten nach.

Info

Verbrechen
1989 wurden im Göhrde-Wald in Niedersachsen zwei Pärchen ermordet. Parallel verschwand die Lüneburger Unternehmersgattin Birgit Meier, die Schwester des Hamburger Polizeipräsidenten. Als Pärchenmörder benannte die Polizei 2017 einen 1993 durch Suizid aus dem Leben Geschiedenen.

Doku
Die realen Hintergründe von „Das Geheimnis des Totenwaldes“ werden in einem Doku-Dreiteiler und in einem Podcast erörtert, die in der ARD-Mediathek abrufbar sind.

Ausstrahlung
„Das Geheimnis des Totenwaldes läuft am 2., 5. und 9. Dezember jeweils um 20.15 Uhr im Ersten. In der Mediathek des Senders ist der ganze Krimi bereits abrufbar. Am 9. Dezember zeigt das Erste um 21.45 Uhr eine Kurzfassung der Doku zum Fall.




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