Frau Strobl, haben Sie daheim Netflix abonniert?
Netflix nicht, aber Sky.
Das Sky-Abo wundert uns nicht, dazu kommen wir noch. Aber das fehlende Netflix schon. Muss man sich als Chefin der mächtigen ARD-Filmeinkaufsgesellschaft nicht für die Arbeit des derzeit erfolgreichsten internationalen Konkurrenten interessieren?
Doch, natürlich interessiert mich das. Aber in meinem Job sieht man die Neuheiten von Netflix oder Amazon auf anderen Kanälen, auf Messen, in Präsentationen, im Verkauf. Und keine Frage, dass es dort auch großartige Serien zu entdecken gibt.
Mit „Babylon Berlin“ wollten Sie erstmals selbst am ganz großen Serienrad drehen, Netflix, Amazon & Co. Paroli bieten, gleichzeitig aber auch das traditionelle ARD-Publikum zufrieden stellen. Die ersten beiden Staffeln sind inzwischen auch im Ersten gelaufen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Wir haben mit „Babylon Berlin“ wirklich sehr erfolgreich Neuland betreten. Wir wollten eine Serie produzieren, die sich auch an ein Publikum mit neuen Sehgewohnheiten richtet, eben an die berühmte Seriengeneration; eine Serie, die auch auf dem internationalen Markt Bestand hat. Deswegen mussten wir beim Budget den Kreativen auch die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen und weitere Partner mit ins Boot holen . . .
Womit wir wieder beim Pay-TV-Sender Sky wären, dem Sie für ein Jahr exklusiv die Erstausstrahlung abtreten mussten.
Was ein gewisses Wagnis war, keine Frage, aber das Ergebnis gibt uns absolut recht. Auch der Verkauf in mehr als 100 Länder war ein wichtiger Bestandteil der Finanzierung. Wir mussten aber auch im künstlerisch Sinne neue Strukturen schaffen, um Drehbücher von dieser Qualität zu bekommen. Erstmals haben wir dafür mit einem Writers Room gearbeitet, also mit einem Drei-Mann-Autorenteam. Genauso wichtig war aber die richtige Programmierung mit einem Start auf dem ,Tatort’-Platz, um den größtmöglichen Publikumskreis im Ersten zu erreichen. Wertvoll war dabei, dass die ganze ARD auf allen Kanälen so kraftvoll auf die Serie aufmerksam gemacht hat, dass auch das breite deutsche TV-Publikum neugierig wurde; ,Babylon Berlin’ war ein echtes Must-see-Programm.
Ihre Bilanz?
Beim letzten Punkt hatte ich lange Zeit Bedenken, ob die Spannung wirklich so lange hält. Aber die Einschalt- und Nutzerquoten im Fernsehen und in der Mediathek im Oktober waren großartig.
Na ja, die Zuschauerzahl sank von Folge 1 zu Folge 16 von rund 7,8 auf 3,5 Millionen.
Was einen durchschnittlichen Marktanteil weit über dem sonst üblichen Schnitt ergibt. Natürlich hat ein großer Teil der Zuschauer sich nach den ersten Folgen die weitere Geschichte sofort in der ARD-Mediathek angeschaut und damit dort die Abrufzahlen in neue Dimensionen getrieben. Und damit zeigt sich, dass wir mit den richtigen Stoffen auch im öffentlich-rechtlichen Programm jenes Publikum erreichen können, das neben dem traditionellen linearen Fernsehen verstärkt Streaming-Angebote nutzt – und dass uns die Erstausstrahlung bei Sky im Übrigen keineswegs geschadet, vielleicht sogar etwas genutzt hat.
Vor sechseinhalb Jahren sind Sie vom SWR hier nach Frankfurt gewechselt. Die Degeto war damals eigentlich am Ende.
Sie übertreiben.
Die Kasse stimmte nicht, ihre Vorgänger hatten sich finanziell völlig verkalkuliert. Die internen Strukturen galten als behäbig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Vor allem aber war das öffentliche Image katastrophal. Immer, wenn ein ARD-Film besonders seicht und kitschig war, sagte man sich grinsend als Begründung: typisch Degeto.
Es stimmt, dass wir manches hier neu organisieren und vor allem die Finanzen wieder ordnen mussten. Es stimmt auch, dass ich mich mit den Kollegen um schlanke und möglichst effektive Abläufe im Haus gekümmert habe. Unser vorrangiges Ziel darf es niemals sein, Sendeplätze irgendwie ,zu füllen’. Es muss uns um möglichst hochwertige, überzeugende Inhalte gehen. Wir müssen Geschichten erzählen, die Zuschauer interessieren. Und es stimmt, dass es uns doch wohl gelungen ist, nach und nach mit neuer Qualität zu überraschen.
Die Liste anspruchsvoller TV-Produktionen der Degeto ist inzwischen ansehnlich. Ob Grimme-Preis, Deutscher Filmpreis, Deutscher Fernsehpreis, überall sind Sie mit im Rennen. Sogar beim Oscar . . .
Da freue ich mich gern im Stillen. Entscheidend ist aber für die Degeto, dass wir in Deutschland so wieder zur ersten Adresse für die besten Produzenten, für die überzeugendsten Schauspieler und vor allem für die besten kreativen Köpfe geworden sind. Und zugleich wollen wir aber auch einem großen Publikum das bieten, worauf es doch genauso einen Anspruch hat, nämlich auf die niveauvolle Unterhaltung beispielsweise am Freitagabend.
Aber die Zeiten von „Traumhotel“ und „Strandpraxis“ sind hoffentlich auch dort endgültig vorbei?
Ganz unabhängig von den Titeln, die Sie da nennen – wir haben gemerkt, dass allzu Seichtes gerade an diesen Terminen nicht funktioniert. Der Zuschauer schätzt auch eine gewisse Tonalität, aber keinen weltfernen Quatsch oder übelste Klischees. Wir zeigen stattdessen zum Beispiel am 8. Februar „Toni, männlich, Hebamme – Allein unter Frauen“. Wenn Sie wollen, können Sie darin ein Stück guter Unterhaltung im besten Sinne sehen aus einer inzwischen erfreulich differenzierten deutschen Gesellschaft, in der traditionelle Geschlechterrollen langsam, aber sicher überwunden werden. Ich hoffe aber, die Zuschauer freuen sich in erster Linie über eine gut erzählte und unterhaltsam inszenierte Geschichte mit faszinierenden Figuren. Denn auch dafür sind wir da, nicht aber für den pädagogischen Zeigefinger.
Männer können heute Hebammen sein – und Frauen ARD-Intendantinnen. Frau Strobl, Ihre Arbeit der vergangenen Jahre gilt als so erfolgreich, dass viele Sie als künftige SWR-Intendantin ins Spiel bringen.
Offen gestanden, das geht mir durchaus nah. Schließlich habe ich mal vor vielen Jahren als kleine freie Mitarbeiterin beim SWR angefangen, und nun trauen einige mir offenbar zu, diese große Rundfunkanstalt sogar leiten zu können. Aber ich stehe für diesen Posten nicht zur Verfügung.
Angst vor der Heimkehr?
Es gehört zu den Kernaufgaben des Südwestrundfunks, die Landesregierungen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz journalistisch kritisch zu begleiten. Und Sie wissen, dass ich mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg verheiratet bin. Es gibt zwar kein Gesetz, das meine Kandidatur als SWR-Intendantin verbietet. Aber sie widerspräche bei dieser sehr speziellen Konstellation meiner Auffassung von der nötigen Distanz zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Politik.
Der Vorwurf, Ihre Wurzeln in der Familie Wolfgang und Ingeborg Schäubles, Ihre Ehe mit Thomas Strobl und Ihre eigene CDU-Mitgliedschaft seien wichtiger für Ihre Karriere gewesen als Ihr fachliches Können, begleitet fast die gesamte berufliche Laufbahn. Kränkt so etwas nicht auch?
Der kritische Journalismus hat für mich enormen Wert. Und das gilt natürlich auch dann, wenn ich ihn persönlich einmal aushalten muss, auch wenn ich diese Vorwürfe als nicht zutreffend empfinde.
Werden die Karrieren von Frauen, was sachfremde Förderfaktoren angeht, immer noch besonders kritisch beäugt?
Interessante Frage. Kann schon sein, aber ich selbst sprach eben von meinen ganz persönlichen Überzeugungen in dieser Frage, die mir in diesem Punkt am wichtigsten sind.
Wenn Sie also im März nicht zur SWR-Intendantin gewählt werden wollen, was ist dann Ihr großes Ziel für 2019?
Ein großes Ziel ist für mich, die Wahrnehmung von Autoren als bedeutende Kreative in Deutschland zu verbessern. Alle interessieren sich naturgemäß immer für Schauspieler, einige für die Regisseure. Wir brauchen aber auch sehr gute Autorenleistungen, dazu müssen wir ihre Arbeitsbedingungen und auch ihre Anerkennung in der Öffentlichkeit verbessern. Schließlich geht es darum die besten Filme und Serien von morgen auch im öffentlich-rechtlichen Programm zeigen zu können. Wir bewegen uns dabei durchaus in einem Wettbewerb mit Netflix und Amazon. Es gibt noch jede Menge zu tun, und schon allein deswegen würde ich gern noch eine Weile bei der Degeto mitmischen, auch weil es, ehrlich gesagt, eine der schönsten Aufgaben ist, die ich mir vorstellen kann.