ARD-Serie „Oktoberfest 1900“ Ein Prosit der Ungemütlichkeit

Der Festwirt Curt Prank (Misel Maticevic, re.) ist berauscht von seiner eigenen Zukunftsvision: In Riesenzelten soll ein Riesenumsatz laufen. Foto: R/Dusan Martincek

Mit ihrer sechsteiligen Event-Serie „Oktoberfest 1900“ will die ARD den Streamingdiensten Paroli bieten. Die radikale Modernisierung der Wiesn wird hier als düstere Mafiageschichte und als wilder Western voller Intriganten erzählt.

Stuttgart - Prositgegröle dröhnt wie heidnische Flüche, Bierkrüge knallen aneinander wie die Schädel brünftiger Ziegenböcke, komatös Berauschte hängen über den Tischen wie Gefallene in einem Krieg gegen die Nüchternheit: Es ist Oktoberfest, und wir sind mittendrin. Nur führt uns der große ARD-Sechsteiler „Oktoberfest 1900“ nicht auf die Wiesn von heute, sondern, wie der Titel schon verrät, in noch handyvideolose Bierkampfzeiten.

 

Eine wilde Mischung

Bayerns König Otto ist schon lange als unkurierbar gemütskrank in seinen feinen Gemächern isoliert, an seiner Stelle kommt der mittlerweile 79-jährige Prinzregent Luitpold auf die Theresienwiese. Dort schaut der unter den vielen Orden und Epauletten seiner Uniform schon etwas niedergedrückte Senior sich huldvoll amüsiert eine Kinematografenvorstellung an: Auf der Leinwand flimmert Georges Méliès’ frühes Trickfilmwunder „Die Reise zum Mond“.

Dass dieser Kurzfilm in der Realität erst im Jahr 1902 fertig war, unterstreicht nur augenzwinkernd eines der Themen von „Oktoberfest 1900“: dass die Wiesn gerade fortgerissen wird in die Zukunft. Wenn die Kamera uns hereinholt in die große Bierburg des Festwirts Curt Prank (Misel Maticevic), ist da zwar alles so, wie es schon immer gewesen zu sein scheint: eine wilde Mischung aus suffseliger Weltumarmung, schwerer Körperverletzung und teufelsaustreibungstauglicher Blasmusik. Aber die pure Dimension des Ladens und der Einsatz der Kapelle, das sind frische Erfindungen dieses Curt Prank.

Eine Festung aus der Zukunft

In München gibt es um diese Zeit über 150 Brauereien. Längst nicht alle finden Platz auf der umsatzträchtigen Theresienwiese, wo ein paar Dutzend kleine Holzbuden aufgebaut werden, improvisierte düstere Beizen, in denen hinter der Fassade von Heit-is-amol-schee-Stimmung mit wütendem Ernst gezecht wird, als könne man auf dem Boden des letzten Fasses endlich das finden und mit schwieligen Fäusten zur Rede stellen, was einem das Leben versauert. Die Kellnerinnen, die Biermadln, bekommen keinen Lohn, bloß Trinkgeld. Wer nach ein paar Maß noch eine Mark und Kräfte übrig hat, hat also auch gute Chancen, dass eines der Madln mit ihm für schnellen rohen Sex in den Lagerverschlag der Zechbude geht.

Der ehemalige Bordell- und jetzige Brauereibesitzer Prank hält von diesem Klein-klein gar nichts. Ihm schwebt etwas anderes vor, „eine Burg, eine Festung, 6000 Plätze, das ist die Zukunft!“. Und das in einer Stadt, in der die ortsansässigen Brauer begierig darauf warten, dass ein Pechvogel seine Familienpacht aufgeben muss und wenigstens eine Bude neu versteigert wird.

Skandale und Intrigen

Die von einem Team unter Führung von Ronny Schalk und Christian Limmer geschriebene Eventserie schildert folglich Intrigen, Machtkämpfe, Verbrechen, Familiendramen und Gesellschaftsmanöver. Auch die Filmvorführung vor dem Prinzregenten wird im Skandal enden. Das Drehbuch spitzt den Kampf des Außenseiters gegen die Etablierten und die Tradition auf die Konfrontation zwischen Prank und der Hoflinger-Sippe zu. Deren Matrone Maria (Martina Gedeck) ist überzeugt, Prank habe ihren Mann ermorden lassen. Ihr ältester Sohn (Klaus Steinbacher) aber hat ein Verhältnis mit Pranks Tochter (Mercedes Müller). Im Hintergrund lavieren die Großbrauer, ein Club der Honoratioren, die den Prank gerne vernichten würden – außer, man kann ihn gerade für eigene Zwecke einsetzen.

Oktoberfest 1900 - Trailer from Zeitsprung Pictures on Vimeo.

„Oktoberfest 1900“ ist eine Großanstrengung. Die ARD will weit übers Format ihrer üblichen Historienstückchen hinausgehen und etwas präsentieren, was an Schauwerten, Erzähltiefe, Spannung, Unverblümtheit, Cleverness, Gesprächswert und internationaler Vermarktbarkeit an die Eigenproduktionen der Streamingdienste heranreicht. Dabei macht sie manches falsch und vieles richtig.

Die Kräfte einer Epoche

Ihre gravierendste Schwäche ist das Holzschnittartige vieler Figuren, das die Schauspieler aber erstaunlich tapfer und nicht selten erfolgreich auszugleichen versuchen, und das Schnittmusterhafte vieler Handlungsstränge. Neben überraschenden Kapriolen stehen Wendungen, über die nur staunen kann, wer auch Ärmel an einem Winterpullover für einen originellen Einfall hält. Die Sprache ist manchmal arg modern, und ob man die moderne Musik schön aufrauend oder illusionszerstörend findet, ist wohl Geschmackssache.

Aber die von Hannu Salonen („Arctic Circle“) inszenierten Szenen sind oft auf schlaue Weise mitreißend, intensiv, ohne einen verblasenen Wahrheitsanspruch zu erheben. Man darf mal an Mafiafilme, mal an Western, mal an „Game of Thrones“ denken, wenn sich die Konflikte so verdichten, dass man in den Einzelfiguren Kräfte einer Stadt und einer Epoche gegeneinander anrennen sieht. In einem Jahr, in dem das Oktoberfest wegen Corona abgesagt wurde, haben sich die Münchner Wirte und Brauer übrigens bereits beschwert, wie hier die Historie ihres Fests und ihrer Zünfte dargestellt wird. Na dann, ein Prosit der Ungemütlichkeit!

Info: Alle sechs Folgen bereits in der ARD-Mediathek abrufbar. Lineare Ausstrahlung im Ersten ab 15. September 2020, 20.15 Uhr.

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