Die ARD-Doku will erklären, warum Merkel handelte, wie sie handelte. Foto: rbb/SWR/MDR/Looksfilm/picture-al
Zweieinhalb Jahre nach Angela Merkels Abschied als Bundeskanzlerin geht eine Doku-Serie der Frage nach, was ihre Kanzlerschaft für die Gesellschaft bedeutete. Dabei richtet sie sich vor allem an ein jüngeres Publikum.
Mit einem berühmt gewordenen Zitat aus einem TV-Duell im Jahr 2013 beginnt diese ARD-Dokumentation: „Sie kennen mich.“ Aber: „Kennen wir Angela Merkel wirklich?“, fragen sich diejenigen, die zu Wort kommen. „Ich glaube, kein Mensch kennt Angela Merkel“, antwortet die Podcasterin und Kommunikationsexpertin Samira El Ouassil. Werden die Zuschauer und Zuschauerinnen die ehemalige Bundeskanzlerin durch diese Doku-Serie besser kennenlernen? Leider nicht. Doch sehenswert ist sie trotzdem.
Kurz vor Angela Merkels 70. Geburtstag am 17. Juli widmet die ARD ihr eine fünfteilige Doku-Serie, deren Titel „Angela Merkel – Schicksalsjahre einer Kanzlerin“ in die Irre führt, erinnert er doch sofort an einen kitschigen „Sissi“-Film.
Die neue Bundesministerin für Frauen und Jugend in ihrem Büro in Bonn, Februar 1991. Foto: rbb Presse & Information/Looksfilm/IMAGO/Sven Simon
In der Rückschau auf Merkels politische Anfänge und ihre 16 Jahre dauernde Kanzlerschaft will Autor Tim Evers zeigen, warum sie handelte, wie sie handelte. Im Unterschied zu anderen Dokumentarfilmen über die einst mächtigste Frau der Welt richtet sich dieser gezielt an ein Publikum, das in den Regierungsjahren von Angela Merkel erst aufgewachsen ist. Schnelle Schnitte und poppige Bilder sollen dem gerecht werden. Unterhaltsam und leicht verständlich wird der politische Weg der früheren Bundeskanzlerin nachgezeichnet. Dabei spart die Doku all die unangenehmen, schweren Themen aber nicht aus, die Merkel und die ganze Gesellschaft während ihrer Kanzlerschaft und darüber hinaus, beschäftigten. Einer der Schwerpunkte liegt dabei auf Merkels Russlandpolitik.
Die erste deutsche Bundeskanzlerin etablierte die „Merkelraute“
Als Gesprächspartner wurden bewusst auch jüngere Interviewpartner ausgewählt, die man nicht unbedingt erwartet hätte. Youtuber LeFloid, der 2015 ein Interview mit Angela Merkel führte, berichtet von seiner Einladung ins Kanzleramt. Seine Sicht auf die ehemalige Bundeskanzlerin klingt so: „Wenn du es geschafft hast, eine Merkelraute zu etablieren (...) Das ist schon beeindruckend, auf eine komische Art und Weise.“
Klimaaktivistin Carla Reemtsma erzählt aus der Perspektive der Generation, die bis 2021 nichts anderes kannte als eben diese Bundeskanzlerin. Und die frühere Piratenpartei-Geschäftsführerin Marina Weisband zeichnet als deutsch-ukrainische Politikerin ein kritisches Bild. Daneben geben politische Weggefährten wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Thomas de Maizière spannende Innenansichten preis. Die Merkel-Biografin Evelyn Roll erzählt: „In den großen ersten Jahren war sie ganz anders, als wir sie vom Fernsehen kennen. Wahnsinnig lustig, hat unglaubliche Geschichten erzählt. Es war ein richtiges Vergnügen, weil sie noch nicht ständig nachgedacht hat, ‚Kann mir das irgendwie schaden?‘ Und das war ein Privileg, sie so zu erleben.“
Roland Koch tritt dagegen als einer derer auf, die Merkel an der Spitze der CDU zunächst für eine Übergangslösung gehalten hatten. Auch ein ehemaliger AfD-Politiker kommt in der letzten Episode zu Wort, als es um die Frage geht, warum sich manche konservative CDU-Wähler nicht mehr mit Merkel identifizieren konnten.
Einen multiperspektivischen Blick wollte Tim Evers auf Merkel werfen – was ihm durch die unterschiedlichen Gesprächspartner auch gelungen ist, die mal ein respektvolles, mal ein kritisches Bild von Angela Merkel zeichnen. Damit geht auf, was Evers ausdrücklich erreichen wollte: eine kritische Würdigung der ersten deutschen Bundeskanzlerin.
Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama beim G7-Gipfel im Jahr 2015. Foto: rbb Presse & Information/Looksfilm/Barack Obama Presidential Library
Wenn die Doku auch nie die Kanzlerin selbst als Persönlichkeit zu fassen bekommt, so erfährt der Zuschauer doch viel über die Gesellschaft und die Zeit ihrer Kanzlerschaft. Auf der Gefühlsebene nehmen beliebte Popsongs der jeweiligen Zeit, aber auch die Bilder der Ereignisse – von Klimakrise, Russlandpolitik, Flüchtlingsfrage oder Pandemie – mit auf eine Reise in die jüngste Vergangenheit. Interessant ist aber auch die in der Doku aufgeworfene Frage, was die Gesellschaft und die Zeit ihrer Kanzlerschaft mit Merkel machte. So blickt man heute beispielsweise mit Unbehagen auf die Selbstverständlichkeit, mit der Merkels Aussehen kommentiert und vor allem kritisiert wurde, als sie Anfang der 2000er-Jahre anstrebte, Kanzlerin zu werden. Ihr Äußeres wurde in Talkshows und in der Presse besprochen oder war Gegenstand von geschmackloser Werbung. „It doesn’t hurt me“ (Es verletzt mich nicht) singt Kate Bush in der Doku die Zeile aus ihrem Hit „Running up hills“. Doch wer weiß schon, was die „Eiskönigin“, wie der „Stern“ sie einst betitelte, verletzte.
In zahlreichen Fernsehausschnitten kommt Merkel selbst zu Wort – etwa wenn sie bei Anne Will ihre Entscheidungen erklärte oder bei Pressekonferenzen. Die lustige, unterhaltsame Merkel fernab der Kameras, die Journalistin Evelyn Roll kennengelernt hat und in der Doku beschreibt, bleibt dem Zuschauer aber leider auch dieses Mal verwehrt.
„Angela Merkel – Schicksalsjahre einer Kanzlerin“: Die fünfteilige Doku-Serie von Tim Evers mit einer Gesamtlänge von rund 160 Minuten ist ab dem 8. Juli in der ARD-Mediathek zu sehen. Am Montag, 15. Juli, zeigt die ARD um 22:30 Uhr eine 90-minütige Kurzfassung.