ARD-Tagesschau im neuen Design Keine Angst vor Emotionen

Großes Kino statt kleiner Kachel: so sieht es künftig aus, wenn Judith Rakers die „Tagesschau“ spricht. Foto: ARD 9 Bilder
Großes Kino statt kleiner Kachel: so sieht es künftig aus, wenn Judith Rakers die „Tagesschau“ spricht. Foto: ARD

Die Mutter aller Nachrichtensendungen hat ein Facelifting bekommen: Von Samstagabend an wird die ARD-Tagesschau aus einem brandneuen Studio gesendet. Die Macher setzen ab sofort verstärkt auf Bilder, um den Zuschauern die Nachrichten näherzubringen.

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Stuttgart - Ta-ta, ta-ta-ta-taaa. Die Fanfare ist noch immer dieselbe. Sie hat ein bisschen was von ihrem staatstragenden Wumms verloren, doch das passt gut zur neuen „Tagesschau“. Die Mutter aller Nachrichtensendungen hat ein Facelifting bekommen. Dazu gehört auch, dass Claudia Urbschat-Mingues, die deutsche Synchronstimme von Angelina Jolie, künftig den berühmten Satz „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“ aufsagen wird. Rund 24 Millionen Euro hat sich die ARD ihr neues Hightechstudio „zum Anfassen“ kosten lassen. Und wenn sich der Chefsprecher Jan Hofer am Samstag um 20 Uhr zum ersten Mal aus dem Herzen dieser neuen Nachrichten-Maschine in Hamburg-Lokstadt meldet, wird – das kann man wohl schon mal sagen – ein Ah! und Oh! durch einige Wohnzimmer gehen.

Die Nachrichten um 20 Uhr werden zwar immer noch vorgelesen und nicht moderiert. Sie bleiben politisch und seriös, „das journalistische Stahlmantelgeschoss“, wie es Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell, gewohnt selbstironisch formuliert – eine Retourkutsche auf den ZDF-Anchorman Claus Kleber; der hatte die ­„Tagesschau“ noch vor einem Jahr mit den News im Propagandasender des nordkoreanischen Diktatur Kim Jong-un verglichen. Doch Nachrichten, stellt Gniffke klar, würden jetzt stärker über Bilder transportiert. Das Herzstück der neuen „Tagesschau“ ist eine 17 Meter lange, in der Mitte gewölbte Panoramawand. Auf sie können Fotos, Grafiken, sogar 3-D-Animationen projiziert werden. Großes Kino also statt der kleinen „Kachel“ im Hintergrund, die bisher als Rahmen für die typischen „Tagesschau“-Bilder herhielt.

Fotojournalismus als Gefühlsanker

„Keine Angst vor Emotionen“, so skizziert Kai Gniffke die neue Marschrichtung. Wie er das meint, das verdeutlicht sein Stellvertreter Thomas Hinrichs mit einem Beispiel. Seit 2010, sagt Hinrichs, seien Tausende Kinder im syrischen Bürgerkrieg gestorben. „Als Nachricht rauscht das an uns vorbei.“ Zeige man aber Fotos der Kinder aus Aleppo in Großaufnahme, dann präge sich die Nachricht besser ein. Gestochen scharfe Bilder werden von sieben Projektoren über eine doppelte Spiegeltechnik von hinten auf die Wand geworfen. Fotojournalismus als Gefühlsanker – dieser Effekt ließe sich sogar statistisch nachweisen.

Seit fünf Wochen wird das neue Studio im Parallelbetrieb getestet. Am Dienstag durften sich Journalisten das neue Studio schon mal ansehen, in dem künftig alle „Tagesschau-“Ausgaben im Ersten produziert werden, auch die „Tagesthemen“ und das „Nachtmagazin“. Im Hintergrund leuchtet die Panoramawand im ARD-typischen Saphirblau. Vorne schmiegen sich zwei pantoffeltierförmige Moderationstische gegeneinander. Es entbehrt nicht der Ironie, dass sie von demselben Designer entworfen wurden wie die Moderationstische im neuen ZDF-Studio. Denn von der „grünen Hölle“, wie manche Mainzelmänner ihr 2009 gestartetes 30-Millionen-Hightechspielzeug spöttisch nennen, haben sich die Väter des neuen ARD-Studios bewusst distanziert.

Kein virtuelles Studio sollte es sein, wo Moderatoren wie im luftleeren Raum agieren, wenn sie auf einen imaginären Punkt auf der Wand deuten, den nur die Menschen vor den Monitoren sehen. Stattdessen wünschte sich der NDR ein Studio zum Anfassen. Eines, in dem sich die Moderatoren frei bewegen können, zum Beispiel, um mit Auslandskorrespondenten bei Liveschalten zu kommunizieren. Ein großes Plus, sagt die „Tagesthemen“-Moderatorin Carmen Miosga: „Endlich bin ich nicht mehr eingezwängt in einen blauen Kasten. Ich bin lebendig und habe Füße.“

Fraglich, ob die neue Bildersprache den Abwärtstrend stoppt

Der Weg bis dahin war jedoch steinig. Seit knapp fünf Jahren schon werkelt der Sender an diesem 320 Quadratmeter großen Testlabor in Haus 18, das täglich bis zu zwanzig Sendungen für die ARD produzieren soll. Weil das Zusammenspiel zwischen Hardware und Software nicht funktionierte, musste der Start immer wieder verschoben werden. Eine Dauerbaustelle wie die Elbphilharmonie, lästerten Kritiker.

Doch die technischen Probleme seien jetzt behoben. Und den Kostenrahmen habe man auch nicht gesprengt, heißt es beim NDR nachdrücklich. Der israelische Softwareanbieter habe kostenlos nachgebessert. Es scheint, als wolle der Sender im vorauseilenden Gehorsam jene notorisch unzufriedenen Gebührenzahler besänftigen, die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen jetzt wieder reflexartig Verschwendung vorwerfen werden. Dabei, versichert Kai Gniffke, sei die Technik im alten Studio abgenutzt gewesen. Dass die ARD mit dem neuen Studio auch auf den Quotenschwund der 20-Uhr-„Tagesschau“ reagiert, davon redet er natürlich nicht. In Hamburg verteilt man Diagramme, die belegen sollen, dass die Sendung so beliebt sei wie noch nie, auch bei den 14- bis 49-Jährigen. Wenn man die Zuschauerzahlen der Ausgaben in allen dritten Programmen und im Digitalkanal „tagesschau24“ addiert, dann stimmt das auch. Die 20-Uhr-Ausgabe im Fernsehen aber, die seit 1952 die Trennlinie zum Abendprogramm markiert, hat so viele Zuschauer verloren wie keine andere Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Nur noch rund fünf Millionen schalten regelmäßig ein.

So gesehen war es für eine gründliche Inventur tatsächlich höchste Zeit. Dass die ARD den Abwärtstrend mit einer frischen Bildersprache stoppen kann, darf jedoch bezweifelt werden. Denn politisch interessierte Jugendliche beschaffen sich ihre Informationen schon jetzt aus dem Internet. Ganz Gewissenhafte haben vielleicht die „Tagesschau“-App auf dem Handy. Und die langjährigen Zuschauer, das hat gerade das Echo auf eine ARD-Umfrage bei Facebook gezeigt, waren mit den stocksteif verlesen News im Kim-Jong-un-Stil bisher zufrieden. „Die“, sagt Kai Gniffke selber, „wollen eigentlich, dass alles so bleibt.“

In einem auf der Tagesschau-Webseite veröffentlichen Clip gibt Moderatorin Judith Rakers Einblicke in die Welt hinter den Kulissen des neuen Studios.

Wie die ARD im Netz für die neue Tagesschau wirbt:

 




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