ARD-Talk Anne Will und die tibetischen Mönche

Von Markus Merz 

Bei Anne Will talkt Sido mit Edmund Stoiber. Veronica Ferres macht eigentlich nur PR für ihren Film. Und das alles unter dem Thema Wut im Bauch.

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Stuttgart - Im USA-Urlaub im Juni 2010 hatte sie von der Übernahme erfahren. Einfach so, aus dem Internet. Günther Jauch von RTL sollte ihren Platz am Sonntagabend bei der ARD einnehmen, hieß es da. Und die ersten Reaktionen von Anne Will klangen alles andere als erfreut, auch wenn sie heute entspannter mit der Neubesetzung umgeht.

Für Anne Will heißt der Sonntag jetzt Mittwoch. Dafür darf sie nun 75 statt 60 Minuten talken. Das Motto bei der ersten Sendung am Mittwochabend: Wut im Bauch. Es soll um die aufgebrachte Jugend in London gehen, die brennenden Autos in Berlin und um die Frage, warum das alles passiert. Doch so ein bisschen dürfte das Motto auch die Gefühlslage von Anne Will in ihrem USA-Urlaub des vergangenen Jahres widerspiegeln: Ausgeknockt von den ARD-Machern, trotz all der neuen Talk-Offensive nicht persönlich auf ihre Versetzung hingewiesen worden zu sein.

Wie bei einem Boxkampf

Mit Wut im Bauch geht es also am Mittwoch in die erste Sendung, in der Anne Will fortan keine Hosenanzüge mehr tragen will. Neu ist auch, dass die Moderatorin ihre Gäste nach und nach um sich schart. Wie bei einem Boxkampf, bei dem erst der Herausforderer und dann der Titelverteidiger vorgestellt wird.

Der erste Herausforderer an diesem Abend: Tim Raue. Heute Sternekoch, früher Mitglied einer Straßengang. Er erzählt von seinem Werdegang (“Ich bin dankbar für Schläge und Misshandlung“) und wird langsam hingeführt auf den Titelverteidiger Sido, der einst schon bei der Maischberger und diversen anderen Talkern über die vermeintliche Gewaltverherrlichung in seinen Liedern plaudern durfte. Mit einem simplen "Nö" schmettert das ehemalige Berliner Ghetto-Kind die müden Fragen der Will ab und zollt seinem Opponenten Tim Raue lieber Respekt dafür, dass dieser es einst mit drei Schlägertypen gleichzeitig aufgenommen hatte.

Simple PR

Sichtlich geschmeichelt haut der Sternekoch den Rapper Sido, dessen Name heute für super-intelligentes Drogenopfer steht - und nicht mehr für "Scheiße in dein Ohr" - nicht in die Pfanne, sondern lobt dessen Lieder und deren tieferen Sinn. Anne Will sitzt derweil wie ein gelangweilter Ringrichter zwischen den beiden einstigen Schlägern und schmeißt dann irgendwann die Schauspielerin Veronica Ferres in die Runde.

Die ist plötzlich auch Expertin für Jugendgewalt, weil sie darüber ja jetzt einen Film gedreht hat - auf den sie im Übrigen bei fast jeder ihrer Antworten verweist. Simple PR eben. Ansonsten trägt sie wenig Erhellendes zur Lösung der Frage nach der Ursache jugendlicher Delikte bei und verweist lieber auf die tibetischen Mönche und deren friedlichen Umgang miteinander. Außerdem sagt sie Sätze wie: „Wir züchten eine Bürgerkriegsgeneration heran.“

Die meisten Fragen bleiben unbeantwortet

Überhaupt bleibt in dieser Runde, zu der später noch Politiker Edmund Stoiber und der Publizist Christian Nürnberger hinzustoßen, die Frage offen, woran es denn nun wirklich liegt, dass Jugendliche Gewalt anwenden oder Autos anzünden. Nachahmungsdrang? Fehlende Vorbilder? Oder benötigt man einfach nur eine Vaterfigur?

Den Ansatz von Christian Nürnberger, dass die Finanzmärkte an all dem schuld sein sollen, will Sido dann erst gar nicht anfangen zu verstehen: "Wenn du so redest, hört dir keiner zu." Doch scheint Christian Nürnberger ohnehin nur gekommen zu sein, um seinem Sitznachbarn Edmund Stoiber die Meinung zu geigen. So entwickelt sich an diesem plattitüdenreichen Abend dann zumindest doch noch ein kleines verbales Gefecht zwischen den beiden Ältesten in der Runde.

Arg viel mehr passiert nicht, auch wenn Anne Will jetzt 75 Minuten anstatt 60 talken darf.

Weiter geht es am Donnerstag mit Reinhold Beckmann.




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