ARD-Talkshow Unter besonderer Beobachtung

Von Tilmann Gangloff 

Nach Günther Jauchs Ankündigung, sich zurückzuziehen, muss die ARD bis Ende des Jahres einen Nachfolger finden. Alles auf Anfang mit Anne Will? Oder kann Caren Miosga endlich ihren nächsten Karriererschritt tun?

Tja, wer wird ihn wohl beerben? Der ARD-Talker Günther Jauch gibt auf. Foto: dpa
Tja, wer wird ihn wohl beerben? Der ARD-Talker Günther Jauch gibt auf. Foto: dpa

Stuttgart - Im Fernsehen wie im Sport kommen Abschiede selten überraschend, im Gegenteil; oft können die Protagonisten nicht loslassen und verpassen den richtigen Zeitpunkt, um sich zurückzuziehen. Umso größer ist nicht nur bei der ARD die Verblüffung über die Mitteilung Günther Jauchs, er werde den Vertrag für die Sonntags-Talkshow nicht verlängern. Das Engagement endet im Dezember, und das Erste hat nun ein ähnliches Problem wie ein Fußballclub, der seinen treffsichersten Stürmer verliert: Es muss dringend Ersatz her.

Natürlich stellt sich die Frage, was Jauch zum Rückzug bewogen haben könnte. Er selbst nennt „berufliche und private Gründe“, aber das klingt ähnlich nichtssagend wie die Floskel vom „gegenseitigen Einvernehmen“. Tatsache ist, dass nicht nur berufliche Beobachter des Fernsehens, sondern auch namhafte ARD-Redakteure nie verstanden haben, warum die Hierarchen des Senderverbunds Jauch unbedingt haben wollten. Für unnötige Unruhe sorgte schon allein das große Stühlerücken vor vier Jahren, weil das Erste plötzlich eine Talkshow zuviel hatte und für Jauchs Vorgängerin Anne Will ein neuer Sendeplatz gefunden werden musste.

Günther Jauchs Popularität basiert in erster Linie auf dem unterhaltsamen RTL-Quiz „Wer wird Millionär?“. Das von ihm selbst produzierte und über zwanzig Jahre lang präsentierte Magazin „stern TV“ trägt stark boulevardeske Züge, weshalb Skeptiker bezweifelten, dass er der richtige Moderator für eine politische Talkshow sei. Tatsächlich war das Presseecho nicht selten kritisch. Regelmäßig wurde ihm vorgeworfen, nicht auf der Höhe des Themas zu sein, die falschen Fragen zu stellen oder nicht energisch genug nachzuhaken. Fairerweise muss man anmerken, dass es Anne Will, ihrem ARD-Kollegen Frank Plasberg („Hart aber fair“) oder der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner meist nicht besser ergeht.

Ist der Shitstorm nach dem „Stinkefinger“-Video schuld?

Dank des exponierten Sendeplatzes unmittelbar nach dem „Tatort“ stand Jauch allerdings stets unter besonderer Beobachtung, zumal die wie „stern TV“ von seiner Firma i&u TV produzierte Sendung mit knapp fünf Millionen Zuschauern die erfolgreichste Talkshow im deutschen Fernsehen ist. Vermutlich hat ihn das kritische Dauerfeuer nicht kalt gelassen. Die Moderation war ihm sicherlich ein großes Anliegen, schließlich genießt die Sendung einen ähnlichen Status wie früher die Samstagsabendshow im Unterhaltungsbereich, aber auf Dauer macht es naturgemäß wenig Spaß, wenn man permanent Prügel kassiert. Der „Shitstorm“ nach der schlagzeilenträchtigen Präsentation eines „Stinkefinger“-Videos des griechischen Finanzministers Varoufakis könnte letztlich den Ausschlag für den Rückzug gegeben haben.

Jauch wird weich fallen, er hat mit RTL einen Sender im Rücken, der ihm garantiert weniger Verdruss bereitet als die ARD mit ihren „Gremien voller Gremlins“, wie er einst ätzte, als 2007 eine erste Annäherung ans Erste scheiterte. Nun haben die „Gremlins“ ein halbes Jahr Zeit, um sich auf einen Nachfolger zu einigen. Eine Möglichkeit wäre die Devise „alles auf Anfang“. Dann könnte Anne Will auf jene Position zurückkehren, die sie Jauch überlassen musste. Auch eine „Beförderung“ Frank Plasbergs wäre denkbar; der Faktenchecker hat ebenso wenig Angst vor großen Namen wie Will und gilt im Gegensatz zum freundlichen Jauch als knallharter Nachfrager. Moderatoren aus der Unterhaltung dürften kaum in Frage kommen, da wäre schon eher denkbar, dass mal bei Maybrit Illner nachgefragt wird. Interessanter wären allerdings Lösungen aus dem eigenen Haus: Für Caren Miosga (46) wäre die Talkshow nach acht Jahren „Tagesthemen“ der nächste logische Karriereschritt, für ihren Kollegen Thomas Roth (63) die Krönung einer großartigen Journalistenlaufbahn.