ARD-Vorabendserie „Unter Gaunern“ Die Schulzens und ihr weißes Schaf

Von Ulla Hanselmann 

Eine neue Serie haucht dem Vorabend im Ersten Leben ein: „Unter Gaunern“ dreht sich um eine Bremer Ganovenfamilie – und verknüpft gekonnt die Genres Comedy, Krimi und Familienserie.

Keine ganz normale Familie: Julia Jäger, Jophie Ries, Cristina do Rego, Peter Franke, Moritz von Zeddelmann (von li.) Foto: ARD
Keine ganz normale Familie: Julia Jäger, Jophie Ries, Cristina do Rego, Peter Franke, Moritz von Zeddelmann (von li.) Foto: ARD

Stuttgart - Die Liste der mediokren Serien am Vorabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist lang; jedes Jahr fügen ARD und ZDF ein paar neue Titel hinzu. Die Berufsfelder Polizei und Medizin sind dabei überproportional vertreten, ansonsten wird das Lebensfeld Familie gründlich erforscht – meist, ohne mehr als Binsenweisheiten zu Tage zu fördern. Vor 20 Uhr regiert Einfallslosigkeit im Programm; der Aufguss des Immergleichen hat den Vorabend zur „Todeszone“ erstarren lassen. Da klingt die Ankündigung eines neuen Formats schon fast wie eine Drohung: „Unter Gaunern“ startet an diesem Dienstag in der ARD mit acht Folgen, verantwortet von Radio Bremen und NDR.

Doch sieh an, das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist auch mal für Überraschungen gut. Denn die von dem Grimme-Preisträger Christian Jeltsch geschriebene Serie hat, was andere Produktionen nicht oder viel zu wenig haben: dramaturgischen Wagemut, spritzige, politisch inkorrekte, aber auch lebensnahe Dialoge, Witz und ganz viel Drive sowie einen vielschichtigen Plot. Zudem gelingt „Unter Gaunern“ das im deutschen Fernsehen seltene Kunststück, verschiedene Genres wie Comedy, Krimi und Familienserie zu harmonisieren.

Nicht Kommissare, Dorfpolizisten oder Detektive sind die Helden, sondern deren natürliche Gegner: Die Schulzens sind eine Bremer Gaunerfamilie seit Generationen, „rechtschaffene Verbrecher“ vom Großvater bis zum Enkel, bürgerliche und höchst liebenswerte Softie-Kriminelle, die nach der Devise „keine Waffen, keine Drogen“ ihre Geschäfte machen.

Nur die Enkelin Betty hält nichts von Lug und Betrug

Im Zentrum steht das weiße unter den schwarzen Schafen. Nichts liegt Betty Schulz weniger als Lug und Betrug, und so ist sie ihrer Berufung gefolgt – und Poli­zistin geworden, dazu noch die Beste ihres Jahrgangs. Ihre Familie darf davon freilich nichts erfahren, genauso wie ihre Polizeikollegen etwas von den Deals ihrer Lieb­sten daheim mitbekommen dürfen. Und so gaukelt die 23-Jährige, die auch als Erzählerin durch die Handlung führt, der Familie vor, dass sie im Fitnessstudio ihrer Freundin Carmen (Kaya Marie Möller) jobbt; immer wieder muss diese als Alibi herhalten und kräftig mithelfen, Bettys Versteckspiel aufrechtzuerhalten. Denn Bettys Kalkül, in der Abteilung Schwerstkriminalität den Familiengeschäften nicht in die Quere zu kommen, geht nicht auf: Ständig muss sie Feuerwehr spielen und verhindern, dass die Schulzens auffliegen.

Der Ansatz ist originell; die Macher haben es zudem vermieden, bei der Figurenzeichnung in Klischees zu verfallen. So kommt Bettys Mutter Jette (Julia Jäger) zwar mit Blümchenkleid am Leib und Staubsauger in der Hand äußerlich als Hausmütterchen daher, zeigt sich aber bei ihren Pferdewettgeschäften sehr gewieft, meistens jedenfalls. Großvater Frans (Peter Franke) ist eine Bremer Ganoven-Größe alten Schlags, lässt, mit herrlich trockener norddeutscher Dialektfarbe, bissige Kommentare zum Eheleben von Sohn und Schwiegertochter ab und hat es im Kopieren von Paula-Modersohn-Becker-Gemälden zu wahrer Meisterschaft gebracht.

Bettys Vater Bruno (Jophi Ries) wiederum changiert zwischen abgebrühtem Halbganoven, der mit seinem Import-Export-Unternehmen den Zoll hinters Licht führt, und liebevoll-gutmütigem Familienvater und Ehemann. Und dann ist da noch Bettys testosterongesättigter Bruder Robbie (Moritz von Zeddelmann). Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein leidet trotz Bewährungsstrafe auch dann nicht, wenn ihm seine Angebetete, Bettys Freundin Carmen, eine Abfuhr erteilt. Neben Bettys Zuhause, einer Bremer Villa mit Pippi-Langstrumpf-Charme, ist der zweite zentrale Schauplatz das Polizeirevier, wo die junge Polizistin – mit Enthusiasmus und großer Natürlichkeit gespielt von Cristina do Rego – es nicht leicht hat, ihre so sarkastische wie espressosüchtige Vorgesetzte, Hauptkommissarin Ida Wolff (Barbara-Magdalena Ahren), zufriedenzustellen und über die Schleimereien ihres Kollegen Pollack (Tristan Seith) hinwegzusehen.

Ausgehend von dieser Personenkonstellation wechselt „Unter Gaunern“ zwischen Beruflichem und Privatem, zwischen Verbrechensbekämpfung und Menschlichem hin und her und verwebt diese Stränge zu einem dichten Handlungsgeflecht. Spannung und Komik gleichermaßen entstehen aus Bettys Doppelleben und dem Spiel mit Wahrheit und Lüge; inhaltliche Zusammenhänge werden nicht, wie sonst üblich, breit getreten, sondern nur angerissen – die schnelle Erzählweise fordert die ganze Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Das sorgt für Kurzweil, ebenso wie hübsche dramaturgische Kniffe (Regie: Sophie Allet-Coche). Zur Erklärung des Streits etwa zwischen Betty und Jette zu Beginn der zweiten Folge wird die Handlung mehrmals im Zeitraffer zurückgespult. Selbst bei sonst gern stereotyp angelegten Nebenfiguren erlaubt es sich der Headautor Jeltsch, Erwartunshaltungen zu konterkarieren. Einer aufgetakelten Handlangerin von Drogenschmugglern, von denen Bruno in der Auftaktfolge gelinkt zu werden droht, gönnt er eine anmutige Marilyn-Monroe-Szene überm Luftschacht. Betty will es ihr später gleichtun: In Comic-Strip-Manier mutiert sie zur prall aufgeblasenen Witzfigur in Polizeiuniform.

„Der Anfang ist immer scheiße“, sagt Carmen zu Bettys erstem Arbeitstag als ausgebildete Polizistin, „kann ja sonst nicht besser werden.“ Für die ersten Folgen von „Unter Gaunern“ gilt das nicht.