In dem ARD-Zweiteiler „Drama am Gipfel“ erklimmt der Schauspieler Harald Krassnitzer die Schauplätze berühmter Bergfilme.

Stuttgart - Dieser Tage war Harald Krassnitzer schon mal gemeinsam mit schneebedeckten Gipfeln auf dem Fernsehbildschirm zu sehen: Spätabends ermittelte er als Kommissar Moritz Eisner in der feinen alten „Tatort“-Folge „Granit“. Krassnitzer warf sich in eine Rauferei zweier zerstrittener Brüder: „Hey, hey, hey, jetzt ist Ruhe“, rief er. Bloß: er löste einen ziemlich verzwickten Fall tief drunten in einem Tiroler Tal, während die Gipfel naturgemäß weit oben strahlten.

 

Inzwischen ist er selbst hinaufgefahren: In dem dokumentarisch angehauchten Zweiteiler „Drama am Gipfel“ spürt der 53-jährige Österreicher den Klassikern des Genres Bergfilm nach: Mit dem Tablet-PC in der Hand spricht er an Originalschauplätzen mit Zeitzeugen. Dazwischen laufen Ausschnitte von einst. Harald Krassnitzer fährt also mit der Seilbahn zur schweizer Bergstation des 3900 Meter hohen Piz Palü, wo der Bergfilm-Pionier Arnold Franck anno 1929 „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ gedreht hatte. Krassnitzer steigt aus, die Kamera liebkost den Gletscher: „Einfach grandios, und das um 8 Uhr morgens“, kommentiert er, „aber wehe, wenn der Berg sich wehrt!“

Wenn man Harald Krassnitzer anruft, dann sagt er, dass der Mensch nun mal dazu neige, alles, was ihn direkt betreffe, zu personifizieren, und sei es ein schnöder Computer. Einen Berg natürlich erst recht: „Wenn man vor einem imposanten Berg aufgewachsen ist, so nah, dass man im Winter hört, wie die Lawinen über die Steilwände donnern und grollen, dann hat das schon etwas, das einen sehr berührt.“

In Jeans auf den Felsbalkon

Die Regisseure Tilman Achtnich und Claus Hanischdorfer haben Harald Krassnitzer für die SWR-Produktion „Drama am Gipfel“ zurück zu seinen Wurzeln geführt. Er war, sagt Krassnitzer, früher öfter in den Bergen, ganz privat. „Jetzt leider nicht mehr so oft – weil das ja oft in den Verträgen beinhaltet ist, dass man bestimmte gefährliche Sportarten nicht machen darf. Insofern war dieses Unternehmen eine schöne Möglichkeit, dorthin zurückzukehren, wo ich mal war.“

Also erklimmt Harald Krassnitzer in Jeans den Felsbalkon, auf dem in Arnold Francks Stummfilm vor gut achtzig Jahren drei Bergsteiger drei Tage und drei Nächte ausharren mussten, ehe per Kleinflugzeug Rettung nahte. Und er seilt sich in Jeans in eine der Gletscherspalten ab, in denen damals mit Fünfzig-Kilo-Kameras und Magnesiumfackeln gedreht wurde. „Ich bin kein so großer Fan von diesen Plastik- und Thermohosen“, sagt Harald Krassnitzer am Telefon, „ich warte immer noch darauf, dass man die gute alte Wollhose wieder hervorbringt.“

Harald Krassnitzers Vorliebe fürs Ursprüngliche hat sich während der Dreharbeiten für den Zweiteiler gefestigt. Er war mit dem Filmteam unter anderem auf dem Schilthorn im Berner Oberland, wo Ende der sechziger Jahre der James-Bond-Thriller „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ gedreht wurde. Er plaudert mit Willy Bogner, der damals einige der spektakulären Verfolgungsjagden auf Skiern gefilmt hat. Und er beobachtet Touristen, die sich gegenseitig neben James-Bond-Erinnerungen fotografieren. Und dann wandert er zur Heidi-Hütte in Graubünden, wo Mitte der fünfziger Jahre „Heidi und Peter“ gedreht wurde. Dort gibt es keine Souvenirs, keine Touristen, sondern nur eine unaufgeregte Familie, die die Alm bewirtschaftet. „Die lassen sich nicht ablenken“, sagt Krassnitzer bewundernd und denkt laut über Bedürfnisse nach, die geschaffen würden, „um den Markt zu schaffen“.

Krassnitzer im Spagat

Wenn er sich über den Markt echauffiert, klingt Harald Krassnitzer manchmal so engagiert wie ein „Tatort“-Kommissar, dem es ganz gut passt, dass sich der fieseste Kerl im Dorf als Mörder entpuppt: „Wir geben euch die Möglichkeit, in diese spektakuläre, wahnsinnige Bergwelt einzutauchen. Wir geben euch die Tools. Das fängt bei der Super-Thermo-Leichthose an, die nur 220 Gramm statt 300 Gramm wiegt, aber fünfmal so warm hält, wie eine Wollhose. Aber dort oben bei der Heidi-Hütte ist nichts. Dort musst du noch wandern.“

Vom Leben eines viel beschäftigten Schauspielers zur Ruhe vor der Heidi-Hütte ist’s freilich ein weiter Weg, der Krassnitzer einen „Spagat“ abnötigt. Die Veränderungen in der Medienwelt führten dazu, sagt er, dass man sich noch mehr anstrenge: „Von Entschleunigung kann nicht wirklich die Rede sein.“ Andererseits: „Aber der Traum oder das Vorhaben oder einfach zu wissen, dass dieser Impuls in einem schlummert, und dass es irgendwann mal an der Zeit wäre, noch mal eine andere Kurve zu kriegen, das ist durchaus vorhanden.“

Barbara Rütting, die Mitte der fünfziger Jahre die Geierwally spielte, später jedoch aus dem Schauspielerberuf ausstieg, um sich in Vollzeit um Menschen- und Tierrechte zu kümmern, ist diesem Impuls gefolgt. Mit der mittlerweile 86-Jährigen ist Krassnitzer hoch über Innsbruck zu den Schauplätzen des Films „Die Geierwally“ gewandert Am Telefon sagt er, dass er sie „unglaublich beeindruckend“ gefunden habe, weil sie „in einer ganz konsequenten Art ihr Leben geändert hat“. Luis Trenker hat stattdessen den Bergfilm verändert. „Berge in Flammen“ drehte er 1931 in Tirol, zum Teil bei minus 25 Grad um fünf Uhr morgens, was dazu führte, dass Bärte vereisten und Frieren authentisch rüberkam. „Heute macht man so etwas im Studio mit Effekten“, sagt Harald Krassnitzer, der am Innsbrucker Klettersteig behände auf Trenkers Spuren kraxelt, aber natürlich weiß, dass seine alpinen Ausflüge nicht vergleichbar sind mit den Anstrengungen der Filmteams von einst, die ohne Seilbahn und Hubschrauber tonnenschwere Ausrüstungen rauf- und wieder runterschleppten, gesichert mit Hanfseilen. „Sie haben die damals noch viel unberührtere Natur und unzugänglichere Kulisse für das Drama entdeckt“, sagt Krassnitzer. Und das Drama ist sein Metier.

ARD, Sonntag und Mittwoch, 19.15 Uhr