Areal in Stuttgart-Vaihingen ist jetzt zu haben Kauft die Stadt jetzt den Eiermann-Campus?

So könnte es auf dem Eiermann-Areal aussehen, sofern die Pläne des Wettbewerbs in ferner Zukunft umgesetzt würden. Foto: Steidle Architekten/Stahlberg, Rebecca

Die in Schieflage geratene Adler-Group will das 20 Hektar große Gelände in Vaihingen nun doch los werden. Im Gemeinderat zeichnet sich eine Mehrheit für einen Kauf ab. Die Verwaltung ist zurückhaltend.

Nun ist es also offiziell: Nach dem Schwabenlandtower in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) ist jetzt auch das 20 Hektar große Eiermann-Areal in Stuttgart-Vaihingen mit seinen denkmalgeschützten Gebäuden an der Autobahn auf die Liste der Vorabverkäufe des krisengeschüttelten Eigentümers Adler-Group gerutscht. Das hat das Unternehmen am Dienstag unserer Zeitung bestätigt.

 

Der nun ebenfalls veröffentlichte Restrukturierungsplan des in Luxemburg ansässigen Unternehmens sieht die aktive Veräußerung ausgewählter Portfolios und von Projektentwicklungen jenseits derjenigen Vorhaben vor, deren Verkauf bereits geplant oder fest vereinbart ist, um an flüssige Mittel zu kommen: „Auch für das Projekt Vai Campus ist eine Veräußerung an einen Investor oder einen Kooperationspartner vorgesehen“, so eine Unternehmenssprecherin. Auf Seite 39 des Plans sind 22 Projekte – von einem Parkhaus in Hamburg bis zu den Hufewiesen in Dresden – gelistet, die zum Verkauf stehen.

Verkauf war bisher keine Option

Auf Platz elf findet sich der 107 Meter hohe Schwabenlandtower in Fellbach, drei Ränge weiter vorne ist jetzt auch der „Vai Campus Stuttgart-Vaihingen (incl. Eiermann)“. Kürzlich hieß es noch, dass ein vorzeitiger vollständiger Verkauf des Geländes „ausdrücklich keine Option“ darstelle.

Im August 2022 hatten sich Vertreter des Immobilienkonzerns mit Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) zu einem ersten Austausch im Rathaus getroffen. Bei dem Treffen bekräftigte Pätzold die Absicht der Stadt, in das derzeit ruhende Immobilienprojekt einsteigen zu wollen, um das neben dem geplanten Rosensteinquartier gegenwärtig zweitgrößte Neubaugebiet der Stadt voranzutreiben.

Bebauungsplanverfahren liegt auf Eis

Infolge der Negativnachrichten über die finanzielle Schieflage der Adler-Group und damit auch der Projektentwicklungstochter Consus legte der Bürgermeister das Bebauungsplanverfahren auf Eis, um eine Wertsteigerung des Grundstücks zu verhindern, die eine Spekulation mit der attraktiven Fläche zur Folge gehabt hätte und somit auch preistreibend für den Fall eines Erwerbs durch die Stadt gewesen wäre. Im Gemeinderat war das Misstrauen deshalb groß, weil sich bereits der vierte Investor an der Entwicklung des ehemaligen IBM-Firmensitzes versucht hat. Selbst die CDU-Fraktion forderte in einem Antrag, die Möglichkeit eines Vorkaufsrechts zu prüfen, um die Umsetzung des städtebaulichen Konzepts abzusichern und Spekulationen zu verhindern.

Linksbündnis fordert eine Satzung

Ähnliche Forderungen kamen von der SPD. Das Linksbündnis wollte, dass „ unverzüglich Voraussetzungen für den Beschluss der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme geschaffen werden“. Mit einer Satzung könne man die Schaffung von leistbarem Wohnraum, öffentlicher Nutzung sowie der besonderen Beachtung der Maßgaben für Klimaschutz sicherstellen. Die Grünen befürchten, dass das Gelände an den Meistbietenden verkauft werden und sich die Spekulationsspirale weiterdrehen könnte. Baurecht dürfe es nur geben, wenn die Flächen in städtischem Besitz seien, so die größte Fraktion in einem aktuellen Antrag. Dafür solle die Stadt nun „in Kaufverhandlungen mit dem aktuellen Eigentümer eintreten“.

Stadt muss überall einspringen

Den Bau von etwa 1400 Wohnungen hat die Verwaltung für die kommenden Jahre fest eingeplant. Allerdings ist die Stadt, die bereits ihrer Wohnungsbau-Tochter SWSG eine Kapitalspritze im Umfang von 200 Millionen Euro verpasst hat, auch bei anderen Projekten aufgefordert, die Initiative zu übernehmen. In der vergangenen Woche hatte die EnBW deutlich gemacht, den Bau von 800 Wohnungen auf ihrem Gelände an der Hackstraße in Stuttgart-Ost gegenwärtig nicht umsetzen zu können. Die im „Bündnis für Wohnen“ tätigen privaten Wohnungsunternehmen haben angekündigt, der Stadt unter den aktuell herrschenden Bedingungen derzeit nicht mit dem Neubau geförderter Wohnungen helfen zu können.

Die Grünen erinnern in ihrem Antrag daran, dass der Gemeinderat bereits vor zehn Jahren mit dem Eiermann-Kolloquium für eine Perspektive gesorgt habe, die denkmalgeschützten Eiermann-Gebäude zu erhalten und zusätzliche Bebauung zu ermöglichen. Die Debatten mündeten im Jahr 2016 in ein Wettbewerbsergebnis als Grundlage für die weitere Entwicklung. Von den 1400 Wohneinheiten sollten 30 Prozent öffentlich gefördert und bezahlbar sein. Dazu sollten ein Pflegeheim und eine Grundschule entstehen. Zudem gab es Studien von Seiten der Stadt zur Erschließung des Areals – mit einer Seilbahn oder durch die Erweiterung des Stadtbahnnetzes. Zuletzt hatte eine Studie des Verkehrswissenschaftlichen Instituts der Uni Stuttgart die Hoffnung auf eine Verlängerung der U 1 über den Eiermann-Campus hinaus bis nach Sindelfingen und Böblingen genährt.

Bürgermeister sind skeptisch

„Das Areal liegt zwar am Rand der Stadt, ist aber zentral für unsere Planungen zum Bau von Wohnungen. Außerdem geht es um den Erhalt von Baukultur durch die Wiederbelebung einer denkmalgeschützten Substanz“, so Pätzold und der Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU). Es sei offen, ob ein Erwerb „sinnvoll und finanziell leistbar ist“. Man werde sich „in den nächsten Wochen austauschen, um Optionen auszuloten“. Die Entscheidung obliege dem Gemeinderat.

Adler-Group darf weitermachen

Urteil
Die Adler-Group darf nach einem Gerichtsurteil aus London an seiner Umstrukturierung festhalten. Der High Court of England and Wales hat grünes Licht gegeben. Infolge der Entscheidung darf das Unternehmen Hunderte Millionen Euro neue Schulden machen und erhält mehr Zeit für die Rückzahlung von Anleihen. Konkret betrifft das Urteil die AGPS Bond-Co plc, eine hundertprozentige britische Tochtergesellschaft der Adler-Group.

Einigung
Die in Luxembourg ansässige Adler-Group hatte sich im November mit einer Kerngruppe von Gläubigern über eine Anpassung der Bedingungen der ausgegeben Anleihen geeinigt. Sie ist mit 27 000 Wohnungen eines der größeren Wohnungsunternehmen in Deutschland.

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