Ariela Bogenberger über ihre Sektenerfahrung Gefangen in der „Kirschblütengemeinschaft“

Von Tilmann Gangloff 

Drogen, Sex, Indoktrination: Die Autorin und Grimme-Preisträgerin Ariela Bogenberger berichtet in dem Monologfilm „Aussteigen“ über ihre Sektenerfahrung

Sie blickt zurück, auch wenn es ihr peinlich ist: Ariela Bogenberger (links) im Gespräch mit der Regisseurin Petra K. Wagner. Foto: BR
Sie blickt zurück, auch wenn es ihr peinlich ist: Ariela Bogenberger (links) im Gespräch mit der Regisseurin Petra K. Wagner. Foto: BR

Stuttgart - Dokumentarfilme kommen zwar ohne die klassische Dreiakt-Struktur eines Spielfilms aus, aber eine gewisse Dramaturgie brauchen sie natürlich auch; ohne Spannungsbögen keine Spannung. Nicht nur in dieser Hinsicht fällt „Aussteigen“ völlig aus dem Rahmen: Von wenigen kurzen Unterbrechungen abgesehen ist der Film ein knapp neunzig Minuten langer Monolog der Drehbuchautorin Ariela Bogenberger. Die Regisseurin Petra K. Wagner lockert die optische Eintönigkeit immerhin durch gelegentliche Wechsel der Kameraperspektiven auf, und über weite Strecken besteht der Bildschirm aus zwei Bildern: Das eine zeigt Bogenbergers Gesicht in Nahaufnahme, auf dem anderen ist sie aus der Entfernung zu sehen, so dass auch ihre Gestik erfasst wird. Sichtbare Kapitelaufteilungen gibt es nicht; gelegentliche Schwarzblenden legen nahe, dass sich die Autorin nun einem neuen Aspekt zuwendet oder dass eine gewisse Zeit verstrichen ist – die Dreharbeiten in Bogenbergers Haus erstreckten sich über ein gutes Jahr.

Trotzdem ist „Aussteigen“ ein fesselnder Film. Das liegt auch an der Persönlichkeit der Protagonistin, die für ihre Drehbücher zu dem Krebsdrama „Marias letzte Reise“ und dem Kindsmordkrimi „In aller Stille“, beide von Rainer Kaufmann inszeniert, jeweils mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist. Der entscheidende Punkt ist jedoch das Sujet, dem Wagners Film seinen Titel verdankt: Bogenberger war zwei Jahrzehnte Mitglied der von dem Schweizer Psychiater Samuel Widmer gegründeten „Kirschblütengemeinschaft“. Ohne Schonung ihrer eigenen Person schildert die Autorin, wie sie in diese sektenähnliche Gruppe „hineingeraten“ ist. Sie berichtet von aus dem Ruder gelaufenen Drogenexperimenten und von tantrischen Ritualen, die man auch Sexorgien nennen könnte. Ihre Verehrung für den im Januar verstorbenen Widmer ging so weit, dass sie ihn für den „Vertreter der Liebe auf Erden“ hielt.

Die Peinlichkeit überwinden

Die Regisseurin Petra K. Wagner und die Autorin haben sich 2011 kennengelernt. Wagner drehte damals „Herbstkind“, ein bedrückendes Drama über eine Hebamme, die selbst Mutter wird, aber keine Gefühle für ihr Kind empfindet; das Drehbuch stammte von Bogenberger. Die beiden Frauen haben damals wohl eine Freundschaft geschlossen, die weit über die flüchtigen Beziehungen innerhalb der Filmbranche hinausgeht. Ohne diese Voraussetzung hätte die Autorin sicher keine derart tiefen Einblicke in ihr Innenleben offenbart. Sie gesteht, wie peinlich ihr in der Rückschau die Erlebnisse seien und wie schwer es ihr falle, darüber zu sprechen.

Das gilt erst recht für ihre eigenen Missbrauchserfahrungen; kaum jemand in der Familie sei bereit, sich der unangenehmen Wahrheit zu stellen. Bogenberger stammt aus der Fitz-Familie, ihre Mutter ist die bayerische Volksschauspielerin Veronika Fitz; zu ihren Verwandten gehören auch Lisa, Michael und Florian David Fitz.

Wagner hält sich bis auf wenige Zwischenfragen komplett zurück, der Film konzentriert sich voll und ganz auf Ariela Bogenberger. Die Regisseurin ist nicht die erste, die einen Film über eine Sektenaussteigerin gedreht hat, aber der berufliche wie auch der familiäre Hintergrund Bogenbergers geben „Aussteigen“ natürlich eine besondere Note. Auf diese Weise stellt sich ein ähnlicher Effekt ein wie etwa bei Niki Steins ausgezeichnetem Scientology-Spielfilm „Bis nichts mehr bleibt“, zumal Bogenberger weiß, wie man eine Geschichte fesselnd erzählt. Die Faszination resultiert dabei nicht zuletzt aus ihrer Offenheit: Als sie damals dem Charisma des Sektenführers Widmer erlag, hatte ihre kleine Tochter nur knapp einen lebensbedrohlichen Unfall überlebt. Dieses Ereignis hatte auch für die Autorin tiefgreifende Folgen. Sie suchte nach therapeutischer Hilfe und landete auf Empfehlung eines Bekannten bei der harmlos klingenden „Kirschblütengemeinschaft“.

Dank ihrer Schilderungen lässt sich nachvollziehen, warum sie die sektenähnlichen Strukturen nicht durchschaut hat. Es sei, „wie wenn man mit Stäbchen Suppe essen will“: Sie habe zwar andere Gemeinschaften als Sekte erkennen können, sei aber aufgrund der starken Indoktrinierung nicht in der Lage gewesen, ihre eigene Situation zu reflektieren. Einen ersten Riss hat diese durch Drogenkonsum hervorgerufene „wahrere Wirklichkeit“ bekommen, als Bogenberger erfuhr, dass ihre beste Freundin während eines Drogentrips einen Schlaganfall erlitten und die Gemeinschaft zwei Tage gewartet hatte, ehe sie den Notarzt rief. Als im September 2015 bei einem Seminar zwei Menschen starben, ist sie endlich aufgewacht.