Arktis Als Eisberge zum Grund reichten

Manche Eisberge sind weniger imposant als vielmehr hübsch anzuschauen. Foto: Greenpeace
Manche Eisberge sind weniger imposant als vielmehr hübsch anzuschauen. Foto: Greenpeace

Vor Jahrtausenden sind Eisberge durch den Atlantik getrieben, die rund 1200 Meter hoch waren. Bis heute sieht man die Furchen, die sie in den Meeresgrund geritzt haben. Möglicherweise haben die Kolosse dazu beigetragen, den Golfstrom zu unterbrechen.

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Stuttgart - Natürlich steckt die gigantische Größe bereits im Begriff „Eisberg“. Trotzdem aber kann sich niemand die Dimensionen der Mittelgebirge aus Eis vorstellen, über deren Spuren Jan Erik Arndt und drei seiner Kollegen am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven jetzt in der Zeitschrift „Geophysical Research Letters“ berichten. 1200 Meter hoch sollten die Eisberge gewesen sein, die irgendwann in den vergangenen 800 000 Jahren aus dem Nordpolarmeer nach Süden trieben. Dort könnten die Eismassen das Klima Europas verändert haben.

Diesen Giganten kamen die AWI-Forscher auf die Spur, als sie Daten aus dem Jahr 1990 noch einmal mit heutigen Computermethoden analysierten. Damals hatte der Forschungseisbrecher Polarstern den Meeresgrund der Framstraße zwischen dem Norden Grönlands und der Inselgruppe Spitzbergen vermessen. Dieser rund 500 Kilometer breite Weg ist mit bis zu 5669 Metern die wichtigste Tiefwasser-Verbindung vom Nordpolarmeer zum Nordatlantik. 400 Kilometer vor der Ostküste Grönlands ragt in dieser Region mit dem Hovgaard-Rücken ein Hochplateau über dem Ozeanboden auf, dessen Ebene heute 1200 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Dort entdeckte Jan Erik Arndt fünf Furchen, die bis zu vier Kilometern lang sind und sich 15 Meter tief in den Meeresboden eingekerbt haben.

„Diese Spuren können eigentlich nur von Eisbergen stammen, die dort über den Meeresgrund schrammten“, erklärt Arndt. Solche Gräben bleiben recht lange sichtbar, die Hovgaard-Schrammen können bis zu 800 000 Jahre alt sein. In diesem Zeitraum wuchsen in mehreren Kaltzeiten mächtige Eisschilde rund um den Arktischen Ozean. Genau wie heute in der Antarktis schoben sich wohl auch damals in einigen Regionen mächtige Eismassen über die Küste bis weit aufs Meer hinaus. Von dort brechen immer wieder gigantische Eisberge ab, die dann so lange auf dem Meer treiben, bis die Wärme des Wassers sie geschmolzen hat.

Woher stammen die riesigen Eisberge?

Allerdings sind diese Eisberge heute deutlich kleiner als damals, tiefer als 700 Meter reichen sie kaum unter die Wasseroberfläche. Zwar war der Meeresspiegel auf dem Höhepunkt der Kaltzeiten um die 120 Meter tiefer als heute und der Hovgaard-Rücken lag nur 1080 Meter unter Wasser. So tief müssen die Giganten damals also mindestens eingetaucht sein. Da ein Eisberg normalerweise zu rund 90 Prozent unter Wasser liegt, dürften damals daher Eismassen über den Hovgaard-Rücken geschrammt sein, die 1200 Meter hoch waren. „Mindestens so dick müssen also auch die Eisränder gewesen sein, von denen diese Eisberge abgebrochen sind“, sagt Arndt.

Wo die Eiskanten damals so hoch aufragten, können die Forscher nicht sagen. „Die bekannten Daten deuten allerdings darauf hin, dass die Meeresströme damals wie heute am Hovgaard-Rücken von Norden nach Süden flossen“, berichtet der Geophysiker. Damit sind die Küste Norwegens und die Westküste Grönlands als Quelle für die Eisberge unwahrscheinlich. Auch die Ostküste Grönlands kommt kaum infrage, weil dort keine so hohen Eismassen direkt ins Meer abbrechen konnten.

Der Verdacht fällt daher auf die Nordküste des heutigen Russlands und dort auf zwei Regionen: Einmal haben Forscher weit im Osten Sibiriens auf dem tief unter Wasser liegenden Rand des Kontinents Spuren gefunden, die darauf hinweisen, dass dort einst sehr hohe Schelfeismassen von Land kommend über den Untergrund schrammten. Als Herkunftsregion wahrscheinlicher aber scheint das Meeresgebiet nördlich der auch heute noch mit 400 Meter dicken Gletschern bedeckten Doppel-Insel Nowaja Semlja, die als Verlängerung des Ural-Gebirges sich von Russland aus ins Nordpolarmeer erstreckt.

Fünf Furchen der Riesen-Eisberge sind in den Daten von 1990 sichtbar. „In tieferen Lagen des Sediments aber finden wir auch Indizien, die auf weitere solcher Giganten hinweisen könnten“, erklärt Arndt. Da östlich und westlich des Hovgaard-Rückens wahrscheinlich weitere Riesen nach Süden trieben, ohne im dort tieferen Meeresgrund Schrammen zu hinterlassen, und darüber hinaus wahrscheinlich auch viele kleine Eisberge in den Süden getrieben sind, dürften große Mengen Süßwasser in den nördlichen Atlantik gelangt sein. Dieses kann die Quelle für den dort entstehenden kalten Tiefwasserstrom nach Süden verschoben haben, der den Golfstrom stark beeinflusst, der wie eine Heizung Wärme nach Europa trägt. Jedenfalls sackten während und am Ende der letzten Eiszeit die Temperaturen in West- und Mitteleuropa abrupt in den Keller. Dabei könnten die Riesen-Eisberge eine Rolle gespielt haben.

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