Arminia-Legende Ansgar Brinkmann „Wenn wir das Finale auch noch ziehen, bin ich zwei, drei Tage out of order“

Immer für einen Spaß zu haben: Ansgar Brinkmann Foto: imago/Dünhölter Sport Presse Foto

Ex-Profi Ansgar Brinkmann ist Arminia Bielefeld noch immer eng verbunden. Vor dem Pokalfinale sagt er: „Wir sind auch gegen den VfB nur Außenseiter – aber das waren wir immer.“

Sport: Gregor Preiß (gp)

Die Anbahnung des Interviews war etwas chaotisch, das Gespräch dafür umso unterhaltsamer – typisch Ansgar Brinkmann eben. Anders als branchenüblich verzichtet der 55-Jährige auf eine Autorisierung. Die Legende von Arminia Bielefeld spricht über die Bedeutung des Pokalfinales für den Zweitliga-Aufsteiger, seine Vergangenheit als Feierbiest und „Weißer Brasilianer“ – und seine Pläne im Fall eines Pokalcoups am Samstag (20 Uhr/ZDF) in Berlin gegen den VfB Stuttgart.

 

Herr Brinkmann, angeblich hat sich jeder der 344 009 Einwohner Bielefelds auf eine Karte fürs Pokalfinale beworben. Gehören Sie zu den glücklichen Auserwählten?

Tatsächlich, ja. Ich darf am Start sein. Das fühlt sich schon richtig gut an.

Ansgar Brinkmann als Fan im Stadion: eher Typ Kurve oder Typ Loge?

Ganz klar Typ Kurve. Der Fußball ist das letzte große Theater auf der Welt. Er gehört allen, und so soll es auch sein.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Endspiel gegen den VfB Stuttgart?

Mir fällt es schwer, da sachlich zu bleiben. Was Mannschaft und Trainer in dieser Saison geleistet haben, ist einfach nur geisteskrank. Wir sind auch gegen den VfB Stuttgart nur Außenseiter – aber das waren wir immer. Wir fahren da nicht nur hin, um dem VfB zu gratulieren. Wir wollen das Spiel gewinnen.

Sie sehen eine realistische Chance?

Die Faktenlage ist natürlich klar. Stuttgart hat eine Topmannschaft. Respekt, was dort in den vergangenen zwei Jahren geleistet wurde. Es macht Spaß, ihr mutiges und kreatives Spiel anzusehen. Außerdem wird uns in Berlin das Alm-Feeling mit unseren Fans fehlen. Aber wir sind jetzt so weit gekommen, jetzt wollen wir das Wunder auch vollenden. Und wie heißt es so schön?

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.

Eben.

„Bielefeld beherrscht die drei Klassiker, um bessere Mannschaften zu schlagen“

Bei einem Erfolg ginge es in der Europa League an den Start. Arminia Bielefeld gegen den FC Chelsea oder AS Rom – das hätte was, oder?

Absolut. Eine schöne Vorstellung, solche Starensembles auf der Alm zu erleben. Ein absoluter Traum. Ich sage immer: Wer keinen Mut hat zu träumen, der hat auch keine Kraft zu kämpfen.

Wenn der Begriff Fahrstuhlmannschaft für einen Verein je erfunden wurde, dann wohl für Arminia Bielefeld. Welche Erklärung haben Sie für das extreme Auf und Ab des Clubs?

Zuletzt wurden wir von der Bundesliga bis in die dritte Liga durchgereicht. Und um ein Haar bis in die vierte. Am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison rettete uns im Spiel gegen Halle ein Ball, der in der Nachspielzeit an den Innenpfosten statt ins Tor ging. Sagen wir es so: Die Personalpolitik war in den vergangenen Jahren nicht immer die beste.

Emotionaler Typ: Brinkmann 2003 in Diensten von Arminia Bielefeld Foto: imago/Team 2

Jetzt rauscht der Fahrstuhl wieder nach oben. Was zeichnet die aktuelle Mannschaft um Trainer Mitch Kniat aus?

Die Jungs bündeln ihre Kräfte. Es ist eine verschworene Truppe, die nicht nur intelligent kämpft, also nur wenige Rote Karten und Elfmeter verursacht, sondern die für einen Drittligisten auch ganz gut kicken kann. Und sie beherrscht die drei Klassiker, um eigentlich bessere Mannschaften zu schlagen.

Die da wären?

Besagtes intelligentes Kämpfen. Erstens. Zweitens tief stehen, Kontern und auf Standards setzen. Und drittens guten Mannschaften den Spaß am Fußball nehmen. Durch ständiges frühes Stören und hohe Laufbereitschaft. All diese Dinge haben uns bis ins Finale getragen.

Sie sprechen immer in der Wir-Form, gelten in Bielefeld als Legende. Dabei haben Sie nur zwei Jahre dort gespielt. Wie erklärt sich diese enge Bindung?

Berechtigte Frage, die Sie anderen stellen müssen. Ich empfinde jedenfalls große Demut, dass mir immer noch so viele Menschen in Bielefeld so verbunden sind.

Sie hatten in Ihrer aktiven Karriere viele Vereinswechsel und insgesamt 39 Trainer. Folgendes Zitat ist von Ihnen überliefert: „Mit allen hatte ich Krieg.“

Von Krieg möchte ich in den heutigen Zeiten nicht mehr sprechen. Aber es war schon so: Ich habe freigeistig Fußball gespielt, ich war nicht disziplinierbar. Deshalb haben die Clubs, die oben standen, gesagt, den tun wir uns nicht an. Und die, die unten standen: Wir eigentlich auch nicht, aber wir sind in Not (lacht).

Sie haben sich den Beinamen „Weißer Brasilianer“ erworben. Als Ihre Spezialität galt der doppelte Übersteiger. So etwas sieht man heute nur noch selten.

Es gibt heute aber richtig geile Kicker. Wenn ich nur an Musiala oder Wirtz denke. Oder euren Führich. Boah! Es heißt ja gern, früher war alles besser. Da sag ich immer: Ne, stimmt nicht.

„Ich war nicht disziplinierbar“

Außer als fußballerischer Freigeist galten Sie abseits des Platzes als Feierbiest. Wahrheit oder Legende?

In allen Mannschaften habe ich zu den zwei, drei Spielern gehört, die am wenigsten getrunken haben. In allen! Geraucht habe ich auch nie. Ich habe nur zwei, drei Mal im Jahr gefeiert. Dann aber so richtig (lacht).

Was machen Sie heute?

Ich war jetzt dreieinhalb Jahre Europa-League-Experte bei RTL. Dann habe ich noch ein paar weitere Fußballprojekte am Laufen. Freigeistig, so wie früher auf dem Platz. Ich bin ein zufriedener Mensch.

Wie feiert Ansgar Brinkmann, wenn Arminia Bielefeld tatsächlich den Pott holt?

Au Weia! Also wenn es wirklich so kommt und wir dieses Finale auch noch ziehen, dann bin ich zwei, drei Tage out of order. Dann werde ich mit ein paar Freunden Longboard fahren gehen, ein paar Jack Daniels trinken und diesen Erfolg gebührend feiern.

Zur Person
Ansgar Brinkmann wurde 1969 in Vechta geboren. Als jüngstes von sieben Geschwistern wuchs er im Münsterland auf und kam früh mit dem Fußball in Berührung. 1987 begann er seine Profikarriere beim VfL Osnabrück. Nach insgesamt zwölf verschiedenen Stationen hängte er seine Fußballschuhe 2007 bei Preußen Münster an den Nagel. Wegen seiner unkonventionellen Spielweise und technischen Begabung erwarb er sich den Spitznamen „Weißer Brasilianer“. Bei Arminia Bielefeld (2001-2003) gilt Brinkmann bis heute als Legende. Nach seiner aktiven Karriere arbeitete der 55-Jährige unter anderem als TV-Experte.

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