Filder - Ein Zimmer hat die vierköpfige Familie, erzählt die junge Frau. 45 Quadratmeter groß, 900 Euro Warmmiete, die vom Jobcenter bezahlt werden. Hier wird gegessen, gelebt, geschlafen. Der siebenjährige Sohn liegt auf einer Matratze, weil der Platz für ein Bett nicht reicht. Und Hausaufgaben muss der Schulanfänger auch hier machen, kann sich aber kaum konzentrieren, da die dreijährige Tochter spielen und manchmal auch streiten will. Dass er Schulkameraden zum Spielen nach Hause mitbringt, ist unmöglich. Die Frau, die aus dem Iran stammt, macht ein Praktikum, ihr Mann eine Fortbildung. „Es geht so nicht mehr“, sagt sie. Sie hofft auf Hilfe von Anja Güsgen vom Sozialen Dienst von Leinfelden-Echterdingen, in dessen offene Sprechstunde sie an diesem Nachmittag gekommen ist. Die Stadt baue doch viele Wohnungen, habe sie gehört.
Die Familie habe immerhin noch ein Dach über dem Kopf
„Das dauert leider noch, wir haben bei Wohnungen sehr lange Wartezeiten“, sagt die Sozialpädagogin und schaut auf eine Liste. Seit zwei Jahren steht die Familie in der Notfallkartei. Doch nicht an einer Stelle ganz oben, wo man höchste Priorität hat. „Die Familie hat immerhin noch ein Dach über dem Kopf“, sagt Güsgen. Was sie nicht ausspricht, aber ohne Worte sagt: Es gibt viel schlimmere Fälle.
Zum Beispiel denjenigen, den Güsgens Kollege Jürgen Duba schildert. Einer alleinerziehenden Frau mit drei Kindern war nach einem Eigentümerwechsel ein Schreiben mit Eigenbedarfskündigung ins Haus geflattert – sie braucht dringend eine neue Bleibe. „Aber wir können nur dann Hoffnung machen, wenn konkrete Angebote vorliegen“, sagt er und klingt dabei ein wenig frustriert, denn auf viele Wohnungen kann er nicht zurückgreifen. Schließlich haben sich Bund, Länder und Kommunen vor Jahren weitgehend aus dem sozialen Wohnungsbau verabschiedet, sogar Wohnungen aus dem eigenen Bestand verkauft. Erst in jüngerer Zeit ist man sich des Problems bewusst geworden und baut wieder selbst, um Einfluss auf dem Wohnungsmarkt zu bekommen.
Viele Menschen suchen eine Bleibe
Und nicht immer ist es allein das fehlende Geld für die hohen Mieten, warum Menschen auf dem freien Markt keinen Fuß in die Tür bekommen. Vor Duba sitzt ein Mann aus dem Kosovo, der zwar recht gut verdient, aber nur schlecht Deutsch spricht und kaum eine Chance auf eine Wohnung hat. „Wir hatten einmal ein multinationales Coachingteam für Wohnungssuchende“, sagt Duba. Die hätten einige Jahre Entlastung gebracht. Doch auf diese Ehrenamtlichen kann er heute nicht mehr zugreifen – die Gruppe hat sich aufgelöst. „Wohnungssuchende sind zurzeit die größte Gruppe, die unsere Hilfe in Anspruch nimmt“, sagen die beiden Mitarbeiter des Sozialen Dienstes der Filderkommune. Denn klar ist: Ohne Wohnung wird man kaum eine Arbeit finden – und ohne Arbeit nur schwer eine Wohnung. Ein Teufelskreis.
Damit einher geht: Geldnot. Wer wenig im Geldbeutel hat, muss sich umgucken. Für Bedürftige gibt es Orte, an denen sie günstig an Lebensmittel kommen. Zum Beispiel der Bernhäuser Tafelladen. An einem morgen hieven dort Mitarbeiter Lebensmittel aus einem Lieferwagen und sortieren die Kisten. Die Ware stammen aus Supermärkten von den Fildern, die Produkte mit Schönheitsfehlern oder abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum an den Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen spenden, der Kreis steht hinter dem Laden. „Was bei uns im Laden verkauft wird, ist immer in Ordnung“, betont Tanja Herbrik. Es seien zunehmend ältere Menschen, die eine Kundenkarte bekämen, um im Diakonielanden günstig einzukaufen, sagt die Fachbereichsleiterin Armut und Beschäftigung. Oft Witwen, die sich lange Zeit nach dem Tod des Mannes gerade so über Wasser halten konnten. „Doch dann sind die Miete oder die Nebenkosten oder gar beides gestiegen“, sagt sie. Und plötzlich reicht das wenige Geld nicht mehr, sie kommen in den Diakonieladen. Brot für 30 Cent, eine Brezel für zehn Cent, andere Lebensmittel für ein Drittel des ortsüblichen Preises. Das hilft im Alltag. „Doch es fällt gerade solchen Menschen schwer, die Scham ist oft groß, diese Hilfe anzunehmen“, sagt die Leiterin der Tafelläden. Auch Krankheit könne einen in eine Notlage bringen. „Oder Kinder, wenn nur der Mann verdient und fünf Personen ernähren muss“, ergänzt sie.
Plötzlich reicht das Geld nicht mehr
Es sind Beispiele, die stellvertretend für die rund 1000 Haushalte stehen, die auf den Fildern eine Kundenkarte haben. „Ich habe den Eindruck, dass deren Zahl leicht nach oben geht“, sagt Herbrik. Dabei spielen die Geflüchteten, die die Tafelläden in den vergangenen Jahren an ihre Grenze und vielleicht auch darüber hinaus gebracht haben, keine solch große Rolle mehr. „Es ist die Altersarmut“, ist sie mit Blick auf ihre Kunden überzeugt.
Im Tafelladen kaufen nicht nur Menschen ein, die nicht oder nicht mehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Hier arbeiten auch Menschen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine oder kaum eine Chance haben. „Die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Landkreis Esslingen hat sich verstetigt“, sagt sie. Oft seien es Menschen mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen. 63 Menschen sind in den Diakonieläden im Landkreis beschäftigt, alleine 25 in Bernhausen. Sie sollen, erzählt Herbrik, so auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden und bekommen zugleich Kontakte zu anderen Menschen – Teilhabe am normalen Leben, nachdem sich viele zurückgezogen hatten. Ein zweiter Aspekt neben der Arbeit, der dem Kreisdiakonieverband sehr wichtig ist.
Wer Herbrik zuhört, weiß, wie wichtig sie Tafelläden findet. Und trotzdem wäre es ihr lieber, wenn sie überflüssig wären. „Es ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn immer mehr Menschen auf das Angebot der Tafel angewiesen sind.“