In Caracas wohnen Tausende von Obdachlosen in der Bauruine eines 45 Etagen hohen Büroturms. Das Bauwerk ist ein Symbol für das Scheitern des Turbokapitalismus.

Caracas - Wer weiß, wo Lilibeth Camargo heute wohnen würde, wenn die Wirtschaftskrise Anfang der 90er Jahre das Finanzimperium von David Brillembourg nicht wie ein Prankenhieb getroffen hätte. Aber sicher würde sie nicht hier wohnen, in diesem Wolkenkratzer im Zentrum von Caracas. Wäre es alles so gekommen wie geplant, dann wäre hier, wo Lilibeth wohnt, ein Büro neben dem anderen, jedes vermutlich sachlich und kühl möbliert und dekoriert mit teuren Drucken von Soto oder Cruz-Diez, den bekanntesten venezolanischen Künstlern. Morgens kämen die Anzug- und Schlipsträger, sie würden den ganzen Tag auf ihre Flachbildschirme starren, und manchmal würden sie sich einen Blick durch getönte Scheiben gönnen: Auf das aufregende Wolkenkratzer-Panorama von Caracas, die von Slums überzogenen Hügel nebenan und den Ávila, den Hausberg der Hauptstadt, der breit, hoch und grün den Horizont begrenzt.

 

Lilibeth, 29, lebt seit 2007 mit ihrem Mann und ihrem zwölfjährigen Sohn im „Torre David“, dem David-Turm. Eine bescheidene Wohnküche mit Eisschrank, zwei mit weißen Tüchern bedeckte Sessel gegenüber dem Fernseher, eine Schrankwand mit dekorativ aufgereihten Schnapsfläschchen, und statt Soto und Cruz-Diez ein Landschaftsidyll Marke Kaufhaus überm Esstisch: Hier leben sie, und nebenan, hinter einer Sperrholzwand, schlafen sie. Natürlich haben auch sie den aufregenden Ausblick auf die Skyline von Caracas. Aber sie schauen nicht durch getöntes Glas, sondern durch ein Gitter – wegen der Einbruchgefahr. Und das im neunten Stock.

Mit dem Tod des Finanzmoguls kam bald das Aus

Der Finanzmogul David Brillembourg züchtete Rennpferde, schmiss Champagner-Partys und beauftragte in den 80er Jahren den renommierten Architekten Enrique Gómez mit dem Bau des „Centro Financiero Confianza“. Diese Kathedrale der Hochfinanz mit dem etwas suspekt klingenden Namen „Vertrauen“ reckt sich 45 Stockwerke hoch in den Himmel, standesgemäß bekrönt von einem Hubschrauber-Landeplatz – eine aus Beton und Glas komponierte Hymne auf den Neoliberalismus. Aber Ende der 80er brachen die Banken zusammen. Brillembourg starb 1993 an Krebs, ein Jahr später wurden die Arbeiten am Rohbau eines der höchsten Wolkenkratzer Südamerikas eingestellt. Das Betonskelett fiel an den Staat. Was den Sieg des Turbokapitalismus darstellen sollte, wurde zum Symbol seines Scheiterns.

Durch die Avenida Andrés Belo tobt tags und nachts der Verkehr. Wenn man eine der beiden bewachten Pforten am Bauzaun durchschreitet und vor dem Turm steht, empfindet man immer noch die Hochmütigkeit der architektonischen Geste, nach der Brillembourg und seinem Architekten damals der Sinn stand. Hier ist alles groß und breit, repräsentativ angelegt. Aber es stinkt nach Fäkalien, auf dem betonierten Grund schlafen dürre Hunde im Schatten eines wild gewachsenen Baumes. Was eine Eingangshalle werden sollte, ist heute ein Basketballplatz.

Vor fünf Jahren wurde der Turm von Wohnungslosen besetzt, heute leben 800 Familien in dem aus drei aneinander gefügten Baukörpern des David-Turms. Allerdings nur bis zum 28. Stock, darüber steht alles leer, weil der Aufstieg zu lang und Wasser zu aufwendig hinaufzutransportieren wäre. Das sind etwa 2500 Menschen, deren Existenz den Symbolgehalt des Turms noch mal verstärkt: als Wahrzeichen des gescheiterten Neoliberalismus und als vertikaler Slum!

Der niedrige Mietpreis lockt viele Bewohner an

„Es ist klasse hier“, sagt Lilibeth, „wir zahlen gerade mal 150 Bolívares“, keine 30 Euro, „woanders würde die Wohnung 2000 kosten!“ Der kleine Betrag ist keine Miete, sondern eine Umlage der Kosten für ein Minimum an Komfort. Bevor Pumpen angeschafft wurden, haben sie das Wasser mit Flaschenzügen hinaufgehievt. Der Müll, das Abwasser, der Strom, die Sicherheit in den endlosen Gängen und bodenlos tiefen Treppenhäusern – all diese Probleme haben die Bewohner und ihre Kooperative „Cazique de Venezuela“ gelöst. Mehr oder weniger jedenfalls. So wie das auch in horizontalen Slums geht: Am Anfang ist alles improvisiert und illegal – den Strom haben sie früher einfach geklaut –, und dann wird das Leben langsam geordneter.

Bis zum zehnten Stock sind die Wohnungen privilegiert, denn man kann hinauffahren. Nicht mit einem Lift, sondern mit Autos und Mopeds, die Menschen oder Waren für die vielen kleinen Läden in Haarnadelkurven durch den Rohbau des Parkhauses hinaufbringen. Oben, neben einem rund um die Uhr bewachten Mopedparkplatz, erklärt Elvis Marchán, 46, der Kassierer der Kooperative, die Hausordnung: von den Vorschriften, wie die Motorräder einzuparken sind, über die von Etagen-Delegierten kontrollierten Putz- und Wachdienste bis hin zur Anmeldepflicht von Partys. „Manchmal ist eine Art Säuberung nötig“, sagt Elvis. Wer nicht zahlt, bekommt Strom und Wasser abgestellt, oder er fliegt raus. Drogen- und sonstige Kriminalität sei hier selten geworden.

Stimmt es, dass sie meist Anhänger des verstorbenen linkspopulistischen Präsidenten Hugo Chávez sind? „Ja, das ist richtig“, antwortet Elvis, der mit seiner Frau, sechs Kindern und drei Enkeln im Turm wohnt und in der Nähe eine Autowerkstatt hat, „aber Chávez hat uns nicht geschickt. Auch die jetzige Regierung unterstützt uns kaum.“ Sie toleriert aber die Besetzung, und damit – da sind sich alle einig – wäre Schluss, wenn die Rechte an der Macht wäre. In bürgerlichen Kreisen weckt der David-Turm heftige Emotionen. Die Besetzung des Rohbaus wird nicht als legitime Hilfe zur Selbsthilfe in einer ungerechten Gesellschaft verstanden, sondern als Verletzung des Eigentumsrechtes. Und die Besetzer stehen, obwohl sie meist ordentlichen Beschäftigungen nachgehen, im Zwielicht. Nicht nur beim Bürgertum, sondern – ein merkwürdiger Widerspruch zur Tolerierung – auch beim Staat.

Nach der Nennung ihrer Adresse war die Putzfrau den Job los

Die Polizei jedenfalls, so berichtet Lilibeth schaudernd, habe sich wie eine Besatzungsmacht aufgeführt, als sie das Hochhaus nach einem entführten ausländischen Diplomaten durchsuchte: „Sie haben uns geschlagen, aus unseren Kühlschränken gegessen und Computer geklaut. Natürlich hatten sie keinen Hausdurchsuchungsbefehl“, sagt Lilibeth. Der Entführte wurde später außerhalb von Caracas gefunden.

Geradezu haushoch schlugen die Wogen der Empörung, als die Architektur-Biennale in Venedig ausgerechnet die Dokumentation „Torre David – weiter Horizont“ prämierte. Eine Hausbesetzung sei mit dem renommiertesten Architekturpreis der Welt bedacht worden, so der Tenor, und Venezuelas Architektenkammer schäumte, der David-Turm bezeuge „den Abgrund an Zersetzung, Anarchie und Werteverlust, in dem sich das Land gegenwärtig befindet“.

Preisträger ist das Büro Urban Think Tank von Alfredo Brillembourg, ein entfernter Verwandter des Bauherrn. Die Studie untersucht die Spontanität der Veränderungen, die eine als nutzlos abgeschriebene Ruine bewohnbar gemacht hat. „Man hat doch keine Hausbesetzung prämiert“, stellt genervt von den Attacken Brillembourg klar. Brutaler hat Lilibeth die Ablehnung verspürt, die den Bewohnern des Turms entgegenschlägt: Als ihr Chef mitkriegte, wo sie wohnte, wurde ihr der Job als Putzfrau beim „Banco Mercantil“, einem Wolkenkratzer nebenan, gekündigt.