Arriva-Verkauf Deutsche Bahn leitet Kurswechsel ein

Von  

Mit dem Verkauf der Auslandstocher Arriva will die Bahn bessere Zug- und Busangebote finanzieren.

Züge der britischen Bahn-Tochter Arriva fahren auch in Deutschland. Foto:  
Züge der britischen Bahn-Tochter Arriva fahren auch in Deutschland. Foto:  

Berlin - Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG hat beschlossen, den Verkauf der britischen Bus- und Bahntochter Arriva einzuleiten. Eine Investmentbank soll beauftragt werden, möglichst bis Herbst Investoren für die zentrale DB-Auslandsplattform zu finden, die 60 000 Mitarbeiter in 14 Ländern beschäftigt. Darauf einigte sich das 20-köpfige Kontrollgremium des größten deutschen Staatskonzerns am Mittwoch in Berlin. Mit den Erlösen will Bahnchef Richard Lutz die massiven Finanzprobleme lindern. In der Investitionsplanung bis 2023 fehlen mehr als vier Milliarden Euro, im Etat für dieses Jahr klafft eine Lücke von rund 2,2 Milliarden. Der Staatskonzern ist bereits mit fast 20 Milliarden verschuldet, 2018 sank der Jahresüberschuss um 29 Prozent auf 542 Millionen Euro.

Der Aufsichtsrat, in dem Vertreter der Bundesregierung und der Arbeitnehmer den Ton angeben, beschloss am Mittwoch auch den Jahresabschluss und die Vorstandsvergütung. Außerdem wurden die wachsenden Kosten- und Baurisiken beim Großprojekt Stuttgart 21 beraten, das mit bisher 8,2 Milliarden Euro bereits drei Mal so teuer ist wie geplant. Bis zur erhofften Fertigstellung des komplexen Tunnelprojekts Ende 2025 muss die Bahn noch mehr als vier Milliarden Euro Eigenanteil bezahlen. Vor der Bahnzentrale forderte das Aktionsbündnis gegen S21 den Umstieg auf eine risikoärmere und kostengünstigere Lösung sowie den Erhalt oberirdischer Anlagen und des Hauptbahnhofs.

Die Deutsche Bahn konzentriert sich stärker auf ihr Kerngeschäft

Mit dem Verkauf von Arriva soll sich der Schienenriese künftig wieder stärker auf sein Kerngeschäft in Deutschland konzentrieren. Im Bahnverkehr in Deutschland gibt es seit Jahren viele Qualitätsprobleme, vor allem Verspätungen und Zugausfälle nerven Reisende und Pendler tagtäglich. Die DB-Spitze hat inzwischen für Milliardensummen mehrere hundert neue Züge für den Fern-, Regional- und Güterverkehr bestellt und mit über 800 Baustellen pro Tag die Sanierung der teils maroden und völlig überlasteten Infrastruktur gestartet.

Auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) steht wegen der massiven Probleme im Schienenverkehr, der Krise des Staatskonzerns und der überfälligen Maßnahmen für mehr Klima- und Umweltschutz im Verkehr unter Druck. Von der Bahn fordert der Politiker rasche Verbesserungen, die Konzernchef Lutz mit seiner 200-seitigen „Agenda für eine bessere Bahn“ erreichen will, die der Fahrplan für die Wende sein soll. Bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung am 19. Juni soll daraus nach Informationen unserer Zeitung eine neue Gesamtstrategie für den Riesenkonzern entwickelt werden, der weltweit bisher noch 319 000 Beschäftigte und mehr als 700 Tochterfirmen hat. Kritiker warnen schon lange, dass der Staatskonzern sich verzettle. Das wird auch in der vertraulichen Agenda offen eingeräumt: „Zu viele Gremien und zu viele Aktivitäten, die zu wenig priorisiert wurden, haben mit dazu beigetragen, dass Führungskräfte und Mitarbeiter an der Belastungsgrenze sind.“

Mit dem Arriva-Verkauf würde sich die Bahn von jedem fünften Mitarbeiter trennen

Mit dem Arriva-Verkauf würde sich der Konzern von fast einem Fünftel der Belegschaft, einem Achtel des Konzernumsatzes und fast einem Siebtel des Betriebsgewinns (Ebit) trennen. Die DB-Spitze hofft auf Erlöse von drei bis vier Milliarden Euro. Der Konzern hatte Arriva 2010 kurz nach dem Amtsantritt von Ex-Chef Rüdiger Grube gekauft. Grube trieb wie Hartmut Mehdorn, sein über den Daten- und Spitzelskandal gestürzter Vorgänger, die teure internationale Expansion voran.

Allein für Arriva musste der Staatskonzern rund drei Milliarden Euro aufbringen und sich dafür noch höher verschulden. Zwischen 2011 und 2018 folgten weitere Käufe von 28 Unternehmen im Ausland, für die insgesamt weitere fast 400 Millionen Euro ausgegeben wurden. Das räumte die Bundesregierung jetzt auf eine FDP-Anfrage im Bundestag ein.