Art Karlsruhe 2025 Dreckiges Geschirr, schön gemalt

Das Interesse an der Kunst ist groß. Foto: Carlotta Roob

Die Welt ist in Unruhe. Wie reagieren gerade die jungen Künstlerinnen und Künstler darauf? Die aktuelle Art Karlsruhe gibt überraschende Antworten.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Manchmal stimmen die Klischees eben doch nicht. Die zeitgenössische Kunst sei unverständlich, heißt es gern, verkopft, herausfordernd und mitunter gar anstrengend. Und hier: appetitliche Cocktail-Stillleben mit schicken Gläsern und Rotkäppchensekt. Junge Frauen am Strand oder verführerische Idyllen am See. Und lustig geht es auch immer wieder zu – zum Beispiel mit Wackelpudding aus Alabaster und Tupperdosen aus Stein.

 

Selten wirkte die Art Karlsruhe so tröstlich wie in diesem Jahr. An sich ist es ein eingespieltes Ritual und fröhliches Déjà-vu – selbst wenn sich immer wieder einzelne Galeristen verabschieden und andere nachrücken. Es kommen auch Sammler aus dem Ausland oder Kunsthändler aus Südkorea, und doch ist die Art Karlsruhe die Kunstmesse für Baden-Württemberg schlechthin.

Nachwuchs prominent vertreten

Deshalb sind auch diesmal nicht nur die meisten Galerien aus dem Land und die Institutionen und Museen mit Ständen präsent, sondern auch der künstlerische Nachwuchs aus dem Südwesten ist prominent vertreten. Er wird sogar in einer eigenen Sektion gewürdigt: dem academy:square für die jungen Talente der Kunstakademien in Stuttgart und Karlsruhe.

Die Art Karlsruhe war noch nie eine Messe für Radikales und herausfordernde Experimente. Jetzt, da die Welt zunehmend in Unruhe gerät, überrascht es aber doch, wie freundlich, fast harmlos die Arbeiten oft anmuten. Viele Werke verraten den geschützten Raum, in dem die Künstlerinnen und Künstler mit dem Material spielen, um eine eigene Position zu finden. Die gesellschaftliche Realität bleibt dabei häufig außen vor.

Und so vermenschlicht Sanga An von der Stuttgarter Kunstakademie Alltagsobjekte – und malt Tennisbälle mit lustigen Gesichtern. Marc Taschowsky bringt all die fröhlichen Gesellen aus Kindertagen auf die Leinwand – Krümelmonster und Minnie Mouse, Käpt’n Blaubär und in riesigem Format auch Tim aus dem Comic „Tim und Struppi“ für 11 000 Euro. Frank Bauer sucht dagegen den Reiz im Nebensächlichen und malt mit präzisem Strich schmutziges Geschirr in der heimischen Spüle oder auf dem Restauranttisch. Es sei die „Zufälligkeit der Anordnung“, die ihn reize, sagt er.

Es scheint, als wollten viele Künstler unserer Tage einen Gegenentwurf liefern zu der allzu komplexen und herausfordernden Welt – etwa mit köstlichen Naturidyllen wie von Thomas Geyer. Die Galerie Uhlig hat ihm eine one:artist show gewidmet und zeigt Geyers magisch wirkende Badeseen, die still, aber auch wie erstarrt wirken. Dem Messepublikum kann das nur Recht sein, denn diese Ruhepole fürs Auge wirken der Ermüdung entgegen, zu der es bei 187 Galerien aus 16 Ländern leicht kommen kann. Die Bandbreite reicht wie immer von der Klassischen Moderne bis ins Heute. Das Team, das im vergangenen Jahr die Leitung der Art Karlsruhe übernommen hat, tat gut daran, die Zahl der Aussteller zu reduzieren, die erfreulicherweise auch immer häufiger Schwerpunkte setzen anstelle eines bunt gemischten Potpourris.

Auch ältere Künstler werden wieder in den Fokus gerückt

Eine schöne Wiederentdeckung kann man bei dem Stuttgarter Galeristen Michael Sturm machen mit Paul Thuile. Er stellt Fotografien aus, ist aber eigentlich Zeichner, der in Abbruchhäusern, Büros oder Ausstellungshäusern Stühle oder Treppen direkt auf die Wände zeichnet – mit ungewöhnlicher Perspektive. Danach lässt er die Räume fotografieren, sodass sich ganz neue, abstrakt wirkende Ansichten und Schichtungen ergeben. Thuile läuft unter der Kategorie „re:discover“ für vergessene Künstler. Wie fühlt es sich aber an, wenn man nach einem langen Künstlerleben plötzlich präsentiert wird als einer, der auf dem Markt nie richtig angekommen ist? „Ich finde es toll“, sagt Paul Thuile, „es wird doch immer nur nach jungen, frischen Ideen geschaut. Um die älteren Jahrgänge kümmert sich niemand.“

Gut, dass die Art Karlsruhe sich mit neuem Schwung den Jungen wie den Alten widmet und erstmals sogar Führungen für Kinder ab elf Jahren anbietet, schließlich muss man auch an die Sammler von morgen denken. Und selbst wenn manche Künstlerinnen und Künstler nicht allzu politisch oder kritisch daherkommen, geht von der diesjährigen Messe eine wichtige Botschaft aus: Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es eine starke und engagierte Kunstszene im Land, die nicht nur einzelne Karrieren fördern will, sondern Kunst als Ausdruck einer freiheitlichen Gesellschaft versteht.

Die Verkäufe, die in den ersten Tagen in Karlsruhe bereits positive Stimmung verbreitet haben, aber auch die Präsenz der Institutionen, die Würdigungen und Preise, die verliehen werden – all das stabilisiert das System. Dabei mag es auch um Geld gehen, aber eben auch um unser aller Freiheit im Geist.

Japanerin gewinnt den Messe-Preis

Art Karlsruhe Preis
Auch in diesem Jahr wurde die beste One-Artist-Show der Kunstmesse geehrt – der Preis geht an die japanische Malerin Etsu Egami. Die eigenwilligen Porträts der Karlsruher Absolventin der Hochschule für Gestaltung sind bei der Galerie Alfred Kornfeld zu sehen. Mit dem Preis ist der Ankauf eines Werkes verbunden.

Öffnungszeiten
Samstag 11 bis 19 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. adr

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