Art Karlsruhe startet Wo die Unterhosen an der Wand hängen
Kunst kann Spaß machen – das beweist die Art Karlsruhe. Warum läuft die baden-württembergische Kunstmesse so gut, während andere aufgeben?
Kunst kann Spaß machen – das beweist die Art Karlsruhe. Warum läuft die baden-württembergische Kunstmesse so gut, während andere aufgeben?
An sich gehören sie in den Kleiderschrank. Hier dagegen hängen die ollen Klamotten an der Wand: einzelne Tennissocken, Shirts oder auch eine hässliche Männerunterhose mit Eingriff. Würde man sie berühren, könnte man feststellen, dass sie nicht aus Stoff sind, sondern aus Holz, Lindenholz. Es sind Skulpturen der jungen Bildhauerin Jessi Strixner.
Kunst kann Spaß machen, zumindest auf der Art Karlsruhe, die mit Schwung und guter Laune gestartet ist. Das überrascht, denn in den vergangenen Monaten wurden diverse Kunstmessen abgesagt oder legen, wie die Spark Art Fair in Wien, eine „strategische Pause“ ein. Damit die Art Karlsruhe weiterhin so beliebt bei Galeristen wie Käufern bleibt, hat das neue Leitungsteam noch einmal nachjustiert, um junge und neue Sammler noch gezielter zu locken.
Und da die ersten Ankäufe von Sammlern fast immer Arbeiten auf Papier sind, will man in einer eigenen Sektion bei der Qual der Wahl Entscheidungshilfe geben mit Tipps von Galeristen. Wie wäre es zum Beispiel mit Karin Kneffel, die für ihre prallen Früchte und lustigen Teppich-Bilder bekannt ist? Eine Radierung von ihr gibt es immerhin schon für „nur“ 4500 Euro, während man auf der Hauptmesse für ihre Gemälde dann stolze 290 000 Euro hinlegen müsste.
Aber auch jenseits dieser Einsteiger-Tipps kann man auf der Art Karlsruhe für jeden Geldbeutel etwas finden – bis hin zu 1,25 Millionen Euro für ein Gemälde von Max Liebermann. Die Auswahl an leichten, unbeschwerten Motiven für die eigenen vier Wände ist groß, denn offenbar scheinen Natur und Freizeitvergnügungen die wichtigsten Themen der aktuellen Künstlergeneration zu sein. Hier Raimund Göbners in Holz geschnitzten Blondinen auf der Vespa, dort plätschert eine Frau im Pool einer der diversen Luxusvillen, die Leif Trenkler in poppigen Farben zeigt. Bei den schön gemalten Luftballons von Cornelius Völker, die bei Friese zu sehen sind, liegt es im Auge des Betrachters, ob er darin heiße Luft oder die Fragilität des Seins sieht.
Die LBBW, die in einer Sonderausstellung Werke ihrer Sammlung zeigt, hat sich da ein interessanteres Thema vorgenommen: die gesellschaftlichen Dimensionen neuer digitaler Technologien. Die Beispiele, die dazu gewählt wurden, nutzen die digitalen Mittel allerdings eher als Technik, statt diese selbst zu thematisieren. Als etwa Karin Sander kleine, realitätsgetreue 3D-Body-Scans von Persönlichkeiten des Kunstbetriebs erstellte, spielte das eher auf die Eitelkeiten der Branche an.
Auch wenn unter den 180 Galerien einige aus dem Ausland kommen – aus den USA, Asien oder gar aus Teheran –, so ist Baden-Württemberg nach wie vor sehr präsent vertreten. Deshalb hat sich die Stuttgarter Galerie Better Go South nun auch auf den Weg gemacht, „weil die Messe gute Arbeit macht und wir inzwischen erwachsen genug sind, um teilzunehmen“, wie Michael Preuss erzählt. Am Stand hängen überdimensionale weiße Tablettenblister von Toninho Dingl. „Seine Frau hat Migräne, und da liegen die Packungen immer rum“, erzählt Preuss. So wurden Pillenblister zu Dingls Thema.
Der Stuttgarter Galerist Marko Schacher ist dagegen seit vielen Jahren auf der Art Karlsruhe, und man hört den Stolz heraus, dass er diesmal auch den Zuschlag für einen der begehrten Skulpturenplätze erhalten hat. „Da ist ja immer Gerangel“, sagt er, war dann aber auch gefordert, die schweren, mit Moos bewachsenen Steinbrocken in die Messehalle zu schaffen, die die Künstlerin Claudia Thorban mit grafisch verzierten Glasscheiben kombiniert.
Gerade bei den Skulpturenplätzen habe man die Qualität noch einmal deutlich ausgebaut, meint die Messeleitung. Da sind mitunter aber doch leise Zweifel angebracht – etwa bei den Skulpturen von Julian Voss-Andreae, der von Haus aus Physiker ist. Er stellt Pin-up-Girls in aufreizenden Posen in parallel gesetzten Edelstahlplatten dar, was formal wie inhaltlich so uninteressant ist wie der Figurenpark von HA Schult. Dieser baut die immer gleichen Figuren aus Abfall – mal aus Coladosen, mal aus Scherben oder Computerschrott. Aber immerhin, fotografiert werden seine Müllmänner gern.
Marko Schacher sieht die Teilnahme an der Art Karlsruhe als Werbung. Aber schon bei der Eröffnung konnte man in den Kojen durchaus rote Punkte entdecken und Besucher antreffen, die mit großen Paketen unterm Arm die Messehallen verließen. Und selbst, wenn nicht überall bis Sonntag das ganz große Geschäft gemacht werden sollte, ist die Art Karlsruhe ein beliebter Treff für die Branche und Kunstfreunde aus Baden-Württemberg, zumal auch sämtliche Museen aus dem Land vertreten sind und natürlich auch der ganz junge Nachwuchs der Akademien aus dem Land vorgestellt wird. Auch der spielt offenbar gern mit Alltagsgegenständen – zum Beispiel mit Stahlnägeln, die Felix Wagner mit einer stattlichen Länge von 70 Zentimetern an die Wand gehängt hat.
Nachlässe
Weil der Markt launisch ist, erinnert „re:discover“ an Künstler, die nach ersten Erfolgen zu Unrecht vergessen wurden. Erstmals befasst sich die Art Karlsruhe aber auch mit einem der dringlichsten Themen: Was tun mit den zahllosen Künstlernachlässen?
Info
geöffnet Fr, Sa 11 bis 19 Uhr, So 11 bis 18 Uhr. Ab Hbf Karlsruhe verkehrt ein kostenloser Messe-Shuttle. adr