Seit fünfzehn Jahren zeigt das Magazin „Tracks“ im deutsch-französischen Kultursender Arte, wie gebührenfinanziertes Fernsehen für jüngere, kulturinteressierte Zuschauer aussehen kann. Leider gibt es im öffentlich-rechtlichen TV nichts Vergleichbares, ja: hat es noch nie Vergleichbares gegeben.
Straßburg - Lobeshymnen auf „Tracks“ werden zuhauf gesungen. Fast jeder, der sich für Musik-, Jugend- und Subkultur interessiert und für Formate, die das möglichst klischeefrei abbilden, kennt die vor fünfzehn Jahren gestartete Sendung des deutsch-französischen Kultursenders Arte. „Tracks“ steigt Woche für Woche 52 Minuten lang jungen Themen nach und zeigt sie aus ungewohnter Perspektive – in mittlerweile 800 Folgen.
Seit 1997 schickt die in Straßburg ansässige Redakteurin Marie-Anne Iacono deutsche und französische Produzenten los, darunter eine Redaktion des Bayerischen Rundfunks sowie Berliner, Hamburger und Pariser Medienagenturen. Der Jugend soll der Puls gemessen werden – wobei Jugend weit gefasst wird. Fast immer geht es um Musik, oft aber auch um Politik, etwa um Skater in der DDR und Pop gegen die Mafia. „Wir sind provokant und jung, aber nicht juvenil“, sagt Iacono.Die Redakteurin betont, dass man viele neue Strömungen zum ersten Mal in ihrer Sendung wahrgenommen habe. „Wir waren in Tunesien und Ägypten, als der Arabische Frühling begonnen hat.“ Und auch wenn „Tracks“ als jung gelte, arbeite man journalistischer als in anderen Jugendformaten.
Kulturfernsehen für 25- bis 45-Jährige
Allerdings sind die Zuschauer von „Tracks“ nicht wirklich jung: Die Zielgruppe ist zwischen 25 und 45 Jahre alt, zumindest jene, die sich „Tracks“ im Fernsehen anschaut. Jüngere Zuschauer nämlich versucht die Sendung verstärkt übers Internet anzusprechen. Mittlerweile ist die Homepage von „Tracks“ mit Online-only-Produktionen angereichert. Zudem können viele Beiträge per Stream angesehen werden, was den Sehgewohnheiten junger Zuschauer eher entspricht als ein nicht fixer Sendeplatz am Samstagabend.
Charlotte Roche moderierte das Magazin Mitte der Nullerjahre, inzwischen kommt „Tracks“ ohne festes Gesicht aus. Um sichtbarer zu werden, kooperiert die Sendung mit Musik- und Szenemedien. Ebenfalls eine bewährte Tradition: die Sommerserien. Derzeit läuft der von der Redaktion betreute „Summer of Rebels“, bei dem das popkulturelle Gedächtnis von James Dean über Jim Morrison bis hin zu Kurt Cobain bedient wird.
Eine Viertelmillion Facebook-Anhänger
„Tracks“ gibt sich in allen Formaten experimentierfreudig, ohne beliebig zu werden, greift Trends auf und geht in den Untergrund. Kurz: es bietet der Zielgruppe jenen Stoff, den sie anderswo selten findet. Das scheint zu gelingen: Mehr als 250 000 Anhänger hat die Sendung auf Facebook, die Quote liegt mit einem Prozent Marktanteil in Frankreich und 0,6 Prozent in Deutschland ungefähr im Arte-Durchschnitt, die „Tracks“-Homepage hat jeden Monat etwa 90 000 Besucher.
Allein, von den Arte-Chefs hört man nur selten ein lobendes Wort. Nicht einmal eine feste Sendezeit gesteht der Sender seiner Jugendproduktion zu. Dabei darf „Tracks“ als einziger ernsthafter und auch gelingender Versuch der gebührenfinanzierten Sender gelten, junge Zuschauer anzusprechen – zumal die Öffentlich-Rechtlichen ihre Sendungen nicht auf Kommerz trimmen müssen, Klingeltonwerbung und versteckte PR also außen vor lassen können. „Ich höre hausintern immer nur, die Sendung sei Kult“, sagt die Redakteurin Marie-Anne Iacono. Ein neues Intro wollen die Senderchefs der Sendung aber auch nach fünfzehn Jahren nicht genehmigen.
Von ARD und ZDF kommt nichts Vergleichbares
ARD und ZDF nehmen das auf Arte gezeigte Programm teilnahmslos zur Kenntnis. Sie haben seit je ihre Mühe mit dem jungen Publikum. Der auch mangels Alternativen beliebte „Beat Club“ kopierte seinerzeit Konzepte aus den USA. Das war in den sechziger Jahren. Danach kam der „Rockpalast“ des WDR, der heute immer noch als Namensgeber für Konzertmitschnitte fungiert.
Und sonst? In ihren Spartenkanälen ZDF neo, Eins Festival oder Eins Plus kommen die Öffentlich-Rechtlichen zwar jugendlicher daher, inhaltlich geht es aber eher bieder zu: Es gibt eine Art Musikfernsehen („Clipster“ auf Eins Festival) sowie aufgezeichnete Auftritte samt Plauderei („on tape“ oder „zdf@bauhaus“, beide in ZDF Kultur). Die durchaus hörbaren „Jugendwellen“ der dritten Rundfunkprogramme, etwa Das Ding vom SWR oder MDR Sputnik, schaffen es oft nicht ins Fernsehen – und wenn, dann wirken sie wie das im SWR laufende Dasding.tv konventionell. Kein Wunder, dass die Privatsender die Öffentlich-Rechtlichen bei den 14- bis 29-Jährigen seit Langem abhängen.
Ohne „Tracks“ würde die Subkultur im Fernsehen also bleiben, wo sie ist: in den Tiefen jener Szenen, in die man sich aus Angst vor der Quote nicht hineinwagt. Deshalb will der wunderbare Solitär auch so weitermachen wie bisher: „Wo sonst“, fragt die Redakteurin Marie-Anne Iacono, „passen Deichkind und eine Reportage über Ostafrika in eine Sendung?“