Arte-Serie „Vigil“ Mord im Atom-U-Boot

Suranne Jones spielt die Polizistin Silva, die ins U-Boot muss. Foto: /World Productions 15 Bilder
Suranne Jones spielt die Polizistin Silva, die ins U-Boot muss. Foto: /World Productions

Die nun bei Arte zu sehende britische Krimiserie „Vigil“ war ein Hit für die BBC. Suranne Jones spielt eine Polizistin, die an Bord eines im Einsatz befindlichen U-Boots ermittelt.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - In einer ungewöhnlicheren Notlage steckte wohl noch keine Heldin einer britischen Krimiserie: Detective Chief Inspector Amy Silva (Suranne Jones) windet sich panisch im Torpedorohr eines Nuklear-U-Boots. Kaltes Salzwasser flutet herein, Silva muss den Atem anhalten. Ihr Widersacher draußen macht sich bereit, sie auf Nimmerwiedersehen ins Meer zu schießen. Das ist der Cliffhanger der fünften und vorletzten Folge der BBC-Serie „Vigil“, und man fragt sich, wie Silva davonkommen will. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich das Drehbuchteam von „Vigil“ schon ein paarmal in Ecken geschrieben und mehr oder weniger überzeugend wieder herausgefunden. Aber ein Torpedorohr ist ein besonders enger Ort, um eine positive Wendung hineinzuzwängen.

„Vigil“, nun bei Arte zu sehen, wurde für die BBC zu einem der größten Hits der vergangenen Jahre. Das liegt auch am ungewöhnlichen Hauptschauplatz: einem Nuklearwaffen tragenden U-Boot der Vanguard-Klasse. Vier solche Boote besitzt die britische Marine, eines davon befindet sich stets auf Geheimroute auf offener See. Das Vanguard-Quartett und vor allem das jeweilige Boot im Einsatz stellen das Abschreckungspotenzial Großbritanniens im Atomwaffendrohspiel der Weltmächte dar.

Die „Vigil“ darf nicht umdrehen

An Bord der „Vigil“ kommt es zu einem verdächtigen Todesfall: Selbstmord. Weil das Schiff sich noch in britischen Hoheitsgewässern befindet, ist die Polizei zuständig, aber weil kein Ersatzboot sofort auslaufen und die Feuerbereitschaftsrolle im Verteidigungskonzept übernehmen könnte, darf die „Vigil“ nicht umdrehen. Ein wackliger Kompromiss zwischen Polizei und Militär, Aufklärung und Geheimhaltung wird gefunden. Eine einzelne Polizistin darf für drei Tage an Bord: DCI Silva.

Eine der Stärken der Serie ist die Unklarheit der Machtverhältnisse. Silva hat einen Ermittlungsauftrag, braucht Zugang zu Orten, Menschen, Informationen. In der Praxis kollidiert aber alles, was sie will und muss, angeblich mit dem Betrieb des Bootes, der nationalen Sicherheit und den Geboten der Geheimhaltung. Der Kapitän sähe es am liebsten, Silva bliebe drei Tage lang in ihrer Koje und verschwände dann wieder mit einem Achselzucken. Das geht aber schon deshalb nicht, weil Silva den Toten als Mordopfer einstuft und sich die Komplikationen, Überraschungen, Lügen und Verdächtigungen durch die Untersuchung fressen wie Tinte durch Löschpapier.

Suranne Jones überzeugt wieder

Die britischen TV-Kritiker waren von „Vigil“ entweder hellauf begeistert oder nahezu angewidert. Diese klaren Positionen erstaunen, denn das Effektive und das Alberne, Spannende und Läppische, Raffinierte und Beliebige wechseln einander regelmäßig ab. Das Kompetenzgerangel von Silva und Navy schafft mal dichte Szenen, mal gewinnt inkonsequent die Seite die Oberhand, die dem Drehbuchteam gerade gelegen kommt. Auch an Land, wo Silvas Kollegen im Friedenscamp der Atomwaffengegner und auf einer Marinebasis ermitteln, verlaufen Gespräche mal glaubhaft, mal idiotisch oberflächlich.

Mal befinden wir uns in einem Whodunit, mit bohrenden Befragungen, wer um welche Uhrzeit in welchem Korridor war. Mal sind wir mittendrin in einem überhitzten Spionagethriller, in dem sich die Spannungen zwischen den Atommächten im Nahkampf zweier Menschen auf Leben und Tod entladen. Mal wird das private Trauma, das Silva mit sich schleppt, im Malen-nach-Zahlen-Stil auf den Schirm gepinselt, mal bekommen wir nachvollziehbare Probleme sauber entfaltet. Aufgefangen wird vieles von Suranne Jones, die noch nie enttäuscht hat, nicht in „Scott & Bailey“, nicht in „Doctor Jones“, nicht in „Gentleman Jack“.

Propaganda gegen Atomwaffen?

Dass man in Großbritannien so klar Partei für oder wider die Serie ergriff, hängt mit den Bezügen zur realen Politik zusammen. Die Vanguard-Boote haben ihre Basis in Schottland. Sowohl schottische Nationalisten als auch die Friedensbewegung wollen sie dort weghaben, die Friedensbewegung will die Boote ganz abgeschafft wissen. Die Vanguards sind betagt und sollten schon abgelöst werden, erst im kommenden Jahrzehnt aber werden die Nachfolger bereitstehen. Hier haken Aktivisten ein, möchten die Zäsur. Sie glauben sowieso, Boote mit Atomantrieb und Nuklearsprengköpfen, auf denen stets alles perfekt klappen und jeder Mensch problemlos funktionieren muss, seien ein viel zu riskantes Unterfangen.

Und so wird „Vigil“ von allen Seiten als Politmanöver gedeutet, als Lehrstück über die Fehlbarkeit und Verwundbarkeit der U-Boote oder als Propagandaschlag gegen die nukleare Verteidigung. Am spannendsten ist es, „Vigil“ daraufhin abzuklopfen, ob tatsächlich die Verschrottung der U-Boote gefordert wird. Die Spezialisten an den Horchposten im Boot können dabei eine Warnung sein. Die hören öfter mal was – sind aber nicht sicher, was da klopft und rauscht.

Vigil. Arte, 13. Januar, 21.50 Uhr, 20. Januar, 22 Uhr, jeweils drei Folgen. Bereits komplett in der Mediathek des Senders.

Britische Atomwaffen

Anfänge
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Großbritannien, dessen Experten beim Aufbau der US-Atommacht geholfen hatten, eigene Atomwaffen. So wollte man den eigenen Großmachtanspruch betonen: 1952 zündete Großbritannien als drittes Land nach den USA und der Sowjetunion eine Atombombe.

Misstrauen
Im Kalten Krieg unterhielt Großbritannien sowohl ein luft- als auch ein seegestütztes Nukleararsenal. Man wollte die Sowjetunion eigenständig abschrecken, weil man der US-Bereitschaft, bei einer östlichen Aggression in Europa den Atomkrieg zu entfachen, nicht traute.

Gegenwart
Die Atombomber der Royal Air Force wurden 1998 abgeschafft. Vier U-Boote mit je 16 Raketensilos bilden das Abschreckungspotenzial, jede der aus den USA bezogenen Trident-Raketen kann bis zu acht Sprengköpfe tragen.




Unsere Empfehlung für Sie