Artenschutz im Kreis Esslingen Liste bedrohter Tiere und Pflanzen wird länger

Ein Graureiher nahe des Bodenbaches in Notzingen: Über viele Jahre hatten sich die Vögel im Kreis Esslingen rar gemacht. Nun sind sie wieder öfter zu sehen. Foto: oh/Brigitte Beier

Am 3. März ist Welttag des Artenschutzes. Auch im Kreis Esslingen bedrohen Flächenfraß und Umweltgifte immer mehr Arten. Es gibt aber auch Erfolge.

Kreis Esslingen - Zwei, die einst kurz vor der Ausrottung standen, streiten sich in Altbach um ein Haus: Der Uhu, der größere der Raubvögel, hat den Wanderfalken aus seiner Nisthilfe geworfen und ist selbst eingezogen. Eine Anekdote, die Errungenschaften des Artenschutzes deutlich macht: Tiere, die über viele Jahre nicht im Kreis Esslingen beobachtet werden konnten, weil sie einst bejagt worden waren, kehren zurück. Darunter auch Graureiher oder Biber. Auf der anderen Seite ist die Zahl der Pflanzen- und Tierarten über Jahrzehnte empfindlich geschrumpft. Zum Tag des Artenschutzes am 3. März hat unsere Zeitung Naturschützer und Landwirte gebeten, ihre Perspektive auf die Entwicklung im Kreis Esslingen zu schildern.

 

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Artenschutz bei Stuttgart 21.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickt Ralf Hilzinger, Erster Vorsitzender der Nabu-Gruppe Esslingen, auf die Entwicklung. 2010 haben er und seine Mitstreiter eine Kartierung der Brutvögel in den Außenbereichen Esslingens erstellt. Sie verzeichneten einen Rückgang um 50 Prozent von einst gut 140 heimischen Arten. „Das heißt, die Hälfte der Vogelarten fehlt.“ Damit steht Esslingen schlechter da als der Landesschnitt: Hier Betrug der Anteil ausgestorbener Arten etwa 13 Prozent. Hilzinger findet das logisch, schließlich sei eine Stadt schlechter aufgestellt als ländliche Gegenden, wenn es um Lebensräume für Tiere und Pflanzen gehe. „Für manche Arten sind Siedlungen gute Zufluchtsorte“, sagt der Nabu-Vorsitzende. Die Feldlerche brauche aber naturverträglich bewirtschaftete Äcker. 2010 wurde sie im Esslinger Raum nur in Berkheim gesichtet.

Sogar der Spatz zieht sich zurück

Die roten Listen bedrohter Pflanzen und Tiere werden immer länger. „Man wundert sich teilweise, welche Arten drauf stehen“, sagt Brigitte Beier vom Umweltzentrum Neckar-Fils in Plochingen. Sogar der Haussperling – also der Spatz – stehe auf der sogenannten Vorwarnliste des Landes Baden-Württemberg. Hier werden Arten erfasst, die merklich zurückgegangen, aber aktuell noch nicht gefährdet sind. Der Rückgang der Arten zeigt sich Beier zufolge auch an der Notwendigkeit von Naturschutzgebieten, deren Zahl steigt. Im Kreis Esslingen stehen nach Angaben auf der Webseite des Landratsamtes 44 Prozent der Fläche unter Naturschutz.

Auf der anderen Seite ist ein gewichtiger Grund für den Artenrückgang, dass der Mensch der Natur immer mehr auf die Pelle rückt. Der Siedlungsdruck im Speckgürtel von Stuttgart ist hoch. „Immer mehr Flächen werden versiegelt – wo sollen die Tiere da hin?“, erklärt Beier.

Flächenfraß, Licht und Pestizide

Doch auch die Lichtverschmutzung ist ihr zufolge ein Problem: Licht werde immer günstiger und deswegen vermehrt eingesetzt. Das habe zur Folge, dass tagaktive Insekten länger unterwegs seien, mehr Energie verbrauchten und verhungerten. Und Fledermäuse trauten sich nicht aus ihren Schlafstätten. Darüber hinaus sind immer noch Pestizide eine große Gefahr besonders für die Insektenbestände, wie Beier erklärt. „Ich glaube schon, dass Landwirte das kontrollierter einsetzen, es gibt ja auch schärfere Vorgaben als früher“, sagt sie. Doch neue Pestizide, wie Glyphosat und Neonikotinoide wirkten stärker und würden in Naturschutzflächen verweht. Außerdem verteilen sich die Gifte aus gebeiztem Saatgut bis in die Pollen und den Nektar der Pflanzen. Das schade etwa Bienen, deren Fortpflanzung und Orientierung beeinträchtigt würden.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Welche Rolle spielt Landwirtschaft für den Klimaschutz? Bericht des Weltklimarats klärt auf.

Doch die harten Grabenkämpfe zwischen Naturschützern und Landwirten sind weitgehend vorbei. Vielmehr zeigen die Aktivisten auch Verständnis für die Nöte der Bauern, die immer weniger Land zur Verfügung haben und unter Preisdruck stehen. Positiv gesehen werden Bemühungen für den Artenschutz – so legen immer mehr Landwirte Blühstreifen an. Am Rand ihrer Äcker oder auf größeren Flächen säen sie heimische Wildblumen, die Insekten und anderen Tieren Nahrung und Lebensraum bieten. Einer von ihnen ist Michael Kuch vom Sulzburghof in Unterlenningen. Er ist Mitglied des Projekts „Blühende Alb“, an dem Landwirte, Kommunen und Schulen aus mehreren Landkreisen teilnehmen. „Als Direktvermarkter sind wir nah am Kunden. Ich möchte zeigen, dass man auch als konventioneller Betrieb etwas für den Naturschutz tun kann“, sagt Kuch.

Russland-Ukraine-Krieg lässt Getreidepreise steigen

Zudem sei er für seine Streuobstwiesen darauf angewiesen, dass Bienen fliegen. Dennoch will Kuch in diesem Jahr die Blühstreifen etwas reduzieren – und er erwartet, dass andere Landwirte ähnlich entscheiden könnten. Der Druck auf landwirtschaftliche Flächen steige. Und der Russland-Ukraine-Krieg – Letztere als Kornkammer Europas bekannt – könnte die Erwartungen an die Nahrungsmittelversorgung steigern. Schon jetzt sind Getreidepreise gestiegen – gut für jene, die es anbauen, schlecht für die, die es verfüttern. Wer wolle, dass mehr Bauern biologisch wirtschaften, müsse dies stärker fördern, sagt Kuch in Richtung Politik. Und angemessene Preise für die Erzeugnisse bezahlen, in Richtung Handel und Verbraucher.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Gehäutete Kuh in Tübinger Innenstadt – Peta-Protest gegen Tierleid in Leder-Industrie

Errungenschaften des Umwelt- und Artenschutzes

Tiere
Wanderfalken, Uhus, Graureiher und Biber wurden gejagt, bis sie kaum noch oder nicht mehr im Kreis Esslingen vorkamen. Heute werden sie geschützt und kehren zurück.

Gesellschaft
Naturschützer werden bei öffentlichen Bauprojekten gehört. „Das ist unsere Möglichkeit, Einfluss zu nehmen“, sagt Werner Barth vom Bund für Naturschutz und Umwelt Deutschland (BUND) Esslingen. Als Errungenschaften bewertet er das Aus für das Gewerbegebiet Hungerberg in Dettingen und den Verlauf des geplanten Radschnellwegs, der nun nicht durch das Naturschutzgebiet Alter Neckar zwischen Esslingen und Altbach führen soll. Oft werde öffentliches Interesse aber höher bewertet als Naturschutz. Brigitte Beier (BUND Reichenbach) sieht ein Umdenken bei Kommunen und Menschen, es würden etwa vermehrt Wildblumenwiesen gesät.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Todesfalle Blühstreifen – viele Insekten sterben beim Mähen

Weitere Themen