Artenschutz in S-Nord Park wird für Eidechsen vorbereitet

Von Eva Funke 

Kampfmittelbeseitiger haben keine Fliegerbomben entdeckt. Jetzt rückt im Stuttgarter Norden der Bagger an und entfernt die Wurzeln gerodeter Bäume und Sträucher auf dem Gelände beim Bismarckturm, damit die Trockenmauern für die Stuttgarter Mauereidechsen gebaut werden kann. Einige hundert werden im Sommer dorthin umgesiedelt.

Auf dem Areal unterhalb des Bismarckturms werden Wurzeln entfernt,               Foto: Eva Funke
Auf dem Areal unterhalb des Bismarckturms werden Wurzeln entfernt,               Foto: Eva Funke

S-Nord - Einige Hundert Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums (Ebelu) und in etwa eben so viele auf dem Areal lebenden Mauereidechsen verbindet in diesem Sommer ein ähnliches Schicksal: Sie müssen umziehen: Die Schüler werden wegen der geplanten Erweiterung der Schule für drei Jahre in einem Gebäude an der Ludwigstraße einquartiert. Und die Eidechsen müssen vor dem Baustart laut Gesetz zu ihrem Schutz an den Bismarckturm umquartiert werden. Dort sollen sie dauerhaft bleiben. Drei Bäume wurden auf der 1600 Quadratmeter großen Fläche bereits gefällt und Sträucher gerodet.

Lediglich Bombensplitter entdeckt

Am Mittwoch hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst das Hanggelände nach Fliegerbomben abgesucht. Entdeckt wurden lediglich Splitter bereits explodierter Sprengkörper. Derzeit werden die Wurzeln der gerodeten Bäume und Sträucher entfernt und die Trockenmauern für die Reptilien gebaut: Es gibt drei insgesamt 100 Meter lange, 80 Zentimeter hohe Abschnitte. Die Kosten: etwa 228 000 Euro. Ende Mai soll’s fertig sein und eine Schmetterlings- und Bienenwiese als Nahrungsgrundlage gedeihen.

Die Anwohner sind nach Auskunft von Hans-Christian Wieder nicht begeistert. „Viel sagen, dass es in ihren Gärten genügend Eidechsen gibt und die dort wunderbar leben, so dass es kein neues Eidechsenhabitat bräuchte.“ Der CDU-Mann ist Bezirksbeirat und betreut den Bismarckturm. Selbst ist er auch kein Freund der Maßnahmen auf dem Turmgelände, da sie ja einen Eingriff in die Parkanlage bedeuten. Laut Stadtverwaltung gibt es in Stuttgart keine weiteren Lebensräume für Eidechsen. Eine Umsiedlung in das Habitat an der Feuerbacher Heide kommt nicht in Frage, weil das mit 3200 Tieren, die von der Stuttgart-21-Baustelle im Neckartal umquartiert worden sind, ausgebucht ist. Und gegen eine Umsiedlung aufs Land, wo es noch Flächen gibt, haben viele Naturschützer Einwände: Die „Stuttgarter Mauereidechse“ ist nämlich eine besondere Spezies. Sie hat Gene von aus der Wilhelma entlaufenen Futtereidechsen sowie von Artgenossen, die als blinden Passagiere mit Obst- und Gemüselieferungen aus dem Süden eingewandert sind. „Viele Experten in den Behörden und auch beim Nabu wollen die Spezies der rein deutschen Mauereidechse erhalten“, sagt Hans-Peter Kleemann, Vorsitzender der Naturschutzbund-Gruppe (Nabu) Stuttgart. Er selbst hat keine Bedenken gegen die Kreuzung. Das sei die ganz normale Evolution. Dadurch lasse sich das Problem lösen, Lebensraum für die Tiere zu finden. Eine Eidechse braucht laut Kleemann immerhin eine Fläche zwischen zehn bei sehr guten und 80 Quadratmetern bei sehr schlechten Nahrungsverhältnissen.

Das Reservat, das den Umzüglern vom Ebelu zur Verfügung gestellt wird, bemisst sich allerdings nicht nach der Anzahl der Tiere, sondern nach der Größe des Areals, das sie verlassen müssen. „Das haut nur hin, wenn dort die gleiche Nahrungsgrundlage wie beim Ebelu vorhanden ist“, stellt Kleemann fest. Gründlich schief gegangen sei die Umsiedlung im Travertinpark im Hallschlag: „Dort hat die Nahrungsgrundlage nicht ausgereicht. Mehrere Tausend Tiere sind verhungert.“

Naturschützer uneins

Dass es mit 140 000 Mauer- und etwa 60 000 bis 90 000 Zauneidechsen laut einem Gutachten der Stadt wesentlich mehr Eidechsen in Stuttgart gibt als angenommen, ist für Kleemann und die Nabu-Gruppe Stuttgart kein Grund, den Artenschutz zu lockern und Ausnahmen zuzulassen. „Da sind wir uns einig, dass nicht nur der Bestand der Art, sondern auch das einzelne Tier geschützt werden muss“, sagt Kleemann. Allerdings gebe s es auch Naturschutzverbände, die das anders sehen und denen es um den Erhalt der Art und nicht um das einzelne Tier geht.

Während die Kisten für den Umzug der Ebelu-Schüler in den sechs Wochen Sommerferien an den neuen Standort gebracht werden sollen, sollen die Mauereidechsen etwa in der gleichen Zeit in Kisten gepackt und im neuen Quartier ausgesetzt werden. Bevor das passiert, müssen die Reptilien jedoch erst mal gefangen werden – mit einer Echsenangel: einem Stab mit einer Schlinge, die den Tieren wie ein Lasso um den Hals gelegt wird. Der Umzug bedeutet Stress für alle: Lehrer und Schüler, aber vor allem für die Eidechsen.

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