Artenschutz in Stuttgart-Birkach Zahl der Schwalben ist erschreckend niedrig

Von Caroline Holowiecki 

Schwalben und Mauersegler sind in Stuttgart auf dem absteigenden Ast. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Unterwegs mit einem Experten aus Filderstadt.

Alles gut bei der Birkacher Familie Schwalbe? Die Antwort lautet leider: nein. Foto: dpa
Alles gut bei der Birkacher Familie Schwalbe? Die Antwort lautet leider: nein. Foto: dpa

Filder - Über Johannes Mayers Kopf tobt eine regelrechte Vogelparty. Die Sperlinge, die unter dem Dach des alten Backsteingebäudes an der Birkheckenstraße ihre Nester haben, scheinen leidenschaftlich zu zanken. Für den Ornithologen ist das Musik in den Ohren. Wobei er an diesem Tag da ist, um die Nachbarn der Spatzen zu besuchen. Mehlschwalben brüten an der Birkheckenstraße. An einem Haus hängen gleich sechs Nester, mindestens fünf sind bewohnt, hat der 42-Jährige beobachtet. Aus einigen Nestern lugen Junge und warten nur drauf, dass die Eltern etwas Essbares abliefern. Es geht zu wie im Taubenschlag. Und nicht nur hier. Auch an der Birken-Apotheke oder am Gästehaus gegenüber fühlen sich die Vögel mit den weißen Bäuchen wohl.

Also alles im Lot bei Familie Schwalbe? Nein, stellt Johannes Mayer klar. Zum Beweis zückt er eine digitale Karte, auf der alle Niststandorte auf etwa einem Quadratkilometer in Birkach und Teilen von Steckfeld markiert sind. Alle Punkte finden sich nur an dieser Straße. Johannes Mayer hat das gesamte Gebiet mit dem Feldstecher unter die Lupe genommen. Er ist als Gutachter fürs Filderstädter Büro „Arbeitsgruppe für Tierökologie und Planung“ tätig und dokumentiert im Auftrag des Amts für Umweltschutz in Birkach, Botnang, Mühlhausen, Münster und Stammheim exemplarisch die Mehlschwalben-Vorkommen, zudem zählt er in Bad Cannstatt, Botnang, Mitte, Mühlhausen und Zuffenhausen Mauersegler. 2017 war die Rauchschwalbe dran.

Was ist daran schuld?

Die Beobachtungen sind für Johannes Mayer „erschreckend“. Der Bestand dieser Vogelarten nimmt seit Jahren stark ab. Laut einer Mitteilung des Naturschutzbundes (Nabu), der seit 1973 die Brutpaare ehrenamtlich erfasst, hat sich der Bestand der Mehlschwalbe in den vergangenen 40 Jahren etwa halbiert. In vier von ursprünglich 22 Stadtteilen ist sie ganz verschwunden, in anderen steht ihr Verschwinden kurz bevor. Auch die Anzahl an Brutpaaren der Rauchschwalbe habe abgenommen, sich aber seit den 2000ern auf niedrigem Niveau immerhin halten können.

Schuld ist das Insektensterben. Und der moderne Wohnungsbau macht den Tieren zu schaffen. Die Rauchschwalbe nistet vor allem in Ställen und Scheunen, die werden aber weniger. Mauersegler leben in Hohlräumen. Die finden sie etwa in den Altbauten im Westen zwar noch recht üppig, werden es in Zukunft aber wegen energetischer Sanierungen immer schwerer haben, Lücken in Dächern und Mauern zu finden, „denn das sind die Kältebrücken“, weiß Johannes Mayer. Mehlschwalben wiederum finden durch die Bodenversiegelung immer weniger Lehm, den sie zum Bauen ihrer Nester brauchen, erklärt Jutta Geismar vom Amt für Umweltschutz.

Die mutwillige Entfernung ist ein Strafbestand

Zum anderen fehlt es ihnen an geeigneten Standorten. Mehlschwalben brauchen hohe Häuser mit einem Dachüberstand, um drunter sesshaft zu werden. „An den Fassaden von Neubauten finden die Lehmnester oft keinen Halt, bestehende Nester fallen Sanierungen zum Opfer oder werden wegen Verschmutzung mutwillig zerstört“, teilt der Nabu mit. „Es werden sukzessive Arten wegsaniert“, moniert auch Johannes Mayer. Oft seien Architekten oder Bauherren schlichtweg unzureichend informiert, dass und wie sie Ersatz schaffen müssen, wenn Nester durch Neu- und Umbauten wegfallen. Jutta Geismar betont: „Die mutwillige Entfernung ist ein Straftatbestand.“

Johannes Mayers Aufgabe ist, bestehende und potenzielle Nistplätze zu finden. Hat er eine Fassade identifiziert, will die Stadt auf den Hausbesitzer zugehen und klären, ob und wie man ihn unterstützen kann – auch finanziell –, künstliche Nester anzubringen, erklärt Jutta Geismar. Zudem sollen Bauwillige bei Sanierungen sensibilisiert werden, damit Mensch und Tier langfristig gut zusammenleben können. Johannes Mayer mahnt: „Schwalben sind sehr standorttreu. Aber sind sie mal weg, kommen sie so schnell nicht wieder.“

Der Nabu berät montags und donnerstags von 9.30 bis 12.30 Uhr unter 0711/62 69 44. Die Stadt bittet zudem, Mauersegler-Nistplätze an mauersegler-stuttgart2017@geschuetzte-arten.de zu melden. Mehr auf www.nabu-stuttgart.de/mitmachen/schwalbenzählung/ oder www.artenschutz-am-haus.de.

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