Artenschutz in Stuttgart-Vaihingen Wie der Backenklee in den Dachswald kam

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Kurt-Heinz Lessig setzt sich für den Artenschutz ein. Im Dachswald hat er zwei besondere Biotope entdeckt.

Kurt-Heinz Lessig hat gemeinsam mit einem Kollegen im schwäbischen Albverein an den Gleisböschungen verschiedene  Arten  entdeckt und setzt sich für deren Schutz ein. Foto: Sandra Hintermayr
Kurt-Heinz Lessig hat gemeinsam mit einem Kollegen im schwäbischen Albverein an den Gleisböschungen verschiedene Arten entdeckt und setzt sich für deren Schutz ein. Foto: Sandra Hintermayr

Vaihingen - Zielsicher schiebt Kurt-Heinz Lessigtrockenes Laub und kleine Äste beiseite. Nach wenigen Sekunden hat er gefunden, was er gesucht hat: das gewundene Häuschen einer Weißen Turmschnecke. „Diese Schneckenart lebt im Trockenen und fühlt sich an den Hängen der Gäubahn wohl“, erklärt der 83-Jährige. Die Schnecke teilt sich ihren Lebensraum im Dachswald unter anderem mit Eidechsen, Schlingnattern und diversen Insekten. Besonders ist aber vor allem die Flora: In den beiden Biotopen unterhalb der Gäubahngleise wachsen der Krautige Backenklee, der Weidenblättrige Alant und die Bergkronwicke. Jetzt im Herbst sind die Blüten verdorrt, „aber im Frühjahr leuchtet der Hang gelb und weiß“, schwärmt Lessig und deutet auf die Flecken im Gras, an denen die schützenswerten Pflanzen wachsen.

„Der Standort ist sehr wertvoll. Vor allem für den Backenklee, eine unscheinbare, aber ganz besondere Pflanze. Es ist der einzige Ort in Stuttgart, an dem er zu finden ist“, sagt Lessig. In den 80ern sei es sogar deutschlandweit der einzig bekannte Standort gewesen. Erst in den 90er Jahren entdeckte ein anderer Naturschützer am Rande der Schwäbischen Alb zwei weitere Backenkleevorkommen. „Eigentlich handelt es sich um eine mediterrane Pflanze“, erklärt Lessig. Mit dem Zug sind die Samen wohl bis nach Stuttgart gekommen und haben an den nach Süden ausgerichteten Hängen im Dachswald ideale Voraussetzungen vorgefunden. „Die verschiedenen Arten leben hier in einer Pflanzengemeinschaft, die Bestände sind ausgewogen“, sagt der Naturschützer, der auf dem Fasanenhof lebt.

Der Albverein kümmerte sich um die Pflege

1981, erzählt Lessig, habe er gemeinsam mit einem Kollegen im schwäbischen Albverein begonnen, die Gleisböschungen zwischen Böblingen und Stuttgart abzusuchen. „Fast jede Ecke ist irgendwie genutzt. Wir haben uns überlegt, wo es noch Flächen gibt, an denen die Natur schalten und walten kann, wie sie will. So sind wir auf die Bahndämme gekommen“, sagt Lessig. „Und wir sind auf zahlreiche interessante Pflanzen und Tiere gestoßen.“ Neben dem Backenklee hätten sie unter anderem Orchideen und Schwertlilien ausgemacht.

In den 80ern allerdings hätten die Böschungen im Dachswald noch ganz anders ausgesehen. Viele Sträucher, Büsche und Bäume behinderten das Wachstum der schützenswerten Arten. Lessig und seine Mitstreiter im Albverein beantragten daher bei der Deutschen Bahn, sich um die Pflege der Böschungen kümmern zu dürfen. Seit Anfang der 90er Jahre dünnten die Albvereinsmitglieder die Hänge aus, mähten den Rasen und pflegten die seltenen Pflanzenvorkommen.

Naturschutz aus Leidenschaft

Ohne die regelmäßige Pflege, erklärt Kurt-Heinz Lessig, würden größere Pflanzen die schützenswerten schnell verdrängen. „Mit der Zeit würde hier ein Wäldchen entstehen. Wenn man diese seltenen Arten erhalten will, muss man auch etwas dafür tun.“ Bis 2003 haben sich die Albvereinsleute um die Hänge gekümmert. Lessig, der neben seiner Tätigkeit für den Schwäbischen Albverein Stuttgarter Gau auch lange Zeit Naturschutzwart in der Ortsgruppe Vaihingen-Rohr gewesen ist, hat die beiden Standorte im Dachswald der Stadt gemeldet. Seit 2004 pflegt das Garten-, Friedhofs- und Forstamt die Gäubahnböschungen. „Es gibt so viele Pflanzen, die nur an diesen beiden Standorten vorkommen. Deswegen sind sie so immens wichtig“, sagt der 83-Jährige.

Für den Ruheständler ist Naturschutz eine Leidenschaft. „Ich habe mich schon immer für die Natur interessiert. Im Kreis der Naturschutzwarte im Albverein gab es dann die Möglichkeit zum Austausch“, sagt Lessig und bekennt: „Wenn man einmal selbst etwas gefunden und bestimmt hat, ist man schon stolz.“ Die Anerkennung der anderen Mitglieder im Albverein sei Bestätigung und Motivation zugleich. „Da entwickelt sich eine richtige Gemeinschaft“, sagt Lessig. 1998 hat er für seinen Einsatz den Umweltpreis des Albvereins bekommen, noch heute schreibt und fotografiert er für die Zeitschrift des Vereins. „Man kommt gar nicht mehr davon los“, sagt der Fasanenhofer und lacht.

Gäubahnböschungen sind Teil des Artenschutzkonzepts

Die Stadt hat die Gäubahnböschungen im Dachswald in ihr Artenschutzkonzept aufgenommen. Für Kurt-Heinz Lessig ist das auch eine Art Bestätigung für seine und die Arbeit seiner Kollegen. „Das ist einer der ganz wichtigen Lebensräume in Stuttgart“, sagt er. Er befürworte das Konzept. „Es ist viel angedacht, was umgesetzt werden soll. Aber man darf sich nicht verzetteln“, mahnt Lessig. Wichtig sei es, nachhaltig dranzubleiben, „sonst kann man es gleich bleiben lassen“. Es gehe um die kontinuierliche Pflege. „Man muss einen langen Atem haben, wenn man in Sachen Naturschutz etwas erreichen will“, sagt Kurt-Heinz Lessig.

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