Artenschutz-Konflikt Athen will Wölfe verbannen
Nahe der griechischen Hauptstadt werden die Raubtiere immer öfter gesichtet. Ein Staatsanwalt hat nun angeordnet, die Rudel umzusiedeln. Experten sind dagegen.
Nahe der griechischen Hauptstadt werden die Raubtiere immer öfter gesichtet. Ein Staatsanwalt hat nun angeordnet, die Rudel umzusiedeln. Experten sind dagegen.
Der 1400 Meter hohe Berg Parnes am nördlichen Stadtrand von Athen ist ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Menschen der griechischen Metropole. Viele suchen die Natur, andere das Glück: 300 Meter unterhalb des Gipfels befindet sich Europas höchstgelegene Spielbank, das Regency Casino Mont Parnes. Aber nicht nur Wanderer und Zocker zieht der Berg an.
In den Wäldern werden immer häufiger Wölfe gesichtet. Spaziergänger sind verunsichert – obwohl Menschen nichts zu befürchten haben, die Tiere gehen ihnen aus dem Weg. Trotzdem hat jetzt die Athener Staatsanwaltschaft einen ungewöhnlichen Schritt getan: Sie wies die Forstverwaltung an, die Wölfe nach Nordgriechenland umzusiedeln. Die Behörde begründete den Beschluss mit dem Schutz des Rotwilds. Die Rehe und Hirsche in den Wäldern des Parnes gelten als gefährdet. Sie dürfen nicht gejagt werden. Aber die Wölfe dezimieren den Bestand. Wie in vielen europäischen Ländern, erlebt der Wolf auch in Griechenland ein Comeback. Die Tiere waren lange Zeit infolge menschlicher Verfolgung fast ausgerottet.
Nach einer Schätzung der Nichtregierungsorganisation Kallisto, die sich besonders dem Schutz von Bären und Wölfen verschrieben hat, leben in Griechenland etwa 250 Wölfe. Die meisten Rudel streifen durch die Wälder des Pindos-Gebirges in Mittelgriechenland. Der Bestand am Parnes wird auf bis zu 50 Tiere geschätzt.
Der Parnes ist seit der Antike ein von Mythen umwobener Berg. Pan, der Gott des Waldes und der Natur, ein Mischwesen mit dem Oberkörper eines Menschen und den Beinen eines Widders, soll hier seine Flöte gespielt und getanzt haben, lautet die Erzählung.
Die Anordnung der Athener Staatsanwaltschaft, die Wölfe umzusiedeln, stößt bei Tierschützern und Forstleuten auf Unverständnis. „Uns hat die Entscheidung völlig überrascht“, sagte Efstathios Stathopoulos, der Generalsekretär für das Forstwesen. Seine Behörde soll nun ein Konzept entwickeln, um die Anordnung umzusetzen. Aber das wirft praktische Probleme auf: Wie soll man die Wölfe in den Wäldern aufspüren? Das Gebiet, in dem sie leben, ist etwa 300 Quadratkilometer groß. Und wenn man sie findet, wie kann man sie einfangen? Ungeklärt ist auch, wohin genau die Tiere umgesiedelt werden sollen. Die Bevölkerung der betroffenen Region wäre sicher nicht begeistert.
Viele Fachleute halten die Anordnung der Staatsanwaltschaft für wirklichkeitsfremd. Die Entscheidung sei „sicher gut gemeint, aber unwissenschaftlich“, sagte der Ökologe Giorgos Kokkoris. Wölfe spielten eine wichtige Rolle für das ökologische Gleichgewicht, so der Wissenschaftler. Auch Giorgios Iliopoulos, Biologe und Wolfsexperte bei der NGO Kallisto, fürchtet negative Folgen, wenn man die Wölfe umsiedelt: Vor zehn Jahren habe es am Parnes eine Überpopulation an Rotwild gegeben. Darunter litt die Regeneration der Wälder, die in der Vergangenheit immer wieder von Brandkatastrophen heimgesucht wurden. „Die Wölfe haben geholfen, die ökologische Balance wiederherzustellen“, sagt Iliopoulos. Er hält die Entscheidung der Staatsanwaltschaft deshalb für falsch.
Selbst wenn es gelingen sollte, die Wölfe einzufangen und umzusiedeln, wäre die Maßnahme wohl nur von kurzer Dauer. Tierschützer erwarten, dass schon in wenigen Jahren neue Wolfsrudel in den Wäldern des Parnes auftauchen werden.