Artenschutz Noch erschallt der Ruf des Indri

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Auf Madagaskar werden Lemuren immer seltener. Schutzgebiete sollen ihnen ein sicheres Leben garantieren – was aber kein einfaches Unterfangen ist.

Hingebungsvoll markieren Indris mit lauten Gesängen  ihr Revier. Foto: Zintz
Hingebungsvoll markieren Indris mit lauten Gesängen ihr Revier. Foto: Zintz

Stuttgart - Er ist ein stattlicher Kerl, der Indri, der nur wenige Meter über der Beobachtergruppe auf einer Astgabel sitzt. Der Lemur wirkt mit seinen buschigen Ohren, den großen Augen und der unbehaarten Schnauze, die ein bisschen an ein Hundegesicht erinnert, richtig sympathisch. Plötzlich geht ein Spektakel los, das manch einem Zuhörer wahre Schauer über den Rücken jagt: Da ist er, der berühmte Ruf des Indri, ein melodischer und manchmal leicht traurig wirkender Gesang. Im Zusammenwirken mit den anderen Mitgliedern der bis zu fünfköpfigen Gruppe wird daraus ein beeindruckender Reviergesang, der sicherlich zwei Kilometer weit zu hören ist. Biologisch dient er dazu, fremden Artgenossen laut und deutlich zu signalisieren: „Hier leben wir, wagt es nicht, uns zu stören!“

Hier können Sie sich den Ruf des Indri anhören:

Ausgewachsene Indris werden bis zu 90 Zentimeter lang und knapp zehn Kilogramm schwer. Damit sind sie die größten aller Lemuren, jener früher als Halbaffen und heute als Feuchtnasenaffen bezeichneten Primatengruppe (siehe Infokasten). Weil die Madagassen glaubten, dass in den Indris die Seelen Verstorbener weiterleben, hatten die Tiere das Glück, nicht gejagt zu werden. Das aber ändert nichts daran, dass diese Art von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als vom Aussterben bedroht eingestuft wurde.

Lebensräume werden vernichtet

In diesen Tagen wird auf der Weltartenschutzkonferenz in Südafrika heftig darüber debattiert, wie man wegen der zunehmenden Wilderei so stark bedrohte Arten wie Elefanten und Nashörner künftig besser schützen kann. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass der Mensch auch ohne Jagd viele Arten an den Rand des Aussterbens drängt. Dazu zählt auch der Indri – und viele andere in Madagaskar heimische Tierarten wie beispielsweise Chamäleons.

Auch auf Madagaskar wird die Vernichtung ursprünglicher Lebensräume für immer mehr Tierarten zum Problem. Menschen holzen Wälder ab und zünden regelmäßig Weideland an, damit junges Gras sprießt, das die heimischen Rinder, die Zebus, so gerne mögen. Immerhin wurden in den vergangenen Jahren nationale Schutzräume eingerichtet, die das Überleben bedrohter Arten sichern sollen. Wie wichtig diese Nationalparks sind, zeigt schon die Tatsache, dass mehrere dieser einmaligen Gebiete von der Unesco zu Welterbestätten erklärt wurden. Dazu zählt der Ranomafana-Nationalpark, der vor allem wegen einer Art eingerichtet wurde, die erst 1986 entdeckt wurde: der Goldene Bambuslemur.

Der Indri pflanzt sich in Gefangenschaft nicht fort

In diesen Refugien, so hoffen die Artenschützer, könnten die hochgradig bedrohten Lemurenarten eine gute Überlebensbasis haben. Gerade für den Indri sind solche Schutzgebiete unabdingbar, weil es bisher noch niemandem gelungen ist, diese Art in Gefangenschaft zur Fortpflanzung zu bewegen. Allerdings werden selbst gut geschützte Nationalparks immer von Feuern bedroht, die unkontrolliert vor sich hin brennen und sich durch die Wälder fressen.

Hinzu kommt, dass die madagassischen Nationalparks – wie in anderen Ländern auch – eine nur vergleichsweise kleine Fläche bedecken. Artenschutz ist aber auch auf „normalen“ Flächen unerlässlich, die forstlich oder landwirtschaftlich genutzt werden. Da aber wird es auch in Madagaskar schwierig, weil manche Lemuren als Konkurrenten nicht gerne gesehen werden – Kattas zum Beispiel. Diese mittelgroßen Tiere mit dem typischen schwarz-weiß geringelten Schwanz tun sich gerne an Blättern, Blüten und Früchten von Bäumen gütlich, verschmähen aber auch Feldfrüchte wie etwa Salat oder Bohnen nicht.

Ein privates Schutzgebiet für Kattas

Auch im heutigen Anja-Park in der Nähe des Städtchens Ambalavao im südlichen Madagaskar ging es den Kattas durch Bejagung und den Verlust der angestammten bewaldeten Lebensräume immer schlechter. Ende der 1990er Jahre hätten hier nur noch 120 Kattas gelebt, berichtet Adrien Razafimandimby, der 1998 ein bemerkenswertes Projekt ins Leben rief: Er überzeugte die Menschen in der Gegend, dass man mit den putzigen Tieren Geld verdienen könne, wenn man ein Schutzgebiet einrichtet, das von Touristen besucht wird.

Das Konzept ging ganz offensichtlich auf: „Die Anwohner machen bei dem Schutzprojekt mit“, berichtet der Biologe und Touristenführer nicht ohne Stolz. Das zahlt sich aus: „Heute haben wir hier rund 850 Kattas – die Jungtiere aus diesem Jahr noch nicht einmal eingerechnet“. Vom Staat gibt es kein Geld – im Gegenteil: „Wir müssen von den Einnahmen die Hälfte als Steuern abgeben“, sagt Razafimandimby. Gleichwohl scheint sich der Park für die Anwohner zu lohnen – auch wenn sie ihre Felder am Rande der Trockenwälder bewachen müssen, damit sie nicht von den Kattas abgeerntet werden. Auch für die Besucher ist das „Eintrittsgeld“ in das 1600 Hektar große private Schutzgebiet gut angelegt: Sie können am Alltagsleben mehrerer Katta­gruppen teilhaben. Die Tiere werden nicht gefüttert und lassen sich weder von Einheimischen noch von Touristen stören, wohl aber von Hunden: Die gelten als Feinde und werden dementsprechend mit lautem und anhaltendem Gezeter bedacht.

Das Fingertier als Attraktion

Während in den Nationalparks sowie im Anja-Park bereits an diesen Stellen heimische Lemuren im Zuge staatlicher und privater Initiativen geschützt werden, gehen die Organisatoren eines weiteren Parks im Südosten Madagaskars einen anderen Weg: Sie haben auf einer Insel ein privates Schutzgebiet für das Fingertier – auch Aye-Aye genant – eingerichtet, eine weitere, inzwischen ebenfalls bedrohte Lemurenart. In den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten dürfte ihr Bestand auf die Hälfte geschrumpft sein.

Die Tiere sind, wie die meisten Lemuren, nachtaktiv und schwer zu beobachten. Andererseits haben sie mit ihrem dritten, ungewöhnlich langen und dünnen Finger ein einmaliges Werkzeug, mit dem sie gezielt nach Nahrung suchen – nicht nur für Tierfreunde ein beeindruckendes Spektakel. So wundert es auch nicht, dass immer mehr Touristen dieses Schutzgebiet besuchen, zumal es praktisch sicher ist, die Tiere zu Gesicht zu bekommen: Sobald es dunkel geworden ist, finden sie sich an den angelegten Futterplätzen ein, weil dort leckere Kokosnüsse aufgehängt wurden.

Das Konzept erinnert zwar eher an einen Safaripark und wird von manchen Artenschützern wohl auch nicht gerne gesehen. Nicht umsonst gilt inzwischen auch in madagassischen Nationalparks die Devise, dass die dort lebenden Tiere nicht gefüttert werden dürfen. Doch andererseits weckt bei vielen Menschen die Beobachtung seltener und bedrohter Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum das Interesse an deren Schutz – und das ist ein nicht zu unterschätzendes Argument im Kampf gegen den weltweiten Artenschwund.