Während sich im kolumbianischen Cali noch bis zum 1. November Vertreter aus aller Welt zur UN-Biodiversitätskonferenz treffen, gab es in der Wilhelma Gelegenheit, sich über ein besonderes Engagement für den Artenschutz zu informieren: Die indische Zoologin und Wildtierbiologin Purmina Devi Barman berichtete über ihren Einsatz für den Storchenvogel mit dem exotischen Namen Argala-Marabu, auf Englisch Hargila. Er lebt im indischen Assam, ist einer der größten Störche der Welt und vom Aussterben bedroht. In der Natur ist er als Aasfresser wichtig, weil er die Ausbreitung von Krankheiten verhindert. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, reißt Barman die Zuhörer mit ihrer freundlichen, unaufgeregten, aber engagierten Art mit. Der Zoologin ist ihre Begeisterung anzumerken, sie hat bereits mehrere Preise der Vereinten Nationen für ihren Einsatz für den Artenschutz erhalten.
Barman hofft, dass bei der UN-Konferenz in Kolumbien die Menschen gemeinsam Lösungen finden, damit der Artenschutz umgesetzt werden kann. Sie hat 2007 im nordindischen Assam die Naturschutzinitiative namens Hargila Army gegründet. Zu ihr gehören nur Frauen, die sich für den Schutz der bedrohten Storchenvogelart engagieren. Mittlerweile zählt die Hargial Army mehr als 10 000 Frauen.
Die Storchenküken fielen aus dem Nest und starben
Der Anfang war alles andere als einfach, wie sie berichtet. 2007, sie war gerade Mutter von zwei Zwillingsmädchen geworden und strebte eine wissenschaftliche Laufbahn an, bekam sie den Anruf, dass im Ort ein Baum gefällt wird, auf dem Hargilas nisteten. Sie habe zusehen müssen, wie der Baum umgesägt wurde, Küken aus dem Nest fielen und starben. „Ein traumatisches Erlebnis“, wie sie sagt. Sie stellte den Mann zu Rede und sei daraufhin von vielen Männern des Dorfes umringt, bedroht, beschimpft und ausgelacht worden, weil sie sich mit so einem schlechten Vogel abgebe. Der Hargila galt als Unglücksvogel und war verpönt.
Doch Barman ließ sich nicht einschüchtern und nahm sich vor, „die Wahrnehmung des Vogels zu ändern, von dem nur noch ein Prozent der globalen Population vorhanden war.“ Sie wandte sich an die Frauen des Dorfes und begann, diese zusammenzutrommeln. Um sie hinter dem Herd hervorzuholen, organisierte sie einen Kochwettbewerb. „Das war ein voller Erfolg“, sagt sie strahlend. Dann brachte sie den Frauen den Vogel und dessen Schicksal näher und vermittelte ihnen die Bedeutung für den Schutz ihrer Nester. Wie bei der Geburt von Menschen werden nun die Vogel-Geburten gefeiert und es entstanden Zeremonien, wenn die Küken geschlüpft sind.
Kalender, Kleidung und eigene Kultur geschaffen
Ein Hargila-Kalender mit den Entwicklungsstufen des Storches in Bildern führt nun die Menschen durch das Jahr und zeigt, dass im Oktober die Eier gelegt werden und im November die Küken schlüpfen. Barman schuf eine Frauenbewegung für den Vogel und band ihn in die eigene Kultur mit ein mit Musik, Tänzen und Liedern. Auch wirtschaftlich schuf sie für die Frauen neue Möglichkeiten: Mitglieder der Hargila Army bekommen Webstühle. Es gibt Workshops, um weben zu lernen, die auch die Wilhelma mitfinanziert. Die Frauen weben Motive der Hargilas in die rot-weißen Gamosa-Schals, in die traditionellen Saris und andere Kleidungsstücke, die mittlerweile auch über das Internet und in Geschäften verkauft werden. Die Gamosas besitzt inzwischen jeder Haushalt. „Es ist ein heiliges Tuch und wird auch beim Beten benutzt“, erzählt Barman.
Wilhelma unterstützt das Projekt seit 2019
Auch das Naturkundemuseum in London zeigt diese indische Kleidung. Die Naturschützerinnen nennen sich Storchenschwestern und schicken sich per Handy Fotos von ihren Aktionen: Barman erhält laufend Informationen über Baby-Partys, Demonstrationen, vom Schlüpfen der Vögel und von Putzaktionen. „Sie ist sehr vernetzt“, sagt Stefanie Reska, die Leiterin der Stabsstelle Artenschutz und Umweltbildung der Wilhelma. Die Wilhelma unterstützt die Hargila Army seit 2019, bisher mit insgesamt 77 000 Euro.
Reska hat Barman kürzlich nach Leipzig zum EAZA-Kongress (European Association of Zoos and Aquaria) begleitet, wo Barman ebenfalls von ihrer Arbeit berichtete. Längst ist aus der Initiative in Assam eine Bewegung geworden. „Die Zukunft liegt in den einzelnen Familien“, sagt Barman. Sie hofft, dass sich die Bewegung auf weitere Storcharten ausdehnt und dass dieses Modell auf andere Länder übertragen wird.
Internationale Würdigungen und Preise
Längst ist Purmina Devi Barmans Wirken international bekannt. 2018 erhielt sie vom indischen Präsidenten die höchste Ehrung. In London erhielt sie Anfang Mai den Whitley Gold Award vom Whitley Fund for Nature aus den Händen von Prinzessin Anne. 2016 wurde sie mit dem UNDP Biodiversity Award der Vereinten Nationen ausgezeichnet. Den „Grünen Oscar“, den United Nations Champion of the earth, die höchste Unternehmer-Auszeichnung der UN, bekam sie 2022. Das alles ermutigt die 1980 in Assam geborene Zoologin. Und ihr Engagement trägt Früchte: 2007 lebten nur 450 Hargilas in ihrer Heimat. Jetzt sind 1800. Weltweit gibt es 3000 Tiere.
Was sie an den Marabus so fasziniert? „Es sind ihre intensiven blauen Augen. Sie geben mir Hoffnung, wenn sie ihre großen Flügel weit ausbreiten.“ Barman will ihre Mission auf Kambodscha ausdehnen. „Ich will den Menschen Hoffnung geben. Wir können die Diversität retten, gemeinsam.“ Längst ist der Hargila ein Glücksvogel geworden – und das nicht nur für sie und die Storchenschwestern.