Artgerechte Tierhaltung Wie Aldi mehr Tierwohl erreichen will

Ralf Klenk mit seinen Kühen. Weil sie in einem Stall der Haltungsform 3 leben, erhält der Landwirt einen Zuschlag auf den Milchpreis. Foto: Werner Ludwig

Aldi Süd sieht sich als Pionier in Sachen artgerechte Tierhaltung – und bekommt Lob von Nichtregierungsorganisationen. Es gibt aber auch kritische Stimmen.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Als Aldi Süd vor gut drei Jahren seinen „Haltungswechsel“ angekündigt hat, reagierten nicht wenige mit ungläubigem Staunen. Ein Discounter, der vor allem für billige Lebensmittel steht, will sich für artgerechte Tierhaltung einsetzen? „Auch wir waren etwas überrascht“, erinnert sich Ralf Klenk. Dem Landwirt aus Murrhardt und seiner Frau Claudia war zwar die wachsende Bedeutung des Themas Tierwohl bewusst. Dass jedoch ausgerechnet Aldi vorpreschen würde, hatten die Klenks nicht erwartet.

 

Im Sommer 2021 hatte der Discounter das Ziel ausgegeben, von 2030 an nur noch Frischfleisch, Wurstwaren und Trinkmilch aus den Haltungsformen 3 und 4 anzubieten. Dazu müssen Tiere unter anderem mehr Platz im Stall haben, als gesetzliche Mindeststandards vorschreiben. Hinzu kommen je nach Haltungsform weitere Vorgaben – etwa Beschäftigungsmaterial im Stall, an dem die Tiere ihren Spieltrieb ausleben können.

Aldi sieht sich bei der Umstellung auf Kurs

Der Konzern kommt mit der Umstellung nach eigenen Angaben gut voran. „Unsere Ziele zu höheren Haltungsformen bis 2030 haben wir bei Trinkmilch, Putenfrischfleisch und Rindfleisch bereits vor einigen Monaten erreicht“, sagt Julia Adou, die bei Aldi Süd für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Bei Schweinefleisch liege der Anteil der Stufen 3 und 4 aktuell bei rund 50 Prozent, bei Wurstwaren bei knapp einem Viertel.

Ein kleiner Teil der Milch, die Aldi Süd verkauft, kommt aus Ralf Klenks Betrieb. In seinem hellen Laufstall, der die Kriterien der Haltungsform 3 erfüllt, können sich die 150 Milchkühe frei bewegen. Pro Tier gibt es eine Liegebox, die mit gehäckseltem Stroh eingestreut wird. „Jede Kuh kann sich hinlegen, wo sie will“, sagt Klenk. Einige hätten aber ihre Stammplätze. Die Seiten des Stalls sind teils offen, sodass die Tiere Kontakt zum Außenklima haben. Wenn es sehr kalt ist, kann Klenk an den Seiten Planen herunterlassen. Der Luftaustausch funktioniert gut, es riecht nur dezent nach Kuhdung und Silage. Neugierig schauen einige Stallbewohnerinnen herüber. Das Futter mischt Klenk selbst. Es besteht vor allem aus Maissilage, Grassilage, Rapsschrot und Getreide.

Für einen Liter Milch aus Haltungsform 3 zahlt die Molkerei drei Cent mehr als für Milch von Tieren, die nach dem gesetzlichen Mindeststandard gehalten werden. Klenk findet, dass er mit diesem Aufschlag leben kann. Insgesamt laufe es auf dem Milchmarkt derzeit gut, die Preise tendierten nach oben. Doch auch die Kosten seien deutlich gestiegen – etwa für Energie.

Klenk ist auch Aufsichtsratschef der genossenschaftlichen Hohenloher Molkerei, an die gut 800 Betriebe ihre Milch liefern und für die Aldi ein wichtiger Abnehmer ist. „80 Prozent unserer Lieferanten sind mittlerweile in Haltungsform 3 eingestuft“, sagt er. Aus Sicht der Bauern bleibe aber eine gewisse Unsicherheit. Er und seine Berufskollegen fragten sich manchmal, ob sich der Aufwand auch langfristig rechnet und ob Kunden dauerhaft mehr für Produkte aus höheren Haltungsformen bezahlen, so Klenk. Zudem könnten die Anforderungen weiter verschärft werden. Für Unmut sorgt auch die Umstellung der vierstufigen Haltungsform-Kennzeichnung auf fünf Stufen nach dem Vorbild des staatlichen Tierhaltungskennzeichens, das ab August 2025 verpflichtend sein soll – zunächst nur für Schweinefleisch.

Lob von Greenpeace und der Albert-Schweitzer-Stiftung

Nichtregierungsorganisationen bewerten die Initiative von Aldi positiv. In den Tierwohl-Rankings von Greenpeace und der Tierschutzorganisation Albert Schweitzer Stiftung landete der Discounter auf Platz eins. Die Tierschützer stützen sich primär auf Selbstauskünfte der Unternehmen und die Ziele, die diese selbst formuliert haben. Zu Umsatzanteilen oder Preisen, die für Produkte aus höheren Haltungsstufen gezahlt werden, habe man keine Informationen, heißt es bei der Albert-Schweitzer-Stiftung.

Die Tierschützer machen zugleich deutlich, dass es in Sachen artgerechte Tierhaltung noch viel zu tun gebe. „Es besteht durchaus die Gefahr, dass Labels eingesetzt werden, um ein besseres Bild der Tierhaltung zu zeichnen, als es der Realität entspricht“, sagt Anna Stief, die bei der Albert-Schweitzer-Stiftung für Rankings und Kampagnen zuständig ist. Trotzdem sei die Tierwohl-Kennzeichnung ein wichtiger Schritt, damit Verbraucher „schlechte Tierhaltung erkennen und im besten Fall meiden können“. Bei verarbeitetem Fleisch und in der Gastronomie gebe es jedoch Kennzeichnungslücken.

Hans-Benno Wichert sieht die Aldi-Kampagne kritischer. Neben dem harten Preiskampf gebe es nun auch noch einen Wettbewerb um die weitreichendsten Tierwohl-Versprechen, sagt der Vizepräsident des Bauernverbandes in Baden-Württemberg. „Aldi suggeriert, dass sich mehr Tierwohl ohne wesentliche Preisaufschläge erreichen lässt“, meint Wichert, der auf seinem Betrieb Ferkel und Mastschweine produziert. Aldi-Managerin Adou widerspricht: Es sei klar, dass es Tierwohl-Ware nicht zum Preis konventioneller Ware geben könne. Auf der anderen Seite wirbt der Discounter auch bei Fleisch, Wurst oder Milchprodukten weiterhin mit „Tiefpreis-Highlights“.

Hohe Investitionen notwendig

Gerade bei Schweinefleisch sieht Wichert ein weiteres Problem: „In weniger als zehn Prozent unserer Ställe haben die Tiere den in Stufe 3 und 4 vorgeschriebenen Außenklimakontakt“. Zur Erreichung der höheren Haltungsformen seien hohe Investitionen erforderlich. Zudem sei die Genehmigung solcher Ställe angesichts immer strengerer Emissionsregeln schwierig. Aldi könnte daher Probleme bekommen, genügend Fleisch aus heimischer Produktion zu beschaffen, schätzt Wichert. Er sagt aber auch: „Wenn Aldi diesen Weg gehen will, werden wir uns dem nicht verschließen“. Aber dafür bräuchten die Betriebe Verlässlichkeit und Planungssicherheit – etwa durch langfristige Lieferverträge mit auskömmlichen Preisen. Und da gebe es noch viel Luft nach oben.

Haltungsformen im Überblick

Kennzeichnung
 Das Haltungsform-Label wurde vom Handel in Eigenregie eingeführt. Stufe 1 entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, in Stufe 2 bekommen Tiere etwas mehr Platz, in Stufe 3 noch mehr Platz und Kontakt zum Außenklima. Stufe 4 bietet den meisten Platz und Auslauf im Freien. Hier findet sich sowohl Bioware als auch Fleisch von konventionellen Betrieben.

Umstellung
 Teilweise findet man bereits Produkte mit dem neuen 5-stufigen Haltungsform-Label, das das vierstufige bis Mitte 2025 ablösen soll. Die Anforderungen der Stufen 1 bis 4 bleiben im Wesentlichen gleich, Stufe 5 gibt es künftig nur noch für Bioprodukte. Hintergrund ist die Einführung eines staatlichen Labels mit fünf Stufen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Greenpeace Video