Artistenfamilie Traber Wenn fast jeder Tag ein Drahtseilakt ist
Eine Zufallsbegegnung führt Johann Traber zurück nach Stuttgart, wo der Chef der legendären Artistenfamilie geboren wurde und ein ganz besonderer Auftritt stattfand.
Eine Zufallsbegegnung führt Johann Traber zurück nach Stuttgart, wo der Chef der legendären Artistenfamilie geboren wurde und ein ganz besonderer Auftritt stattfand.
Stuttgart - Täter zieht es bekanntlich an den Ort des Verbrechens zurück. Bei Hochseilartisten stellt sich das mit der Rückkehr an einen entscheidenden Ort etwas anders dar. Wenn sie sehen, was sie dort gemacht haben, können bei ihnen Bedenken aufkommen, was die eigene geistige Verfassung betrifft. „Ich muss ja verrückt gewesen sein“, sagt Johann Traber, wie er da vor dem Fernsehturm steht und nach oben schaut. „Ich bekomme gerade ein mulmiges Gefühl.“ Von alleine wäre der Chef der legendären Traber-Familie bestimmt nicht auf die Idee gekommen, noch einmal den Punkt zu besuchen, wo er 2004 am Himmelfahrtstag zu einem Himmelfahrtskommando startete. Auf gespannten Drahtseilen ist er mit einem Smart Cabrio bis kurz unter den Korb gefahren. Ungesichert hat Johann Traber oben einen Handstand gemacht. „Obwohl der Wagen immer wieder hin und her gerollt ist, ich darf gar nicht dran denken“, erzählt er dem Mann, der ihn zum Fernsehturm gelockt hat – Tom Philippi.
Der Stuttgarter Künstler hatte diesen Treffpunkt ausgewählt, weil er Johann Traber immer mit dem Fernsehturm in Verbindung bringt, seitdem er erstmals die Fotos und Filmaufnahmen von der unglaublichen Fahrt auf das Stuttgarter Wahrzeichen gesehen hat. Deshalb kommt es dort zur Übergabe des Porträts, das Philippi von Johann Traber gemalt hat.
Die Entstehungsgeschichte des Bildes basiert auf purem Zufall. Mit seinem Oldtimer ist Tom Philippi im Sommer im Kaiserstuhl unterwegs. Pause macht er an einem bewirteten Kiosk nahe Breisach. Dort steht ein Mann, der den Künstler auf sein Auto anspricht und sich selbst schnell als stolzer Besitzer eines bald hundert Jahre alten Mercedes-Oldtimers zu erkennen gibt. Etwas länger dauert es, bis Tom Philippi begreift, wer dieser lustige, charmante und mitteilsame Herr ist, der ihn dann auch noch überredet, sein Grundstück nebenan anzuschauen.
Die Trabers, eines der bekanntesten deutschen Familienunternehmen, seit 1799 spezialisiert auf artistischen Nervenkitzel, hat es sich in Südbaden schön eingerichtet. Das Haus des Familienoberhaupts und seiner Frau Mitzi, mit der Johann Traber „ihrer Höhenangst zum Trotz eine wunderbare Ehe“ führt, wie er sagt, bildet das Zentrum der Siedlung. Rundherum haben sich die Kinder, die natürlich auch allesamt Hochseilartisten sind, ihre Eigenheime gebaut. Vervollständigt wird das Idyll von dem Familienmuseum, einem Pool samt Palmen und einer Kapelle, die den stillen Hinweis gibt, dass auch der Glauben an Gott die Trabers miteinander verbindet. Auf dem Hochseil fühlt man sich dem Himmel etwas näher.
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Hamburg, Mai 2006. Bei Schmuddelwetter mit Sturmwarnung wird die Neugestaltung des Jungfernstiegs gefeiert. Die Trabers sind bei der Wiederöffnung die Stargäste. Ein letzter Auftritt noch. Am Mast, an dem die Seile gespannt sind, zeigt Trabers Sohn Johann junior seine akrobatischen Übungen. In 52 Meter Höhe schwingt er vor und zurück. Wie immer. Bis plötzlich der Mast bricht. Ein Teil war durchgerostet. „Weil mir Kontrolle über alles geht, fühlte ich mich schuldig“, sagt der Senior, der die Konstruktion in kurzen Abständen auf innere Mängel durchleuchten lässt. Johann Traber junior schlägt voll mit dem Kopf gegen die Metallstreben. Ein Sicherheitsgurt lässt ihn nicht ganz abstürzen. Die Notfallretter sagen, dass er diesen Unfall nicht überleben wird. Traber junior kommt ins Krankenhaus St. Georg. „Dort hat mir eine tschechische Ärztin gesagt, dass ich für meinen Sohn beten soll“, sagt Traber senior und muss schmunzeln: „Sie sah aus wie Popeyes Freundin Olivia.“ Dann muss er sich eine Träne aus dem Auge wischen. „Ich habe die ganze Nacht gebetet: Gott, du darfst meinen Jungen nicht sterben lassen.“ Damals habe er sich geschworen, eine Kapelle zu bauen, wenn sein Sohn überlebt. So kam es. Johann Traber junior hat sich ins Leben zurückgekämpft, betreibt den Familienkiosk, gleich neben der Kapelle, die nach dem heiligen Georg benannt ist. St. Georg hieß das Krankenhaus, in dem er gerettet wurde.
Zurück nach Stuttgart. Hier wurde Johann Traber 1953 geboren, im Marienhospital. Die Familie war damals gerade in der Stadt. Seine Brüder kamen in Kroatien und Frankreich zur Welt. „Aber ich bin Schwabe“, sagt er und kommt jetzt richtig ins Erzählen. Johann Traber berichtet von seinen Aktionen, die ihn ins Guinnessbuch der Rekorde brachten. Auf dem Drahtseil per Motorrad über die Zugspitze ging es oder über den Rhein beim Loreley-Felsen. Dann die Dreharbeiten in Paris, wo die Zirkusszenen zum James-Bond-Film „Moonraker“ entstanden sind. Immer weiter, immer höher, immer schneller geht es in der atemberaubenden Lebensgeschichte. Und die ist noch lange nicht zu Ende. In der Adventszeit stehen wieder die Auftritte im Europa-Park auf dem Programm. Da fährt Familie Traber mit dem Schlitten über das Seil. Ein Traum wäre da aber noch. Den Bosporus will Johann Traber überqueren. Auf dem Seil von Europa nach Asien. Zum Abschied schaut er noch einmal hoch zum Fernsehturm und sagt: „Ehrlich, das würde ich nicht noch einmal machen.“