Ein Mann kommt in eine Stuttgarter Apotheke und fragt nach einem Fieber- und Schmerzsaft für seinen siebenjährigen Sohn. „Ja, nehmen Sie den unbedingt mit, schon bald wird der überhaupt nicht mehr zu bekommen sein – schon jetzt ist es sehr schwierig“, sagt der Apotheker, „ich habe all meinen Freunden gesagt, sie sollen sich eindecken für den Herbst.“
Auch Christoph Gulde, Inhaber der Solitude-Apotheke in Weilimdorf sowie Vorsitzender der Region Stuttgart beim Landesapothekenverband, rät dazu, sich „Gedanken über eine gut bestückte Hausapotheke zu machen, besonders in Hinblick auf den Herbst“. Er und seine Kollegen und Kolleginnen, so sagt er, stellten fest, dass sie im Notdienst immer mehr Allerweltsmedikamente verkauften – und eben auch Fiebersaft. Doch ebenjener ist derzeit aufgrund eines Lieferengpasses deutschlandweit nicht zu bekommen: „Ja, derzeit fehlen Fiebersäfte für Kinder: sowohl Paracetamol- als auch Ibuprofensaft“, so Gulde.
Es fehlen bei Weitem nicht nur Fiebersäfte
Was also tun? Das fragen ihn derzeit viele verzweifelte Eltern. Er rät ihnen, bei verschiedenen Apotheken nachzufragen, ob diese noch etwas dahaben. Denn immer wieder habe man als Apotheker Glück und erwische noch irgendwo ein paar Flaschen – auch er selbst habe vor Kurzem noch zehn Ibuprofensäfte ergattern können. Allerdings koste ihn das viel Zeit: „Wir sitzen sehr oft und lange da und gucken, ob wir etwas erwischen können“, sagt Gulde. Das bestätigt eine Studie des Zusammenschlusses der Apotheker in der Europäischen Union (ZAEU) zum Thema Lieferengpässe im Jahr 2020. Diese zeigt, wie zeitaufwendig die Bearbeitung von Lieferengpässen in der Apotheke ist. Für die Apotheken stehen Umsatzverluste und ein erhöhter Zeitaufwand auf der Negativliste. „Die Zeit, die das Apothekenpersonal für den Umgang mit Medikamentenmangel aufwenden muss, beträgt 6,3 Stunden pro Woche im Durchschnitt“, heißt es in der Studie.
Denn es fehlen bei Weitem nicht nur Fiebersäfte. Auch eine Alternative zu den Fiebersäften, die Gulde Eltern sonst empfiehlt, ist inzwischen vom Lieferengpass betroffen, wenn auch nicht im selben Ausmaß: Fieberzäpfchen. „Da sieht es auch nicht mehr so wirklich gut aus. Von einzelnen Firmen sind bestimmte Stärken nicht lieferbar: Von 16 insgesamt bekommen ich derzeit sieben nicht“, sagt Gulde. Der Apotheker wirft einen Blick auf die Liste, die ihm zeigt, welche Medikamente derzeit nicht lieferbar sind. Es sind 208 Lagerartikel, darunter Antibiotika, Aspirin, Blutdrucksenker, Cholesterinmittel, Betablocker, Ibuprofentabletten oder Oralpädon bei Durchfall. „Rund 50 fehlende Artikel waren lange Zeit der normale Wert, dann waren es zeitweise 100, derzeit sind 200 bis 400 möglich“, sagt Gulde. „Das Fehlen von Standardarzneimitteln ist krass.“
„Das Fehlen von Standardarzneimitteln ist krass“
Der Grund dafür liege darin, dass in Deutschland Arzneimittel möglichst billig sein sollen. „Das begann damit, dass 2007 die Rabattverträge eingeführt wurden.“ In einem Rabattvertrag gewährt ein Pharmahersteller einer Krankenkasse einen Rabatt auf den Herstellerabgabepreis für ein Medikament oder auch ein ganzes Sortiment. Im Gegenzug sichert die Krankenkasse zu, dass alle ihre Versicherten im Normalfall künftig nur dieses Präparat erhalten. „In der Folge sind die Preise für Arzneimittel immer mehr in den Keller gedrückt worden, immer mehr Firmen sind ausgestiegen“, so Gulde.
Gutachten: kein Zusammenhang zwischen Engpässen und Rabattverträgen
Darüber, ob diese These stimmt, gibt es immer wieder Diskussionen zwischen Apothekern und den Krankenkassen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat deshalb im Jahr 2020 ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Experten des Instituts der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) kamen zu zwei zentralen Erkenntnissen: Zum einen nähmen Lieferengpässe weltweit zu – ganz unabhängig von der jeweiligen Ausgestaltung der nationalen Gesundheitssysteme. Zum anderen lasse sich kein Zusammenhang zwischen Lieferengpässen und den Rabattverträgen ableiten. Im Gegenteil: Bei den untersuchten EU-Staaten sei es bei Arzneimitteln aus einem Rabattvertrag seltener zu Lieferengpässen gekommen als bei Arzneimitteln ohne einen solchen Vertrag. Gulde ist anderer Meinung. Er fordert, dass die Festbeträge, die die Krankenkasse zahlt, nachjustiert und der Realität angepasst werden, da die Rohstoffe und der Transport teurer geworden sind.
Dann könnten auch mehr Hersteller weiter existieren. Langfristig müsse man zudem die Abhängigkeit von Indien und China reduzieren: Der überwiegende Teil der Präparate, die in Deutschland verkauft werden, werden im Ausland produziert. Seien in China die Häfen zu oder liege ein Schiff im Suezkanal quer – so geschehen im vergangenen Jahr –, gäbe es in Deutschland einen Einbruch in der Arzneimittelversorgung.
Besonders schlimm sei es, wenn ein Mittel nur von einem Hersteller produziert wird. Ein Ibuprofen-Werk in Texas, so Gulde, produziere einen sehr großen Anteil des Bedarfs des Weltmarkts, da führe ein Ausfall – wie etwa im Jahr 2018 – zu enormen Engpässen. Kurzfristig helfe deshalb eben nur eine gute Hausapotheke, um über den Herbst und den Winter zu kommen.