Wer im Ausland Medikamente bestellt oder erwirbt, muss darauf gefasst sein, eine Fälschung zu kaufen, sagen Experten des Landes.

Stuttgart - Ein Problem ist es schon. Aber so dramatisch, wie die Opposition ihre Antragsbegründung formulierte, klingt der Bericht aus dem Sozialministerium denn doch nicht. Gefälschte Arzneimittel würden in „Besorgnis erregendem Ausmaß“ in den regulären Verkauf über Großhändler und Apotheken eingespeist, schreiben die sechs CDU-Abgeordneten. Sie haben den Anstoß dafür gegeben, dass Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) darlegt, wie sie „Bürger vor gefälschten Medikamenten schützen“ will. „Zunehmend auch Kunden regulärer Apotheken“ würden Opfer von Fälschern, so die Christdemokraten. Das könnte für die Patienten unabsehbare gesundheitliche Risiken haben, die solche Pillen einnehmen.

 

„In Deutschland sind Arzneimittelfälschungen in der legalen Verteilerkette glücklicherweise ein sehr seltenes Ereignis“, heißt es in einer Information des Bundesgesundheitsministeriums. „Nur wenige Einzelfälle“ seien dazu bekannt geworden. In den meisten Industrieländern mit effektiven Kontrollen des Arzneimittelverkehrs träten gefälschte Medikamente äußerst selten auf, sagen die Fachleute von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP). Die Weltgesundheitsorganisation „schätzt den Anteil hier auf deutlich weniger als ein Prozent des Arzneimittelvolumens“.

Verfahren gegen 73 Apotheker

Immerhin: Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat seit 2007 einen „umfangreichen Ermittlungskomplex“ bewältigt, bei dem es um die Einfuhr von Mitteln zur Krebstherapie gegangen war, „für die keine inländische arzneimittelrechtliche Zulassung bestand.“ So heißt es in dem Bericht von Sozialministerin Katrin Altpeter. Zwischen 2009 und 2011 seien in diesem Zusammenhang Anklagen erhoben worden. Ermittlungsverfahren gegen 73 beschuldigte Apotheker seien an die örtlichen Staatsanwaltschaften abgegeben worden. Ansonsten sei die Mehrzahl der Staatsanwaltschaften im Land allerdings mit Fälscher-Ermittlungen nicht befasst gewesen.

Anders verhält es sich mit dem Medikamentenbezug außerhalb des herkömmlichen Vertriebsweges, an dessen Ende die Apotheke steht. Da ist zum einen und vor allem das Internet. Dort ist das Risiko viel höher, Pillen angedreht zu bekommen, die den erforderlichen Wirkstoff gar nicht, in zu geringer oder zu hoher Dosierung enthalten. Dabei gehe es allerdings überwiegend um „Lifestyle“-Präparate, also alles, was schön, schlank und stark macht: Potenz-, Bräunungs- und Schlankheitsmittel. Solche Stoffe jedenfalls seien „nahezu ausschließlich“ Gegenstand von Verfahren gewesen. „Ungefähr ein Verfahren pro Jahr weist einen größeren Umfang auf,“ heißt es in dem Bericht aus dem Sozialressort.

Besonders riskant ist eine Bestellung im Internet von einem ausländischen oder womöglich gar nicht genau lokalisierbaren Anbieter. Auch dabei geht es vorrangig um Potenzhelfer und Kraftmacher. Allerdings, so die Experten, werden dort immer häufiger auch gesund machen sollende Substanzen angeboten: Krebsmedikamente, Mittel gegen die HIV-Infektion oder Präparate gegen Fettstoffwechselstörungen. Die Fälschungen kommen bevorzugt aus Südostasien, wo fast die Hälfte aller umlaufenden Medikamente gefälscht sein soll.

Was kann das Land gegen Fälscher tun?

Die Gesundheitsexperten empfehlen sogar Urlaubern, die von ihnen benötigten Medikamente in ausreichender Menge mitzunehmen, um vor Ort keinen Risiken ausgesetzt zu sein. Auch wer im Ausland Medikamente einkauft und ins Land bringt, gilt nicht als vertrauenswürdiger Anbieter. In der Bodybuilder- und Dopingszene seien solche Vertriebspraktiken aber häufiger anzutreffen.

Was kann das Land mehr tun, um seine Bürger vor Arzneimittelfälschungen zu schützen, als sie aufzufordern, nur bei vertrauenswürdigen Stellen einzukaufen? Darauf zielt der zweite Teil des Berichtsansinnens. Und da kann noch einiges passieren. Etwa bei den Ermittlern. Arzneimittelfälschungen fallen polizeilich unter die Umweltkriminalität – ein weites Feld. Beim Landeskriminalamt ist die Inspektion „Wirtschaftskriminalität/Kunst“ für derartige Delikte zuständig. In diesem Bereich seien derzeit „zwei Ermittlungsbeamte und ein Beamter in der Auswertung eingesetzt“, rapportiert die Sozialministerin.

Ehrgeizige Koalitionsvereinbarung

Dabei hat sich die Landesregierung „in der Koalitionsvereinbarung zum Ziel gesetzt, eine bundesweite Vorreiterrolle im Bereich der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption einzunehmen“, schreibt die Ministerin. Darum sei das Landeskriminalamt beauftragt worden, „Handlungsempfehlungen zu erarbeiten“ – auch für Arzneimittelkriminalität. Als ein Ansatzpunkt „wurde dabei eine weitere Qualifizierung der Sachbearbeiter/innen für Umweltkriminalität identifiziert“, schreibt Altpeter. Die Akademie der Polizei werde „noch in diesem Jahr“ drei neue Fortbildungen im Bereich schwerer Umweltkriminalität anbieten.

Ansonsten setzt man auf nationale oder internationale Maßnahmen. So strebt etwa die EU an, für Arzneimittelpackungen einen Sicherheitscode vorzuschreiben. Bei der Abgabe in der Apotheke sollen künftig die Packungen über einen Scanner laufen und auf Authentizität geprüft werden.