Es ist eine ruhige Nacht, eine eisige Nacht: Auf dem riesigen Bildschirm im Führungs- und Lagezentrum des Stuttgarter Polizeipräsidiums läuft das Bild der Überwachungskamera vom Schlossplatz. Einzelne Figuren gehen quer über den Platz, eilend, wohl um ins Warme zu kommen. Solche Nächte sind für die Polizei eigentlich unaufregend. Ganz so ruhig wird es nicht bleiben.
Denn in wenigen Stunden wird in der Nacht zum Sonntag, 15. Januar, ein Großeinsatz laufen. Fernab vom ruhigen Herz der Stadt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren – nicht erst an diesem Abend, schon Wochen davor, erklärt Kriminaldirektor Swen Eckloff, der Einsatzleiter in dieser Nacht. Das Ziel: Die Stuttgarter Kripo will in zwei Shisha-Bars, eine in Vaihingen, eine in Zuffenhausen. Sie gelten als Treffpunkte einer Klientel, die der Polizei seit einiger Zeit Sorgen bereitet. Vor beiden Shisha-Bars spielten sich schon dramatische Szenen ab. In Zuffenhausen wurde geschossen, in Vaihingen kam es zu einer Messerstecherei.
Eine neue Dimension der Ermittlungsarbeit
„In diesen Dimensionen über so einen großen Zeitraum hatten wir das noch nie“, sagt David Fritsch, der Sprecher des Landeskriminalamts (LKA), über die Auseinandersetzungen in der Region, die der Anlass für die beiden Razzien sind. „Wir haben eine abstrakt hohe Gefahrenlage“, sagt er. Denn: Es geht um zwei Gruppierungen, die sich seit bald zwei Jahren blutige Auseinandersetzungen liefern. Konflikte, bei denen auch Waffen eingesetzt werden. Spätestens seit einem Attentat auf eine Beerdigung in Altbach ist klar, dass die jungen Männer dabei auch Kollateralschäden in Kauf nehmen: Ein Angreifer warf eine Handgranate, Typ M 75, vermutlich aus Restbeständen des Kriegs in Ex-Jugoslawien, auf den Friedhof. Zehn Personen werden verletzt.
Es fällt der Polizei schwer zu vermitteln, um wen es geht. Von „multiethnischen Gruppierungen junger Männer“ ist die Rede. Zwar sind viele mit kurdischen Wurzeln dabei, aber anders als früher in der Gegend aktive Banden wie die Red Legion oder Black Jackets definieren sie sich nicht über ihre Herkunft, sind auch keine Nachfolger jener rockerähnlichen Gruppen. „Die Leute von damals sind noch da“, sagt Fritsch, „aber sie sind nicht die bestimmenden Kräfte.“ Es sind junge Männer, oft noch Jugendliche, viele von ihnen hier geboren und aufgewachsen. Und doch nicht ganz angekommen in der Gesellschaft. Sie haben sich für einen kriminellen Lebensstil entschieden. Haftstrafen schrecken sie nicht ab. Im Gegenteil: Nach Stammheim zu kommen ist eine Art Auszeichnung. All das beschreibt die Polizei, um zu vermitteln, mit dem sie es zu tun hat.
Einige Shisha-Bars in der Stadt und der Region gelten als beliebte Treffpunkte, deswegen werden zwei solcher Lokale aufgesucht, jeder einzelne Besucher wird durchsucht. „Wir müssen den Personenkreis identifizieren“, lautet eines der Ziele. Das erläutern die Sprecher vom LKA und von der Polizei, während sie warten, bis die Lokale sich füllen.
Die Einsatzkräfte legen besonders robuste Schutzausrüstung an
Wenige Hundert Meter weiter merkt man mehr davon, dass etwas Großes ansteht. Ruhig ist es hier auch. Es ist eine konzentrierte Ruhe. Im Hinterhof eines verwaist wirkenden Verwaltungsbaus an der Pragstraße, einem Dienstsitz der Stuttgarter Polizei, bereiten sich Einsatzkräfte vor. Es ist 21.30 Uhr. Sie zurren die Schutzausrüstung fest, helfen sich gegenseitig hinein. Die schwere Montur lässt ahnen, dass es ungemütlich werden könnte. Masken, Helme und ein Oberkörperschutz, ein sogenanntes Plattenträgersystem. Denn: Man weiß nicht, was man findet, wen man trifft, ob Waffen im Spiel sind und ob diese eingesetzt werden. Aber es wird noch dauern, stundenlang, bis es losgeht. „Die konkreten Einsatzdaten bekommen alle erst am Tag selbst“, sagt Swen Eckloff. Es herrscht höchste Geheimhaltung.
Die eine Gruppierung agiert auf der Achse Stuttgart–Zuffenhausen–Göppingen, die andere auf der Achse Ludwigsburg–Esslingen–Plochingen. In der Nacht will man Treffpunkte beider Gruppen hochnehmen: Die Bar in Vaihingen soll der Gruppe Ludwigsburg–Esslingen–Plochingen als Treffpunkt dienen. In beide Objekte will die Polizei gleichzeitig gehen. Denn auch wenn sie einander nicht grün sind, so spricht es sich doch über Tiktok und auf anderen Wegen in Windeseile herum, wenn die Polizei kommt.
Füllen sich die Bars? Wird der Einsatz am Ende abgeblasen?
Es wird 23 Uhr. Der Einsatzleiter gibt den Journalistinnen und Journalisten Bescheid, die den Einsatz begleiten dürfen: Es füllt sich in den Bars, aber noch ist nicht richtig viel los. Wenn es zu ruhig bleibt, könnte es auch sein, dass gar nichts passiert. Aber es kommt anders: Fünf Minuten vor Mitternacht kommt die Freigabe für den Einsatz, es geht los. Die Berichterstattenden dürfen erst hinterher, wenn die Polizei eine sogenannte statische Lage hergestellt hat. Sprich: Die Läden sind abgeriegelt und voller Polizei. Jeder einzelne Besucher muss sich ausweisen, seine Taschen leeren. Rund 500 Personen werden den gefährlichen Kreisen der zwei Gruppen zugerechnet. Als „präventive polizeiliche Maßnahme“ gelten die Razzien in den Shisha-Bars an der Burgunder Straße in Zuffenhausen und der Hauptstraße in Vaihingen. „Wir hatten im Mai, Juni, Juli viele Kontrollen“, sagt Eckloff. Das habe auch eine Wirkung erzielt: Machtdemonstrationen wie Aufmärsche auf der Königstraße oder vor dem Esslinger Polizeirevier habe es nicht mehr gegeben. „Aber wieder vermehrt Waffenfunde vor Weihnachten.“ Deswegen wolle die Polizei nicht nur nach Waffen und möglicherweise an den Angriffen beteiligten Personen suchen, sondern auch zeigen: „Wir sind noch da.“ Um 0.30 Uhr ist die Lage stabil. Ein Riegel Kleinbusse mit Blaulicht steht vor der Bar am Kreisverkehr in Zuffenhausen. Dazu die Einsatzkräfte, sie schließen jede Lücke zwischen den Stoßstangen. Über Stunden verharren sie da. Keiner soll unkontrolliert raus- oder reinkommen.
Die Bilanz des Abends: 66 Personen und 21 Fahrzeuge werden kontrolliert. Die Polizei findet in drei Fällen Betäubungsmittel. Ein Mann erhält eine Anzeige wegen eines Einhandmessers. Einer hat ein Cuttermesser dabei, einer ein Tierabwehrspray, einer eine Anscheinswaffe, ein täuschend echter Nachbau einer echten Schusswaffe.
Es rumort in den Reihen der Polizei
Auch wenn in dieser Nacht nicht viel gefunden wurde: Entwarnung ist nicht in Sicht. „Es kommen kleine Brüder nach, wenn wir Leute festnehmen, und auch die Bewaffnung geht weiter“, sagt David Fritsch. Das LKA und die Polizei bleiben dran. „Mit wahnsinnig viel Manpower“, wie der Sprecher des Landeskriminalamts sagt. Die Behörde und die regionalen Polizeipräsidien arbeiten in einer Ermittlungskooperation an den Fällen. Allein im LKA sind 60 Personen damit befasst. Das geht offenbar nicht ganz ohne Reibungsverluste. Nach Informationen unserer Zeitung kommt es aktuell im Hintergrund zu Kontroversen, wer die Einsätze anordnet und wer sie verantwortlich führt.