Die Größe des Ladens lässt keinen Platz für Verschwendung. Christian Riethmüller pickt blind die Zutaten aus den Regalen, die er in zwei rollenden Einkaufskörben verteilt. Der 41-Jährige redet schnell, schlägt – in Jogginghose und Sneaker – Haken wie ein Hase und verschwindet ständig hinter einem Regal oder der Tür in ein kleines Lager.
Sein Reich ist der Trieu Asia Markt. Das asiatische Lebensmittelgeschäft liegt im Herzen Stuttgarts unter der meistbefahrenen Straße der Stadt, der B 14. Es befindet sich praktisch vor aller Augen und ist manchmal doch wie unsichtbar. Man findet den Laden in einer ruhigen Ecke der Unterführung zur Stadtbahn-Haltestelle Rathaus hinter einem Blumengeschäft.
Auf gerade mal 40 Quadratmetern ist das Lebenswerk von Christian Riethmüller und seiner Frau Carmen sortiert. Die Auswahl der Produkte ist erlesen – hier gibt es keine 30 Sorten Sesamöl oder Sojasoßen. Stattdessen sind die Hühnerfüße und Garnelen im Tiefkühlfach, Gewürze in der hinteren Ecke, Kimchi im Kühlschrank und die Kochbananen in einem Fach vor dem Laden. Und natürlich Nudeln, unzählige Packungen von getrockneten Ramen-Nudeln. Aufschriften von Flaschen, Tüten und bunten Verpackungen sind auf Chinesisch, Japanisch, Vietnamesisch und Koreanisch.
Das Ehepaar kennt alle Produkte in- und auswendig und hat sich daher im Laufe der Jahre zu einer Art kulturellem Botschafter für asiatische Esskultur in der Stadt entwickelt. Die beiden übersetzen für die Kunden, bauen Vorurteile ab oder erzählen die Geschichte hinter einer trüben Flüssigkeit in einer bunten Flasche, deren Aufschrift für viele nicht zu entschlüsseln ist.
Kulinarische Rätsel
So auch bei der Zab-Mike-Flasche, die Christian Riethmüller hinter einem Regalkomplex aus dem Verborgenen zieht. Ein absoluter Geheimtipp: „Der Inhalt ist im Grunde nichts anderes als vergammelter Fisch“, sagt er. Gibt man die Soße mit grünen Bohnen, Papaya, getrockneten Garnelen, Knoblauch und Chili zu einem Salat, dann hat man einen Papaya-Salat, der genau so schmeckt, wie der, an den sich manche Kunden des Asia-Marktes aus ihrem letztem Thailand-Urlaub erinnern wollen. Die Riethmüllers finden genau die Zutat, die an den europäischen Geschmack gewöhnte Gaumen in süd-ost-asiatischen Gerichten neu entdeckt haben, aber nicht genau benennen können. Auch um solche kulinarische Rätsel zu lösen, tauchen Kunden in die unterirdische Welt des Asia-Marktes ein.
Der Geschmack von vergammeltem Fisch
Ein breitschultriger Handwerker, der sich das Gesicht einer blutenden Frau auf den Unterarm tätowiert hat, schaut sich im Laden um, geht zielgerichtet zum Kühlschrank und holt sich eine Packung mit dünnen, hellgrünen Zitronengras-Stangen heraus. „Ich schmeiß das in meinen Reis. Mal sehen, wie es schmeckt“, sagt er. Ein Mal die Woche kommt er hierher, die Inhaber bezeichnet er als Freunde. Die fermentierte Sojabohnenpaste, die er ebenfalls kauft, sei eine gute Mahlzeit für Bodybuilder wie ihn.
Ein Laden ohne Tageslicht
Die Unterführung wird durch künstliches Licht beleucht. „Im Laden habe ich nicht mal Handyempfang, ich muss immer raus zum Telefonieren“, sagt Christian Riethmüller. Im Winter passiert es manchmal, dass er 24 Stunden kein Tageslicht sieht.
Wenn er montags die Pforten zu der Passage öffnet, in der sich sein Geschäft befindet, dann riecht es in der Unterführung nach Urin. Glassplitter liegen herum. „Die Stadt ist nach den Wochenenden immer komplett abgefeiert.“ Er beobachtet die Leute, die bei ihm einkaufen oder nur vorbeihuschen, um zur U-Bahn zu gelangen oder zum Edelkaufhaus Breuninger, der einen seiner vielen Eingänge nur ein paar Meter weiter in der Unterführung hat. Die Welt da oben nennt er Kessel. Dort hat er seine Erfahrung in der Gastroszene gesammelt.
Der Kessel brachte sie zusammen
Der Kessel war es, der ihn mit seiner Frau zusammenbrachte. Carmens Onkel gründete den Laden Anfang der Nullerjahre und gab ihn dann 2011 an das junge Paar weiter. Carmen Riethmüller war damals 24. Ein Jahr dauerte es, bis sie das Geld für die Ablöse an den Onkel wieder drin hatten, erzählt sie.
Vom Schlossplatz ins Unterirdische
Der Kessel sei es auch gewesen, der Christian mit seinem heutigen Kundenstamm zusammenführte. 13 Jahre hat er im Club Waranga auf dem Kleinen Schlossplatz gearbeitet. Einige seiner Bekanntschaften von damals sind heute selbstständig, betreiben Sushi-Restaurants in der Stadt und kaufen Zutaten bei ihm. Auch Carmen war in der Gastronomie. Ihre Familie betrieb im Bohnenviertel ein chinesisches Restaurant. Inzwischen befindet sich dort das Restaurant Takeshii’s.
Verirrte Seelen im Asia-Shop
Während der Vesperkirche sei die Arbeit im Laden immer eine besondere Herausforderung, sagt Christian Riethmüller. Oben in der Leonhardskirche gibt es sieben Wochen lang Essen und einen Zufluchtsort für Menschen mit niedrigen oder gar keinen Einkommen. So manche verirrte Seele kommt dann auch an seinem Laden vorbei. Manchmal wird geklaut, manchmal sieht man Menschen auf Drogen. Aber nur ein Mal habe es bisher einen größeren Zwischenfall gegeben. Eine Frau sei handgreiflich geworden, er musste die Polizei rufen.
Kuriose Trends der südostasiatischen Kultur würden sich rasend schnell auf ihr Geschäft übertragen. Beispielsweise der globale Aufstieg von K-Pop und damit verbunden der Trend zu koreanischen Esskultur. „Auf Tiktok sind gerade Buldak-Nudeln im Trend“, sagt Carmen Riethmüller. Auf sozialen Netzwerken stellen Nutzer Videos online, in denen sie mit viel Käse und Eiern angereichert daraus Gerichte kochen. Bei Riethmüllers stehen die Nudeln kistenweise vor der Tür. „Die werden mit am häufigsten geklaut.“ Zwei Euro kostet eine Packung.
Auch negative Gesellschafts-Trends wirken sich aufs Geschäft aus. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima sei praktisch von einem Tag auf den anderen das Geschäft zusammengebrochen. Die Kunden befürchteten, verstrahlte Lebensmittel zu kaufen. „Einer ist mit Geiger-Zähler hier reingelaufen“, sagt Christian Riethmüller. Auch während der Corona-Pandemie habe man „Ablehnung und Rassismus“ erfahren.
Pandan-Blätter als Kaffeesüßer
„Die Kunden brauchen die Kommunikation mit uns“, sagt Carmen Riethmüller. Vormittags verbringt sie die Zeit im Laden, um jenen die Produkte zu erklären, denen sie Chinesisch vorkommen. Sie tauscht Rezepte aus, klärt auf. Eine ältere Frau mit orange gefärbten Haaren schnappt sich drei dicke Brocken Ingwer aus einer Kiste. „Im Supermarkt haben die nicht diese großen Stücke. Ich mache das immer in meinen Tee“, sagt sie. Sie bezahlt auf den Cent genau. Ein anderer Kunde hat Diabetes und süßt seinen Kaffee am liebsten mit nach Vanille schmeckenden Pandan-Blättern. Viele Kunden seien bereit, ihren Esshorizont zu erweitern. „Inzwischen kaufen auch Deutsche Hühnerfüße bei uns“, sagt Carmen Riethmüller. „Daraus lässt sich ja auch eine starke Brühe kochen.
Pandan-Blätter versüßen den Tee
Manche Produkte bleiben dem westlichen Gaumen aber fremd. Wie die Stinkfrucht Durian. Sie fristet ihr Dasein doppelt verschweißt in einem der Kühlschränke. Optisch erinnert sie an eine Mango. Aber durch die Verpackung dringt ein beißend zwiebeliger Geruch. „Unsere Thai-Kunden essen das total gerne roh“, sagt Carmen Riethmüller.
Riethmüller beliefert auch Stuttgarter Restaurants
200 Kunden kommen an gut besuchten Tagen. Vor Corona seien es auch mal 300 gewesen, die auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause ihre Sojasoßen und Chili-Öle kauften. Das Geschäft hat sich im Lauf der Jahre geändert. Inzwischen befüllt Christian Riethmüller vormittags Einkaufskörbe und liefert sie bei einem Spaziergang durch die Stadt in angesehene Restaurants, die bei ihm kleine Mengen Lebensmittel kaufen, wenn sie mal einen neuen Reis oder Zutaten für eine neue Soße ausprobieren wollen.
Den ehemaligen Türsteher, den Riethmüller in einer schmalen Küche eines Sushi-Restaurants in den Arm nimmt, kennt er noch von seiner Zeit, als er selbst in der Gastronomie gearbeitet hat. Der Kessel sei es gewesen, sagt er unermüdlich. Der habe ihn auch mit diesem Freund zusammengeführt.