Assistierter Suizid aus Fellbach Dustin Schubert und der Tod – emotionalste Begleitung war die des eigenen Vaters

, aktualisiert am 19.11.2025 - 10:29 Uhr
Dustin Schubert steht hinter seinem Firmenauftrag und ist wegen des Themas Sterbehilfe regelmäßig im Bundestag. Foto: privat

Dustin Schubert war Bestatter und ist seit dem Jahr 2023 Geschäftsführer der Linus Sterbehilfegesellschaft mit Sitz in Fellbach – und das Geschäft boomt.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Sobald das Rädchen gedreht ist, geht es schnell. Die Sterbewilligen müssen das Infusions-Ventil selbst öffnen. Sofort danach tropft ein Narkosemittel in tödlicher Überdosis in die Venen. Aufhalten lässt sich der Vorgang dann nicht mehr. Der Arzt legt nur den Zugang für das todbringende Mittel. „Die Entscheidung bleibt vollständig beim Patienten, auch mit der Möglichkeit, doch noch abzubrechen“, erklärt Dustin Schubert.

 

Er weiß das deshalb so genau, weil er Linus – eine Sterbehilfegesellschaft mit Sitz in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) – gegründet hat und in der Anfangszeit noch selbst bei vielen Sterbebegleitungen gemeinsam mit dem durchführenden Arzt als Zweierteam anwesend war. Nur einmal habe er es dabei erlebt, dass ein Sterbewilliger den Vorgang in letzter Sekunde abgebrochen habe. „Der wollte doch noch das VfB-Spiel schauen. Und dann hat der auch noch verloren“, sagt Dustin Schubert.

Schubert hat bei den Sterbebegleitungen schon viel erlebt

Der 37-Jährige hat schon so ziemlich alles erlebt – Menschen, die sich mit Alkohol volllaufen ließen; eine Frau, die extra nochmal ihr Hochzeitskleid angezogen hat oder ein Sterbewilliger mit Lungenkrebs im Endstadium, der noch ein paar letzte Kippen geraucht hat. „Einer ist vorher noch mal in den Pool gehüpft. Es ist selten nur tragisch. Die Leute, die von uns Hilfe wollen, sehnen den Tod herbei und fühlen sich erleichtert.“ Doch so eine positive Einstellung hatte Dustin Schubert nicht immer zum Thema Sterbehilfe. Gefragt nach seiner emotionalsten Begleitung würde der Familienvater mit den Tätowierungen und der bewegten Vita wohl die des eigenen Vaters angeben. Dessen Tod und letzter Wille macht Schubert dafür verantwortlich, dass er zur Freitodbegleitung kam und Linus gegründet hat – eine Sterbehilfegesellschaft, die sich laut Schubert seit dem Start 2023 nicht vor Anfragen retten kann.

Aber der Reihe nach: Dustin Schubert – wohnhaft mit Familie und Tieren auf einem Aussiedlerhof im Rems-Murr-Kreis – erinnert sich noch gut, wie sein Vater ihn anrief und über Rücken- und Bauchschmerzen klagte. „Meine Eltern sind mit mir als Kind nach Spanien ausgewandert. Mein Vater blieb dort, wir hatten aber trotzdem immer ein inniges Verhältnis. Ich wollte mich deshalb sofort kümmern, holte ihn nach Deutschland und freute mich, dass er bei uns wohnte und so präsent war.“ Doch so schön das Wiedersehen, so schrecklich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Ich habe trotz auswegloser Lage alle Hebel in Bewegung gesetzt und wir konnten durch gute Kontakte und mit viel Geld noch eineinhalb Jahre rausholen“, erklärt der 37-Jährige, der vor der Gründung von Linus als Bestatter aktiv war, mehrere Häuser führte und, so wie es klingt, keine Geldprobleme zu haben scheint – nicht mehr zumindest: „Ich bin ärmlich in Berlin aufgewachsen. Und auch in Spanien fehlte oft das Geld.“

Sein Vater hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und will irgendwann nicht mehr

Als das Leiden zu schlimm wurde, entschied sich der Vater von Dustin Schubert für Sterbehilfe und schockierte den Sohn damit. „Ich habe mich verraten gefühlt.“ Doch der Vater zog das Ganze trotzdem durch und hinterließ seinem Sohn Aufschriebe mit seiner Idealvorstellung von Sterbehilfe. Nach einer schwierigen Phase der Trauer und dem Entschluss, als Bestatter aufzuhören, öffnete sich Schubert für das Thema und fing an, Linus zu planen – nach den Kriterien des Vaters. „Er wollte, dass jeder die Chance kriegt, gehört zu werden. Ohne Wartezeit oder Vertrag.“ Andere Anbieter setzen eine Mitgliedschaft voraus. Der frühere Bestatter und gelernte Altenpflegehelfer Dustin Schubert hat sich dagegen bewusst für das Datenbank-Verfahren entschieden. Wer Sterbehilfe in Anspruch nehme, solle möglichst schnell eine Antwort erhalten, ob er in Frage komme, ohne Vereinsaufnahme und Wartezeiten.

Der assistierte Suizid erfordert ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Foto: imago

Kritiker hingegen sehen in dem mitgliedschaftsfreien Verfahren eine Möglichkeit, mehr Sterbewillige zu begleiten. Denn mit assistiertem Suizid lässt sich Geld verdienen. Schubert kennt die Kritikpunkte. Doch er scheint damit klar zu kommen und die Nachfrage gibt ihm Recht. Das Geschäft boomt – so stark, dass ein Umzug nach Stuttgart geplant ist. „Wir haben rund 6000 Anfragen im Monat. Heißt, wir haben keinen Markt eröffnet, sondern da ist ein riesen Bedarf.“

Es sei viel „Stimmungsmache“ und „Halbwissen“ dabei. „Viele wollen nicht leiden bis zum bitteren Ende. Für andere ist Sterbehilfe gar nichts. Es ist Quatsch, dass das jetzt komplett ausufern wird“, sagt der 37-Jährige, der auch im Bundestag seine Meinung vertritt und den Kritikern in einem Punkt Recht gibt, nämlich in der Verschärfung des Umgangs mit lebenssatten Personen.„Wenn da eine ältere Frau anruft, die sich einsam und nicht mehr gebraucht fühlt, dann geben wir das weiter und würden da niemals eine Begleitung erwägen.“ Gleiches gelte für die besonders schützenswerte Gruppe der psychisch Kranken und Dementen. „Die begleiten wir niemals, sondern schalten Kriseninterventionsteams ein, sodass wir abends noch in den Spiegel blicken können.“ Aktuell werde das Team auch um einen Psychotherapeuten erweitert.

Schubert betont im Gespräch die Wichtigkeit der Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit sowie der Freiverantwortlichkeit und erklärt: „Wenn der Tod eingetreten ist, wird trotzdem pauschal immer die Kripo informiert.“ Auch zu den Kosten gibt es genaue Angaben – 8950 Euro kostet die Begleitung bei Linus. Die erste Hälfte des Betrags ist fällig, sobald die Aufnahme in die Datenbank erfolgt ist. In diese gelangen die wenigsten. Diejenigen, die abgelehnt würden, erhielten eine „fundierte Rückmeldung“, sagt Schubert. „Wir wählen gezielt aus, schließlich sind wir uns der großen Verantwortung bewusst.“

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

Legalisierung des assistierten Suizids

Erlaubt
Am 26. Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht das bis dahin geltende Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung (§ 217 StGB) für verfassungswidrig. Seither ist es in Deutschland möglich, seinem Leben ärztlich begleitet, aber durch eigene Hand, ein Ende zu setzen.

Verboten
Nach wie vor verboten ist in Deutschland aktive Sterbehilfe. Hier nimmt die sterbewillige Person das tödliche Medikament nicht selbst ein, sondern jemand anderes verabreicht das Mittel.

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